Wednesday, March 26, 2014

Zeit heilt Wunden

Edita ist gestorben.
Am 21.03.14, einen Tag nach dem erfolgreichen Reifenwechsel, hat das Rad blockiert, die Schaltung sich selbst zerstört und wieder einmal stand ich an exakt der selben Stelle auf der Brücke mit einem kaputten Drahtesel. Dieses Mal, nach professioneller Meinung eines jungen Herrn, der extra angehalten hat, um mein Unglück näher zu analysieren, irreparabel. Ich trug sie also über die Brücke, erwies ihr die letzte Ehre eines Fahrradständers und übergab ihren Leichnam der Wissenschaft der Bastler und Schrottteilesammler. 
Was mir blieb ist ihr hellblaues Schloss, welches ich seit jenem grauen Tage wie den Schuh von Aschenputtel mit mir herum trug.

Weder online noch auf dem Wochenmarkt wurde ich fündig. Die Second-Hand-Fahrradläden um die Ecke verlangten horrende Preise und so war ich auf die Gnade meiner liebsten Mitbewohnerin angewiesen. Wenigstens konnte ich so weiterhin meine Freiheit auf dem Radweg genießen. 

Mittlerweile wurde es Frühling. Das kurze Eiszeitintermezzo ist schon längst vergessen, die Quecksilbersäule im Thermometer klettert in die Höhe und die ersten, zartgrünen Spitzen der Frühblüher haben den Weg zur Sonne gefunden. Die Luft ist erquickend, gefüllt vom Gezwitscher der Vögel und Gelächter der Menschen. Ich wache auf mit einem Lächeln auf den Lippen - dass dies einem Wunder gleich kommt, müsst ihr mir nun einfach glauben, da ich mein sonst so grummeliges Morgenselbst niemandem zumuten möchte. Der März neigt sich dem Ende zu und meiner Obsession nachgebend, habe ich vor einigen Tagen die mir verbleibenden Wochen gezählt. Dreizehn Wochen verbleiben. Nicht einmal mehr einhundert Tage. So langsam sollte ich mir Gedanken über das "Danach" machen.

Einerseits fühlt es sich sehr weit weg an. Nicht greifbar. Andererseits klopft es quasi an die Türe und verlangt Aufmerksamkeit. Es ist nicht allein das Nach-Hause-kommen. Eine Wohnung - oder WG - findet sich ebenfalls nicht von alleine. Womit sich auch gleich die Frage verbindet: wie geht es weiter? Nach dem Studium - was sind meine Pläne? Bleibe ich in Dresden? Gehe ich in eine andere Stadt? Wenn ja, welche? Ich kann es mir nicht vorstellen, Sachsen der Ausbildung wegen zu verlassen. Andererseits habe ich es mir vor einem Jahr nicht einmal getraut, davon zu träumen, mich in Riga heimisch zu fühlen. Es ist immer leichter, von seinen Verpflichtungen davon zu laufen und Entscheidungen aufzuschieben. Kein Wunder, dass so viele vor dem Ende des Studiums zittern. Wieder einmal verlässt man das gemachte Nest und muss im eisigen Wasser des Neuanfanges baden.

Genug der Metaphern. Bevor ich mich hier selbst in meinen Gedankengängen verliere, sollte ich mich lieber auf das Hier-und-Jetzt stürzen. Es gilt, jemanden willkommen zu heißen. Helga ist ihr Name und sie ist eine großgewachsene, junge Dame, die in ihrem modernen Auftreten und fast ganz in Grün mein Herz erobert hat. Außerdem steht ihr das hellblaue Vorhängeschloss fantastisch!
Gefunden haben wir sie dank Dace in einem Second-Hand-Laden hinter der Universität. Abenteuerlich, diesen Schuppen zu finden und noch aufregender, wenn man sich dazu entschließt, eine dieser unzähligen Schönheiten gemeinsam zu adoptieren. Ja, die Steffi macht Geschäfte - der glückliche Papa von Helga ist Vili, der es auch nach über einem halben Jahr nicht geschafft hatte, sich ein Rad zu kaufen. Das nennt man wohl "Zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen" - und da geteiltes Glück gleich doppelt so schön ist, kann ich mit bestem Wissen und Gewissen sagen, dass sie in einen liebevollen Haushalt kommt. Wenn der Countdown abgelaufen ist, wird der Herr Papa die Pflege übernehmen.
Bis dahin wird Helga, wie Edita vor ihr, meine treue Begleitung sein.

