Lettland zeigt mir immer wieder neue Seiten. Vom plötzlichen Wetterumschwung, getriggert - wie könnte es anders sein - durch Hannes' Abreise, hin zu blizzardähnlichen Zuständen ganz abgesehen, gibt es ständig Sachen, die mich in Erstaunen versetzen. Und das, obwohl ich schon 8 Monate (ach du Schreck!) hier bin.
Zum Beispiel, dass man, obwohl sich jeder Drahteselbesitzer hier permanent über die Zustände in dieser Stadt beschwert, doch erstaunlich schnell von A über B nach C kommt. In meinem Fall war es der Weg von zu Hause zum Stradiņš Krankenhaus auf der anderen Seite des Flusses, anschließend zum Technology Center und wieder zurück zum Ausgangspunkt - eine Strecke von insgesamt vielleicht knapp 18km, die man aber problemlos zurück legen kann. Auf dem Rückweg haben auch die Reifen der lieben Edita an der städtischen Luftpumpe eine neue Füllung bekommen - alles ganz unkompliziert. Da sagt noch mal einer, Riga sei keine Fahrradstadt! Wenn man die Augen nach den Fahrradwegzeichen offen und sich an diese Anweisungen hält, würde ich sogar fast soweit gehen und sagen: es lässt sich besser fahren als in Dresden. So!
Wenn jetzt alle ihr empörtes Schnappatmen hinter sich gebracht haben, geht es weiter im Programm: ein Chorauftritt stand ins Haus. Schon bevor ich nach Rīga gekommen, ja, sogar bevor ich die Eingangsbestätigung für meinen Erasmusantrag erhalten habe, hat mir mein lieber Herr Papa einen Online-Artikel über die Sangesfreuden dieses kleinen Völkchens gezeigt. Man könnte also meinen ich wüsste, was mich erwartet. Falsch! Dieses nun dritte Konzert mit dem Martinkoris ist das zweite, welches im wohl typisch lettischen Rahmen stattfindet - in einem gemütlichen Konzertsaal mit vier anderen Chören aus ganz Lettland, die es sich im Zuschauerraum bequem machen. Eigentlich ganz logisch: die, die zum Zuhören kommen, gehören sowieso einem Chor an, weshalb also nicht ein Konzert von, mit und für den Zuschauer? Heute waren wir eine besonders bunte Truppe, die sich im Kulturas nams nahe der Stadtgrenze Rigas traf. Mit dabei unter anderem ein Chorkollektiv aus Ventspils und ein Verbindungschor. Da ich durch Freunde nicht mehr so ganz unbefleckt bin, was die Burschenschaftstradition angeht, war ich auf diesen Teil des Programmes sehr gespannt.
Man hat sie schon vorher erkannt, an ihren bunten Kappen, die alle mit einem mehr oder minder ähnlichem Stern bestickt waren und sich vor allem durch die Farbzusammenstellung unterschieden: von Quietschorange über Grün- und Blautöne bis zum tiefsten Schwarz. Erstaunlicher Weise kein Rot-Weiß dabei... farblich passend trugen die Herren der Schöpfung außerdem auch eine sehr schmale Schärpe in den Verbindungsfarben. Die Liederwahl hätte auch unerwarteter nicht sein können! Natürlich kann ich nicht behaupten, die Texte verstanden zu haben, aber traditionelle und nationale Lieder waren es - bis auf das Letzte, was mit einem triumphalen Mütze-in-die-Luft-halten beendet wurde, nicht. Nein, sie sangen Jazz- und Swingarrangements, deren Fröhlichkeit und Beschwingtheit aber leider von ihrem steifen Auftreten etwas gehemmt wurden. Dem Chorleiter stand auch das Unbehagen ins Gesicht geschrieben, wenn er, nach Ende jedes Auftritts eines anderen Gastchores, den leitenden Damen Blumen mit einem Wangenküsschen überreichen musste. Nur einer der Herren war so selbstbewusst und in seiner Mimik so unlettisch lebhaft, dass es eine wahre Freude war, ihn zu beobachten.
Es war ein schöner Abend und, wie ich erfahren durfte, auch eine typische Freizeitgestaltung für die hier Lebenden im mittleren Alter. In Deutschland ist das wohl ganz gut mit Vereinsleben gleichzusetzen, was sich hier auf Chorkonzerten abspielt. Auch sehr erstaunlich: unter den wenigen wirklichen Gästen, die wahrscheinlich Familie von Auftretenden waren, waren die Kinder eine besondere Freude. Artig und brav saßen sie bis auf ein mit dem Fuß wippen regungslos neben ihren Eltern und lauschten gespannt dem, was da an Unterhaltung geboten wurde. Selbst die ganz kleinen Mäuschen, deren bloßer Anblick im Rahmen eines klassischen Musikabends mir ein Falten vervielfältigendes Runzeln auf die Stirn treibt, waren still und aufmerksam. So etwas habe ich noch nie erlebt. Lettland, ich bin beeindruckt!
Mittlerweile hat sich der Schneesturm gelegt und ist einem konstantem Nieselregen gewichen. Dieses Matschwetter erinnert mich an die Heimat: Samstagabend, auf der Couch vor dem Fernseher, in den so schön anzuschauenden Ikea-Katalogen blätternd - um dann, ganz spontan, und ohne Rücksicht auf die Männerwelt, da wir sie eh zu Hause lassen, noch einmal mit Mutti loszuziehen, um diesen Laden der Möglichkeiten um ein paar Dekoartikel und Stauraumlösungen ärmer zu machen. Wie ich es vermisse...
Montag, 10°C
Der Beginn des Schneesturms, Samstag, -1°C


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