 Editas Ende
Helgas Anfang

Thursday, March 20, 2014

Zeit für Wechsel

Heute ist astronomischer Frühlingsanfang.

Der Schnee der letzten Tage ist geschmolzen, die Temperaturen steigen unerträglich langsam aber stetig. Edita freut sich schon seit Beginn meines Kurses auf ihre regelmäßigen Touren durch Riga und das Sonnenbaden am Fahrradständer, während ich im Krankenhaus unerbittlich vor mich hin intubiere, ventiliere und reanimiere.

Nach dem verfrühten Frühjahrsluftwechsel in ihren Reifen, machte sie auf halber Strecke schlapp. Schnell am Morgen wieder aufgepumpt an der öffentlichen Pumpe, schaffte ich es heute noch über die Daugava. Wow, mir was nicht bewusst, dass man so gut driften kann mit einem Platten am Hinterrad. Kurzer Hand musste ich Edita am Olimpia stehen lassen und den Trolley zum Krankenhaus nehmen. Drei Stunden intubieren und einen entspannten halbstündigen Spaziergang später stand ich enttäuscht vor den Rimi-Regalen der Technikabteilung. Es gab Luftpumpen, Klingeln, Ventile - aber keine Schläuche.

Zeit für einen kleinen Zaubertrick, der mir schon mal die ungestörte Fahrt gerettet hat - aber leider brachte der Ventilwechsel überhaupt nichts. Mit fünf Boxenstops zum Aufpumpen schaffte ich es doch noch nach Hause. Glücklicher Weise habe ich zwei Fahrradläden in der Nähe und kurze Zeit später war ich um einen neuen Fahrradreifen reicher. Jetzt begann der witzige Teil. Meine Finger waren lange nicht mehr so schwarz, aber nachdem ich drei Messer als Reifenheber missbraucht und fast den Schraubenschlüssel beim Festziehen abgebrochen habe gab es nur noch eine Schwierigkeit: was zur Hölle ist das für ein Ventil und wie soll ich den Reifen dadurch aufpumpen?
Ich wusste ja, dass Franzosen sehr eigensinnig sind - aber dass man solch seltsame Ventile konstruieren muss... nach ewigem Rumprobieren, viel Zähneknirschen und Wechseln der Adapter meiner nigelnagelneuen Luftpumpe gehörte der leere Schlauch auch der Vergangenheit an und Edita und ich sind endlich wieder gemeinsam unterwegs.

Der Frühling kann kommen!

Montag... 
Heute!



Saturday, March 15, 2014

Chor, Couleur und Cumulus

Lettland zeigt mir immer wieder neue Seiten. Vom plötzlichen Wetterumschwung, getriggert - wie könnte es anders sein - durch Hannes' Abreise, hin zu blizzardähnlichen Zuständen ganz abgesehen, gibt es ständig Sachen, die mich in Erstaunen versetzen. Und das, obwohl ich schon 8 Monate (ach du Schreck!) hier bin.

Zum Beispiel, dass man, obwohl sich jeder Drahteselbesitzer hier permanent über die Zustände in dieser Stadt beschwert, doch erstaunlich schnell von A über B nach C kommt. In meinem Fall war es der Weg von zu Hause zum Stradiņš Krankenhaus auf der anderen Seite des Flusses, anschließend zum Technology Center und wieder zurück zum Ausgangspunkt - eine Strecke von insgesamt vielleicht knapp 18km, die man aber problemlos zurück legen kann. Auf dem Rückweg haben auch die Reifen der lieben Edita an der städtischen Luftpumpe eine neue Füllung bekommen - alles ganz unkompliziert. Da sagt noch mal einer, Riga sei keine Fahrradstadt! Wenn man die Augen nach den Fahrradwegzeichen offen und sich an diese Anweisungen hält, würde ich sogar fast soweit gehen und sagen: es lässt sich besser fahren als in Dresden. So!

Wenn jetzt alle ihr empörtes Schnappatmen hinter sich gebracht haben, geht es weiter im Programm: ein Chorauftritt stand ins Haus. Schon bevor ich nach Rīga gekommen, ja, sogar bevor ich die Eingangsbestätigung für meinen Erasmusantrag erhalten habe, hat mir mein lieber Herr Papa einen Online-Artikel über die Sangesfreuden dieses kleinen Völkchens gezeigt. Man könnte also meinen ich wüsste, was mich erwartet. Falsch! Dieses nun dritte Konzert mit dem Martinkoris ist das zweite, welches im wohl typisch lettischen Rahmen stattfindet - in einem gemütlichen Konzertsaal mit vier anderen Chören aus ganz Lettland, die es sich im Zuschauerraum bequem machen. Eigentlich ganz logisch: die, die zum Zuhören kommen, gehören sowieso einem Chor an, weshalb also nicht ein Konzert von, mit und für den Zuschauer? Heute waren wir eine besonders bunte Truppe, die sich im Kulturas nams nahe der Stadtgrenze Rigas traf. Mit dabei unter anderem ein Chorkollektiv aus Ventspils und ein Verbindungschor. Da ich durch Freunde nicht mehr so ganz unbefleckt bin, was die Burschenschaftstradition angeht, war ich auf diesen Teil des Programmes sehr gespannt. 

Man hat sie schon vorher erkannt, an ihren bunten Kappen, die alle mit einem mehr oder minder ähnlichem Stern bestickt waren und sich vor allem durch die Farbzusammenstellung unterschieden: von Quietschorange über Grün- und Blautöne bis zum tiefsten Schwarz. Erstaunlicher Weise kein Rot-Weiß dabei... farblich passend trugen die Herren der Schöpfung außerdem auch eine sehr schmale Schärpe in den Verbindungsfarben. Die Liederwahl hätte auch unerwarteter nicht sein können! Natürlich kann ich nicht behaupten, die Texte verstanden zu haben, aber traditionelle und nationale Lieder waren es - bis auf das Letzte, was mit einem triumphalen Mütze-in-die-Luft-halten beendet wurde, nicht. Nein, sie sangen Jazz- und Swingarrangements, deren Fröhlichkeit und Beschwingtheit aber leider von ihrem steifen Auftreten etwas gehemmt wurden. Dem Chorleiter stand auch das Unbehagen ins Gesicht geschrieben, wenn er, nach Ende jedes Auftritts eines anderen Gastchores, den leitenden Damen Blumen mit einem Wangenküsschen überreichen musste. Nur einer der Herren war so selbstbewusst und in seiner Mimik so unlettisch lebhaft, dass es eine wahre Freude war, ihn zu beobachten.

Es war ein schöner Abend und, wie ich erfahren durfte, auch eine typische Freizeitgestaltung für die hier Lebenden im mittleren Alter. In Deutschland ist das wohl ganz gut mit Vereinsleben gleichzusetzen, was sich hier auf Chorkonzerten abspielt. Auch sehr erstaunlich: unter den wenigen wirklichen Gästen, die wahrscheinlich Familie von Auftretenden waren, waren die Kinder eine besondere Freude. Artig und brav saßen sie bis auf ein mit dem Fuß wippen regungslos neben ihren Eltern und lauschten gespannt dem, was da an Unterhaltung geboten wurde. Selbst die ganz kleinen Mäuschen, deren bloßer Anblick im Rahmen eines klassischen Musikabends mir ein Falten vervielfältigendes Runzeln auf die Stirn treibt, waren still und aufmerksam. So etwas habe ich noch nie erlebt. Lettland, ich bin beeindruckt!

Mittlerweile hat sich der Schneesturm gelegt und ist einem konstantem Nieselregen gewichen. Dieses Matschwetter erinnert mich an die Heimat: Samstagabend, auf der Couch vor dem Fernseher, in den so schön anzuschauenden Ikea-Katalogen blätternd - um dann, ganz spontan, und ohne Rücksicht auf die Männerwelt, da wir sie eh zu Hause lassen, noch einmal mit Mutti loszuziehen, um diesen Laden der Möglichkeiten um ein paar Dekoartikel und Stauraumlösungen ärmer zu machen. Wie ich es vermisse...

Montag, 10°C 
Der Beginn des Schneesturms, Samstag, -1°C

Friday, March 14, 2014

Andere Gäste, andere Sitten

Frühling, Wärme, Sonnenschein - was kann schöner sein?
Mit Hannes allein kann es noch schöner sein!

Okay, zugegebener Maßen eine miserable Anlehnung an Die Ärzte. Dennoch wahr - passend zu Hannes' Ankunft am Flughafen schafften es auch die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und innerhalb weniger Stunden war der erste Sonnentag gesichert. Auch die darauf folgenden waren nicht weniger schön - damit waren die ersten Variablen eines gelungenen Kurzurlaubs auch schon kalibriert. Was noch fehlte waren Ausflugsziele, Freizeitgestaltung und Ruhepausen, doch auch das ist bei so grandiosem Wetterbericht ein Klacks! So langsam bekomme ich den Dreh raus, was das Entertainment betrifft. Mit der kostenlosen Zentrumstour von den netten Studenten mit dem gelben Koffer konnte ich auch gleich meine Wissenslücken auffüllen. Außerdem lernten wir da einen Hamburger kennen, der uns die nächsten Tage noch häufiger über den Weg lief... Paranoia klopft ans Fenster - die Tür wäre ja zu offensichtlich gewesen.

Bei unserem Tagesmarsch durch das Moor bei Ķemeri, wo die gerade erst durch Schmelzwasser entstandenen Tümpel vom grünen Moos aufgesogen werden, mit anschließendem Beine-baumeln-lassen bei 17°C am Ostseestrand in Jūrmala haben wir sogar noch ein kleines Cardioprogramm eingebaut - Hannes ist nun also bestens auf seinen Theater- und Museen-Dauerlauf in London vorbereitet (und den Zug haben wir auch gerade rechtzeitig erreicht!). Roberts books wurde geplündert, die Alberta iela mit ihren Jugendstilprachtbauten (von Hannes) photographisch festgehalten und zu Guter letzt sogar die Stillleben der Kunstsammlung in der Rigaer Börse auf Zeichen des Verfalles untersucht. Dazwischen gab es etliche Kakao-und-Kaffee-Kränzchen, bunte Donuts mit und ohne Füllung, Ausgrabungen an der Käsetheke und einen Artus auf DVD. Lesen, bis mir das Buch ins Gesicht gefallen ist, Frühstück an immer anderen Orten, Soprano- und Alto-Stimmgruppenprobe sogar mit Hannes und als krönender Abschluss die fröhliche Cocktailstunde in Omas briljants, wo mit einem Cosmopolitan stilecht auf ein paar wundervolle Tage in Rīga angestoßen wurde.

Danke, mein Lieber, für die unzähligen Gespräche, das herrliche Wetter und die tolle Gesellschaft!

Was Hannes so nebenher entdeckt... 


Da war mal mehr Wasser drin... 






Hannes und ich beim Sonnenbaden 
Etwas Künstlerisches zum Abschluss

Friday, March 7, 2014

3700km, 7 Tage, 3 Länder

Tallinn:



 Danke, Martin!




Kemi:






Rovaniemi:





Huskyfarm:







Cooking&Quality Time





Saariselkä:










Rentierfarm und Inari Sámi:




Auf dem Weg nach Norwegen:




Ankunft in Bugøynes:












Sonnenuntergang auf der Rückfahrt nach Saariselkä:




Der letzte Tag: