Sunday, September 29, 2013

Woran man merkt, dass...

...es in der Wohnung zu kalt ist. [Eine Sammlung]

Man schläft mit Socken - und findet diese am Morgen nicht auf dem Fußboden liegend, in ein Stoffknäuel verwandelt, sondern tatsächlich noch an den Füßen.

Der beste Platz, um entspannt ein Buch zu lesen, ist unter der Bettdecke.

Der morgendliche Anblick von Akrozyanose im Spiegel verwundert einen nicht mehr.

Zwiebellook wird vom Modeverbrechen zum Überlebensgarant.

Man ist lieber überall, nur nicht zu Hause.

Man hat regelrechte Horrorängste wenn es ans Umziehen geht, da die Kleidung im Schrank keine Körpertemperatur hat.

Das Lieblingsgetränk ist Tee. Und selbiger ist immer viel zu schnell alle.

Um mit den Eltern zu skypen versucht man schon 30 Minuten vorher, mit einer einsamen Kerze die Hände aufzutauen, um das Touchpad des Laptops bedienen zu können. Dass man dabei ein TShirt, drei Pullis, eine Leggins, Kniestrümpfe, Sportsocken, Wollsocken und die dicke Jogginghose unter einem Cape gebastelt aus der Tagesdecke des Bettes trägt, ist natürlich Grundvoraussetzung. (Ich gebe zu, das war übertrieben. Die Kniestrümpfe und ein Pulli sind gerade in der Wäsche.)

Man erledigt freiwillig den Abwasch und bleibt noch 10 Minuten nach verrichteter Arbeit verträumt mit durch Wasser und Spülmittel aufgequaddelten Fingern in der Aufwaschsuppe stehen, nur, um ja alle Wärme aus dieser Brühe in sich aufzusaugen. (In der Dusche natürlich das selbe Prozedere!)

Burgenroulette

Die Woche beginnt am Freitag. Jedenfalls fühlt es sich so an.
Das könnte natürlich daran liegen, dass ich momentan nicht wirklich viel für die Uni zu tun habe und daher meine Wochentage anders fülle. Doch dieses Wochenende-von-Montag-bis-Donnerstag wird sich auch bald gegessen haben. Gott sei Dank, sei da gesagt. Mir fällt zu Hause und in der Bibliothek bald die Decke auf den Kopf. Wenn ich noch eine Woche länger die Ironie im "We love silence"-Schild im Lesesaal suchen muss, weil um mich herum wieder Leute telefonieren oder, noch nervtötender, lautstark Fußballspiele auswerten, kann ich für Stille meinerseits nicht mehr garantieren. Und ich kann LAUT werden. Liegt wohl in den Genen, nicht wahr, Muddi?

Freitag war Regen pur. Doch ich habe mich, nachdem mein unerschöpflicher Optimismus (das Finden eines dicken Pullis betreffend) einen kleinen Dämpfer bekommen hat, doch tatsächlich dabei erwischt, dass ich mir beim Anblick der digitalen Temperaturanzeige von 8 Grad Celsius folgender Satz durch den Kopf ging: "Passiert." Und mit einem Schulterzucken, den Regenschirm schützend über meinem noch zusätzlich mit einer Kapuze bedeckten Kopf aufgespannt, marschierte ich weiter im Slalom durch den Pfützenparcours nach Hause.

Der Samstag war kalt, windig und begann mit einem Regenguss wie aus Kübeln. Doch pünktlich um 9, als ich von Schena, seiner Freundin Anna und Edgars abgeholt wurde, klarte der Himmel auf und die Sonne begleitete uns auf unserem Weg nach Sigulda. Auf halber Strecke mussten wir stoppen. Das angeblich vollständig reparierte Auto, was sich Schena geliehen hat, hatte einen kleinen Teich im Fußraum der Beifahrerseite ausgebildet. Also Stop an einer Tanke mitten im Nirgendwo um das Schuhwerk der Frauen vor weiteren Schäden zu bewahren. Als das erledigt war  und wir zurücksetzten zum Ausparken, haben wir einen Teil des Grills verloren. Der wurde dann, vollkommen professionell, wieder mit diesen Plastikdingern befestigt, die dieses lustige Ratsch-Geräusch von sich geben, wenn man sie schließt, und die man nicht wieder öffnen kann. Jaja, ich bin ein absoluter Profi, was die Ausstattung einer normalen Garage angeht.

Schlussendlich haben wir es nach Sigulda geschafft. Die Stadt lag im Nebel, ebenso die Burg, welche ultramodern zu einer Auftrittsstätte umkonzipiert worden ist. Nach der kleinen Tour dort ging es weiter zur nächsten Burg, die man von der Stadtburg Siguldas aus schon sehen konnte: Turaida.
Hier war weit mehr Gewusel, die obligatorischen Deutschen waren natürlich auch vor Ort. Geendet hat unsere Rundfahrt, nachdem wir Edgars' Winterklamotten bei ihm zu Hause (ein Dorf in der Nähe von Cēsis) eingesackt hatten, in Cēsis. Die dritte und vierte Burg an diesem Tag. Zu erst ging es in die Ruine der alten Burg. Wir haben jeweils eine Laterne in die Hand gedrückt bekommen und marschierten also los. Keine Elektrizität, nur Kerzenschein. Man konnte sich richtig zurück versetzen in die dunklen Zeiten des Mittelalters. Frei herumstromernd erkundeten wir wie kleine, neugierige Kinder, jeden Winkel, jeden Aufgang und jede Nische im Gelände. Vor Freude strahlende Gesichter, als man endlich auf dem höchsten Punkt des Turmes angekommen ist. Der Ausblick wurde nur noch getoppt vom Ausblick des Turmes der neuen Burg. Ein Regenbogen und Sonnenschein über den Dächern von Cēsis.

Gegen halb 5 ging die Abenteuerreise wieder zurück nach Rīga, da ich noch eine Erasmus-Veranstaltung am Abend hatte: ein Abend auf dem Riverboat Misisipi. Viele witzige Spiele, ein monströses Buffett und unser eigener DJ - da konnte die Party losgehen! Zur zweiten Feier des Tages - dem Namenstag der ErasmusMutti Lana - haben wir baltische Laternen fliegen lassen. Das sind diese Lampions aus Reispapier, die wie ein Ballon in die Luft steigen. Dazu Rīga bei Nacht im Hintergrund und das alles ohne Regen. Wundervoll!

Heute, am Sonntag, haben wir uns bei Johanna getroffen, zu einem kleinen Get-together. Sie, ihre Superbuddies und noch einige mehr. Eine tolle, entspannte Runde, die den perfekten Abschluss dadurch gebildet hat, dass mir Dace (Buddy von Johanna) ihre Gitarre mitgebracht hat! Wooooohooooow!! Die Steffi terrorisiert seit dem ihre Mitbewohner.
Egal. Mich macht es glücklich. Manchmal muss man wohl ein wenig selbstsüchtig sein.

Ausblick Turaida
Anna und ich in der Burg Cēsis 
Ausblick vom neuen Turm der Burg in Cēsis
Cēsis
Rīga

Thursday, September 26, 2013

Eingeschlossen

Ein Tag, wie jeder andere auch.

Aufstehen und nicht können, da die Eiseskälte außerhalb des wohl gehüteten Bettes alles Leben negiert. Nach 10 Minuten Todeskampf mit dem Duschkopf endlich fließend warmes Wasser. Der lange gesuchte und nun wie ein Schatz gehütete Früchtetee als erste Lobpreisung des neuen Tages und nach 7 Minuten Ziehzeit ein Frühstückchen auf dem - wie in Dresden - wunderbar breiten Fensterbrett, während die Sonne schüchtern durch die dicken, grauen Regen- und Hagelwolken blinzelt. Als die Anlaufphase endlich überstanden ist und mein Gehirn ordentlich arbeitet, kann man sich auch den schönen Sachen des Lebens widmen. Wie zum Beispiel Quellensuche für die Psychosomatik-classes, die in der nächsten Woche beginnen. Zwar werden uns Bücher aus den Fünfzigern als Lektüre empfohlen, was vielleicht im Hinblick auf Psychotherapie nicht unbedingt das Maß der heutigen Dinge ist, - das wäre allerdings auch nicht mein Problem. Dass ich besagte Bücher weder online noch in der Bibliothek finde, schon eher. Ergo werden SLUB und das ePortal ihr Übriges für mich leisten müssen, damit ich Kübler-Ross, Alexander und McWilliams doch noch lesen kann.

Auf dem Weg zum sehr studentischen Fitnessstudio mit nur drei Fahrrädern, zwei Laufbändern und eben so vielen Steppern, dafür aber mit unzähigen Freigewichten und Hanteln, bläst mir der Wind unerbittlich ins Gesicht. Regen, Hagel und Sonnenschein wechseln sich im Zehn-Minuten-Takt ab. Das ist er, der lettische Herbst. Oder auch, dank Temperaturen um die 5 Grad Celsius, italienischer Winter. Mir kommt es eher wie ein deutscher April vor. Jede Nationalität hat wohl ihre eigenen Assoziationen - ähnlich wie Namen für Syphillis (oh, der war böse!).
Zurück vom Sporteln und bepackt mit frischen Pflaumen, Nektarinen und Grapefruits (erstanden zu Spottpreisen!) entdecke ich einen Gitarrenladen. Himmel auf Erden!! Irgendwann werde ich noch schwach beim Anblick dieser blanken, hohlen Holzkörper! Gedankenversunken auf dem Weg nach Hause sind nun auch Herbststürme nebensächlich. Als ich aus den Tiefen meiner Tagträumerei wieder zu mir komme, fährt mir der Wind in die Haare und die Kälte wird mir unangenehm schnell wieder bewusst. Auf nach Hause und Früchtetee genießen. Meine Zähne werden es mir danken.

Also zu Hause rein, die Tür zu geschlossen, da man in dieser riesigen Wohnung ja nichts hört. Böse Überraschungen und ungebetene Gäste, nein, davon bin ich kein Fan.
Leider reicht die Zeit wirklich nur für eine Tasse Tee, schließlich möchte ich Inga nicht warten lassen. Der Lettischsprachkurs ist einerseits eine willkommene Abwechslung und andererseits Sociolizing mit dem Rest der ErasmusStudenten der RSU, da man sich doch ausgesprochen wenig über den Weg läuft.
Nach zwei Stunden Zahlenjonglieren, steigen wir, doch etwas geschafft, in den Trolleybus 25 Richtung Heimat. Nach 25 Minuten holpriger Fahrt raus aus dem Bus, Kragen hochgeschlagen und mit dem Regenschirm bewaffnet, eile ich über die Brivibas iela auf unseren Hauseingang zu. Türcode eingegeben, in den zweiten Stock geeilt, Tür aufgeschlossen, hinein, Tür sorgfältig wieder geschlossen... KNACK.

KNACK KNACK KNACK.
KNACK KNACK.
Ich versuche, die Tür wieder aufzuschließen.
KNACK KNACK KNACK.
O-oh.

KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK

Verdammt.
Schloss kaputt. Und wir: eingesperrt, in den eigenen vier Wänden. Klasse Job, Steffi! Du hast wahrlich Talent, Unfälle magisch anzuziehen! Vielleicht mögen dich Schlüssel auch einfach nicht, das würde jedenfalls durch den Fakt unterstützt werden, dass du sie ständig verlierst. (Aber: nein. Bisher bin ich immer noch schlüsselverlustfrei in Riga!)

Die Rettung kam am nächsten Morgen in Form des Vermieters. Gesagt war um 9. Da waren sie halb 11. Die Tür aufzubrechen war das kleinere Problem. Nicht ganz so marginal war ihr Verschwinden zwischen 11 und 14 Uhr, erklärt mit einem Anruf um 12: sie sind ein neues Schloss kaufen, in einer halben Stunde seien sie zurück. Der lettische Weg, Sachen zu erledigen. Wobei: eigentlich egal.

Das Wichtige: ich habe meine Freiheit wieder!

Saturday, September 21, 2013

Nouvelle Cuisine: Heimweh mit einem Hauch von Alge

Gestern war die Einzugsfeier von Leo, Andi, Luca und VS.
Für dieses Event hat sich der chef de la cuisine etwas ganz Besonderes zu recht gelegt.
Es gab Sushi. Und natürlich konnte ich nicht widerstehen und war beim Schneiden, Matschen, Kleben und Rollen mittendrin statt nur am Mampfen. Es hat schon etwas Meditatives, wenn man den Reis auf Algenplatten mit seinen klebrig-nassen Fingern breit schmiert, eine Auswahl an Gemüse und Lachs dekorativ in die Mitte drapiert und dann mit der Matte das Ganze zu einem delikaten Zylinder zusammenrollt. Eine Sinnessensation für Geschmackspapillen und Nervus opticus.

Der Haken an der Sache: akutes Heimweh.

Die Wochen vor meiner Abreise kommen mir im Rückblick vor wie ein einziger Sushi-Exzess. Ob selbst gemacht oder vom Meister persönlich zubereitet: der Geruch von Algen weckt in mir die Erinnerung an Dresden, an witzige Abende, verpeilte Mittagessen, an Zeit mit Freunden. Ach, ihr fehlt hier.

Was hilft am Besten gegen Morbus Germanicus? Richtig: feiern und putzen. Hauptsache, man hat was zu tun.
Feiern: check.
Frühjahrsputz in den eigenen 4 Wänden: check.
Das gefürchtete After-Party-Cleaning: check.

Ich glaube, so energiegeladen habe ich schon lange keine Rotweinflecken auf fremder Küchenarbeitsplatte weggescheuert.
Aus meinem Fenster kann ich auch endlich wieder hinaus schauen. Nur die Flecken vom Dreckwasser der Fenster an der angrenzenden Wand haben mich in die Knie gezwungen. Beim Versuch sie zu eliminieren habe ich jetzt stattdessen Farbe am Putzlappen.
Jaja, die Dosis macht das Gift!

Thursday, September 19, 2013

Beim Essen der Grapefruit

(...und nein, das wird keine Hommage an den Autor von der "Blechtrommel".)

Herbst hält Einzug in Riga. Die Straßenkehrer haben viel zu tun mit dem Laub auf öffentlichen Gehwegen. Die Tage werden schnell kürzer - als wir den Sprachkurs am Mittwoch um halb 8 verlassen haben, hätte man sich die ein oder andere Straßenlaterne auf dem Heimweg gewünscht. Mein Schlafbedürfnis wächst. Aus der halben Stunde wurden locker drei, ohne dass ich auch nur im geringsten das Bedürfnis verspürt habe, meine Beine aus dem Bett zu schwingen. Irgendwann hat mich der unstillbare Durst geweckt und jetzt sitze ich hier vor meinem Tablet, nuckel an meiner Wasserflasche und schmande glücklich und zufrieden mit der Grapefruit das Keyboard voll. So eine Sauerei, würde Mutti jetzt schimpfen. Nach eingehender Betrachtung des sich entwickelnden, klebrigen Problems kann ich dem nur eines entgegnen: Stimmt.

Lettisches Regenwetter ist gewöhnungsbedürftig.
Aus (zugegebener Maßen) nicht heiterem, aber Standart-Wetter-grauem, wolkenverhangenen Himmel fängt es urplötzlich mörderisch an mit regnen. Da rettet einen nur der Hechtsprung in den nächsten Hauseingang in der Hoffnung, dass dieser nicht schon von scheinbar alles vorher sehenden Einwohnern okkupiert worden ist.

Obwohl Riga dunkler (und vor allem nasser) wird, finde ich immer noch regelmäßig Neues, Spannendes und Von-innen-her-Wärmendes.
Der tolle englische Second-hand Buchladen zum Beispiel.
Oder dieses niedliche Café, was da Birojnica heißt - eine Fusion aus Biroja (Büro) und Kafejnica (Café) - ein kleines Lesestübchen mit leckerem Earl Gray in herzallerliebsten Keramikteekännchen. Die Wände sind zugepflastert mit Bücherregalen, auf denen sich lettische, russische, aber vor allem auch englische und deutsche Wälzer tummeln und entdeckt werden wollen. Eines darunter war eine populistisch-psychologische Erörterung von Farben. Das Buch ist zwar von 2004, enthielt aber einen Kommentar zur literarischen Variante eines im heutigen Zeitalter immer häufiger auftauchenden Phänomens: "Amerikanische Wissenschaftler haben bewiesen, dass..."
Was das Buch dazu sagt:

"Solche "Beweise" kommen angeblich immer aus Amerika. Und mehr is über solche Experimente nie zu erfahren. Amerika scheint für Manipulationsgläubige noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Tricks, die hier jeder durchschaut, werden dort zu wissenschaftlicher Wahrheit. - Die Amerikaner rächen sich, sie publizieren die Beweise menschlicher Dummheit unter dem Hinweis: "In Europa bewiesen"."

Ich liebe es, wenn Autoren in solchen kleinen Abschnitten so viel von sich selbst preisgeben. Das sind die Kaviarhäppchen der Literatur!

Das Ziel meines  heutigen Tages war es eigentlich, Sportschuhe und einen Wischeimer zu kaufen. Das riesige Einkaufsparadies "alfa", was ungefähr die doppelten Ausmaße des Elbeparks hat, habe ich aber schließlich nur mit 10 Plastikkleiderbügeln für meine Mitbewohnerin verlassen. Ich scheitere mal für mal wieder am schieren Überangebot (was Sportschuhe betraf - wobei mir bei den Preisen auch mein Frühstück wieder "Hallo" sagen wollte) - und am Mangel: die Riganer (?) haben es scheinbar nicht so sehr mit Eimern. Seien es welche zur Müllentsorgung in der Öffentlichkeit oder zum Boden scheuern im Privathaus. Eimer sind Mangelware.

Heute ist das erste Päckchen meiner Mitbewohnerin angekommen. Nach einer zweiwöchigen Odyssee durch Lettland, die wir per DHL-Tracking verfolgen konnten, hat es doch noch ein gutes Ende genommen. Das lässt mich auf mein eigenes hoffen - wobei "Päckchen" eine galante Untertreibung ist. Ungefähr so, als würde ich in einen Laden gehen und mit einem TShirt in einer 32 liebäugeln. Ich bin mir noch unsicher, wie ich dieses fast-30-kg-Monster in den zweiten Stock kriegen soll. Vielleicht lassen sich ja die Jungs motivieren - was mit einer Flasche Bier für jeden eigentlich auch getan sein sollte.
Dass die Adresse schon mal die richtige ist, hat sich heute gezeigt: Postkarte von zu Hause! Danke ihr Lieben, ich habe mich sehr gefreut!

Was ist der Fahrplan für morgen?
Ziel des Tages: eine gute, ruhige Bibliothek zum Lernen ausfindig machen. Die classes lassen nicht mehr so lange auf sich warten, da sollte man wenigstens so tun, als sei man vorbereitet. Die Bibliotheken der RSU sind leider enttäuschend. Natürlich, ich bin verwöhnt. Die SLUB ist ein Meisterwerk der Bibliothekarskunst. Der Lesesaal: meine Heimat, mein Hafen! Dort steht auf jedem zweiten Tisch ein riesiges Schild mit einem Portrait eines Studenten, einer älteren Dame, eines rüstigen Herren mit Zeigefinger vor den gespitzten Lippen.
Das einzige, was einen hier zum Leisesein ermahnt ist ein A4 großer Zettel am Eingang des circa 50qm großen Raumes: "We love silence". Leute unterhalten sich. Telefonieren. Mein persönliches Highlight war die Gruppe von Studenten, die ein einer Ecke mit dem Laptop saß und sich irgendwelche scheinbar unheimlich witzigen Youtube-Clips angesehen haben.
Das wäre alles noch zu verkraften, wenn ich mir Bücher ausleihen dürfte. Doch als arme Erasmusstudentin ist mir das leider untersagt. Ergo: morgen wird die LU angesteuert. Irgendwo muss es doch noch einen Arbeitsplatz für mich geben.

Ich bekomme das Gefühl nicht los, dass ich irgendetwas Wichtiges vergesse.
Probieren wir es mal mit dem Auflisten des weniger Wichtigem:
- Der Chor hat mich nicht angenommen. Gut. Das ist in meinem Verdrängungsprozess schon zu weit weg gewesen.
- Ich habe ein Fitnessstudio gefunden. Daher die Suche nach Sportschuhen.
- Zusammen mit Johanna habe ich das allmittägliche Orgelkonzert im Dom besucht. Sehr schön wars!
- Mit Paola und Daniel habe ich zwei neue Italiener kennengelernt, die ich beide ein ganzes Jahr hier haben werde! Juhu!

ACH!
Ich habe heute entdeckt, dass ich für 70€ nach Oslo und zurück fliegen kann (Leider gilt das Angebot nicht für deutsche Flughäfen...)! Das heißt, ich schaffe es doch tatsächlich, Stine zu besuchen! (Für alle Verwirrten: Stine ist meine Lieblingsnorwegerin, die ich in Namibia kennenlernen durfte.) Hach, wie wundervoll! Wenn alles klar geht, bin ich also Anfang November für ein Wochenende in Norwegen.
Das Abenteuer geht weiter.

Herbst in Riga
Robert's books

Sunday, September 15, 2013

Jubiläum

Jetzt ist es offiziell. Einen ganzen Monat haben wir gewartet, bis wir uns sicher waren, dass wir zueinander passen und dass wir es beide ernst miteinander meinen. Jetzt kann ich endlich sagen: Riga und ich, wir gehören zusammen!

Einen ganzen Monat bin ich nun schon hier und so vieles ist passiert - was man auch an meinen viel zu vielen Blogeinträgen lesen kann. Ich habe viele neue Freunde, eine wundervolle WG, einen entspannten Stundenplan und sogar den Mülleimer meines Vertrauens in meiner Nähe gefunden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Technik (Schweigt, ihr Münder! Frauen und elektronische Schaltkreise, dieses veraltete Klischee!) ist nun auch der Kontakt in die Heimat wieder lückenlos -in Bild und Ton- aufgebaut. Ich habe meinen ersten Brief nach Dresden abgeschickt, jetzt heißt es nur noch hoffen-hoffen-hoffen, dass er auch ankommt. Da ich das Post-Briefkasten-Netz in Riga noch nicht so ganz verstanden habe - manche Haushalte haben einen Briefkasten, andere keinen; DHL hat Abenteuerreisen auf sich genommen um diverse Päckchen in dunklen Hinterhöfen an russische Damen im Büro des Vermieters abzuliefern - bin ich sehr auf das Ergebnis dieses Experimentes gespannt. Bald ist auch das erste Päckchen auf dem Weg zu mir. Als gebürtige Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland werde ich schließlich doch noch nachempfinden können, wie es den DDR-Bürgern so ging, denn es ist im wahrsten Sinne ein Westpäckl!

Die chronische Sinusitis hat mich in ihren Klauen. Mal wieder. Noch sind die Kopfschmerzen durch verstopfte Nasennebenhöhlen noch nicht da und ich hoffe, dass meine Selbstmedikation mit Ingwertee und Grapefruit-Vitamin-C die Erlösung bringt. Die letzten Tage habe ich im Bett verbracht, da es mich, punktgenau am Freitagabend ausgeknockt hat. Psyche und der verdammte Körper haben sich gegen mich verschworen. Da half nur mit einem guten, englischen Schinken von Ken Follett ins Bett kriechen und erst am Sonntag, also heute, wieder die Nase gen Frischluft recken. (Apropos Ken Follett: ich habe den süßesten, kleinen second-hand Bücherladen in Riga gefunden, der fast ausschließlich englischsprachige Literatur führt. Der Himmel auf Erden!)
Thema Frischluft: wir (Pau&Ewa, Bol, Martin und ich) waren heute auf dem Turm der Akademie der Wissenschaften. 17 Stockwerke trennten uns von der Moskauer Vorstadt (ein Viertel in Riga, was ich bitte-bitte-bitte nicht in der Nacht sehen möchte) und den betrunkenen Halbleichen, die auf den Parkbänken unter uns ihren Rausch ausschliefen. Hier oben war die Luft phänomenal sauber und der Blick wundervoll. Einzig Sonne hätte den Ausblick atemberaubend werden lassen. Nächstes Mal.





Thursday, September 12, 2013

Mangelware

Hier bekommt man fast überall fast alles.
Wirklich!

Es war mir vor Lettland durchaus bewusst, dass es so genannte Hypermärkte gibt. Nur hatte ich bis dato noch keinen von Innen gesehen. Das Kaufland in Dresden an der Borsi war die Grenze meines imaginären Einkaufserlebnishorizontes, was die schiere Größe und Auswahl betrifft.
Und dann kam Rimi.
Hypermarket.
Bei meinem ersten Besuch in dieser sinnesüberflutenden Hölle habe ich eine ganze Stunde gebraucht, bis ich die Stecknadeln im Schreibwarenhaufen gefunden hatte. Die Suche nach einer Verteilerdose verlief ähnlich abenteuerlich - wer erwartet sie aber auch neben Töpfen und Pfannen? Meine Expedition in die Tiefen der Gemüseabteilung habe ich gleich beim Anblick selbiger auf Eis gelegt, und auch die Suche nach einem Wäscheständer wurde bis auf weiteres vertagt.

Nach diesem Erlebnis mag man es für sehr unwahrscheinlich halten, dass irgendetwas in diesem Land Mangelware ist.
Was ich jedoch kläglich vermisse ist weder deutsches Brot noch der Fahrstil der Busfahrer. Auch die endlos langen PDF-Dateien der Vorlesungsfolien und die Mensakost fehlt mir nicht im mindesten. Was mich aber stört ist das, was man in Deutschland an jeder Ecke, in jedem Raum, auf jeder Straße zu Hauf findet: einen Mülleimer!
Wenn man einmal mit seinem Kaffeepappbecher im großen Foyer der Uni stand mit dem gutgläubigen Vorsatz ihn in den Mülleimer zu werfen, muss man zu aller erst damit anfangen ihn zu suchen. Was jedoch das Erstaunlichste ist: wie sauber die Straßen Rīgas doch sind - mit der kleinen Ausnahme der Fußwege vor McDonalds nach einer langen Nacht.

Rīga, du bist wundervoll! Aber wo sind deine Mülleimer?

Wednesday, September 11, 2013

Liebes Tagebuch!

Es ist erst Mitte der Woche, und es ist schon wieder so viel passiert, dass mein kleines Hirn gar nicht weiß wohin mit all den Eindrücken.
Da ich ein Fan von Chronologien bin:

Montag, der 09.09.2013

Welch ein Luxus! Vor der Haustür fährt aller 5 Minuten der Trolleybus 25, der mich geschwind an die RSU bringt.
Nur ein kostenloser Kaffeeservice im Öffentlichen Personennahverkehr würde dem das Wasser reichen können!
Um ein paar Fakten reicher, was das Fach Obstetrics and Gynaecology betrifft, bin ich auch schon wieder auf dem Weg nach Hause und von dort auf in den Zoodarzs mit Martin und Virág, einer ungarischen Erasmusstudentin, die mich in der Einführungsvorlesung am Morgen erfolgreich aufgegabelt hat.
Vor Namibia konnte ich einen Besuch im Tierpark genießen. Natürlich nagte hier und da das schlechte Gewissen und es juckte mir doch ab und an in den Fingern, den Eisbären, Löwen und Eichhörnchen die Freiheit zu schenken, zurück in ihr natural habitat! Nach Namibia muss ich mich gewaltig zusammenreißen, beim Anblick der Löwinnen nicht in einem Wutanfall die Mauern zum Gehege einzuschlagen oder dem wie verrückt und ziellos hin- und herlaufenden Luchs die Tür zu öffnen. (Ich glaube, in meiner Kindheit habe ich sogar mal ein Buch zu dem Thema gelesen, wie die Tiere aus dem Zoo flohen...)
Selbst die Ziegen haben schon einen kleinen Schaden abbekommen. In ihrem angelernten Reflex, die grün-grauen Pellets aus der den Besucher zum Handfüttern einladenden Maschine direkt aus der Öffnung zu verspeißen, fanden sie es nicht so witzig, dass Martin sich vorher eine Hand voll heraus genommen hatte. Seit dem "Ziegen-die-auf-Männer-losgehen" Zwischenfall weiß Martin, dass Ziegen nicht zu unterschätzen sind, wenn sie hungrig sind - also eigentlich immer.
(For further information: experigance.wordpress.com - highly recommended by the EU Council of Public Relations)

Der traurige Abschluss waren die depressiven Pinguine, die neben einander am Rand ihres viel zu kleinen, sehr vermutzten Beckens standen und reglos die Fliesenwand anstarrten.
So, gut nun! Im Allgemeinen waren es 3 sehr schöne Stunden, man muss nur etwas Informationen filtern. Der Zoodarzs ist mehr Tierpark als Zoo - sehr grün, sehr weitläufig. Einige Tiere haben sehr weitläufige Gehege und sind in Gesellschaft mit Artgenossen. Außerdem sind sie am Umbauen und Neugestalten. Ich denke (hoffe!), dass sich da noch einiges drehen wird.

Dienstag, der 10.09.2013

(Happy birthday, Jens!)
Ophthalmologie lectures. Haltet euch fest: wir waren sage-und-schreibe 10 oder mehr Leute!
Am Abend gab es die ersten zwei Stunden des RSU-eigenen Lettisch-Sprachkurses für Erasmus-Studenten. Sehr witzig da zu sitzen und doch so viel zu verstehen! Als uns die liebe, junge Inga Laizane dann noch unsere Lernziele mitteilte und den Test am Ende erklärte (Eine Präsentation über sich und seine Familie sowie ein kurzer Test in Grammatik) mussten wir EILC-Absolventen doch ein wenig feixen. Das wird eine entspannte Sache, mit dem großen Pluspunkt, dass man die Sprache weiter benutzt. Vielleicht bleibt es dann auch mal in meinem Hirn hängen, was ich zu sagen habe, wenn ich jemanden im Bus fast umschmeiße bei dem Versuch meine Balance in der rasanten Linkskurve zu halten.
Um 6 dann das Highlight des Tages: Vorsingen für den Mixed Choir der RSU. Ein bisschen wie bei DSDS. Eine sehr schweigsame Konduktorin und ein deutschsprachiger Pianist, der mit mir ein paar Einsingeübungen macht um meinen Tonnnnumfang abzuschätzen, mich danach auffordert, ein Lied a capella zu singen und schließlich noch zwei Fragen an mich hat: "Sind Sie erkältet?" und "Rauchen Sie?". Nach diesem kleinen Theater spricht Frau Konduktorin zum ersten Mal, um mir mitzuteilen, dass ich in den nächsten Tagen eine EMail bekomme, wie sie sich entschieden haben. Das ist ja wie WG-Suchen! "You had my curiousity, but now you've woken my ambition" um das berühmte DiCaprioZitat aus Django zu paraphrasieren.
Ach, und um der Tradition treu zu bleiben, die sich hier in Lettland etabliert hat, wenn es um Entscheidungsfindungen geht, die mich betreffen: bisher gab es noch keine Antwort.  Was blöd ist, da am Donnerstag theoretisch Probe ist. Steht natürlich, Optimistin, die ich bin, schon dick und fett in meinem Terminplan.

Mittwoch, der 11.09.2013

Frei!
Und was macht man, wenn man frei hat?
Genau! 6:15Uhr aufstehen und den erst besten Bus hinunter zur Daugava nehmen, um den Sonnenaufgang zu photographieren. Leider war er nicht so traumhaft wie am Tag zu vor, aber ein, zwei gute Bilder sind doch dabei herausgekommen.
Außerdem habe ich es endlich geschafft, zum Friseur zu gehen - hallelujah! Steffi hat wieder kurze Haare!
Woran erkennt man eine wirklich gute Friseuse? Wenn sie einem eine Frisur schneiden soll, von der sie selbst absolut nichts hält ("Avantgarde - you like that, really?") und man danach trotzdem gut aussieht! Und das alles für gerade mal 15Lats. Ich glaube, ich habe meinen neuen Stammfriseur gefunden, check!
Jetzt geht es gleich auf zur zweiten Stunde des Sprachkurses und danach auf zu Einweihungsfeier der Wohnung meiner drei Lieblingsitalienerinnen! "Special dinner" - I'm excited!

Sunday, September 8, 2013

The dog days are over

Auch, wenn es (mal wieder) eine sehr kurze Nacht war: ich habe lange nicht mehr so tief, traumlos und entspannt geschlafen. Es könnte am besonderen Kopfkissen mit sich ergonomisch anpassender Struktur liegen. Oder an dem Fakt, dass ich in meiner eigenen Bettwäsche schlafen konnte. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, spielt auch mein neuer Aufenthaltsort eine Rolle. Denn, liebe Bloglesende, die Steffi hat jetzt endlich eine feste Adresse! 5th time's the charm, oder so.
Gefühlte 18m2 von viel zu vielen (die Wohnung ist renoviert, riesig und mit niegelnagelneuen Möbeln ausgestattet) darf ich jetzt mein Eigen nennen. Meine beiden neuen Mitbewohner sind beides Ersties an der RSU und, wie könnte es anders sein: Deutsche. Das ist die Nationalität, die in diesem Haus am häufigsten vertreten ist: ich weiß von einer MädelsWG unterm Dach, alles Medizinersties, und darunter wohnt - tadaaaaa - meine LieblingsjungsWG: Leo, Andi, Luca und VS (= verrrückter Spanier). So ein Glücksgriff! Warten (haha) lohnt sich manchmal doch. Meine latente Faulheit unterstützend fährt quasi vor der Haustür der Hauptpersonennahverkehr Rigas. Von hier aus kommt man, relativ entspannt, überall hin - unter anderem mit einem Trolleybus innerhalb von 20min zur RSU.

Es tut gut, endlich wieder klingelnd durch die Gegend zu laufen, da dieses meinen Mitmenschen die Nerven raubende Geräusch nur eines bedeuten kann: ich habe einen Schlüssel, den es gilt nicht zu vergessen. Menschen, die meine Vergangenheit kennen, wissen, dass ich mit diesen winzigen,Schlösser öffnenden Gerätschaften auf Kriegsfuß stehe. Die gute Nachricht: bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft. Ich bin also immerhin schon 24h Schlüsselverlust-frei!
Die Koffer wurden erfolgreich und leer unterm Bett verstaut, das Regal mit meinen Büchern und der Kleiderschrank mit Klamotten bestückt. Der Kalender von Maja hängt neben dem Plakat der BigBand und der Magnet mit meinen "alten" Mitbewohnermädels klebt an meiner Schreibtischlampe. Meine Tasse steht fein säuberlich aufgewaschen mit den anderen im Schrank in der Küche und meinen Lieblingsplatz zum Frühstücken habe ich auch schon gefunden: wie in Dresden, im Sonnenschein auf dem Fensterbrett sitzend. Das einzige, was mir zu meinem Glück noch fehlt, ist eine Gitarre. Vielleicht findet man eine beim Student Market für ein paar wenige Lats.

Das große Experiment am gestrigen Abend: Leo macht selbstgemachte Klöße. Ich kam genau im richtigen Moment zur Tür herein, um beim kräftigen Kneten des Kartoffel-Ei-Mehl-Gemisches zu helfen. Nach einer Stunde, 1kg Kartoffeln und 1,5kg Mehl, viel Salz und Pfeffer, schwammen die kleinen runden Kugeln im kochenden Wasser. Sie waren noch nicht perfekt, aber geschmeckt haben sie allemal! Danach ging es natürlich noch auf eine kleine Runde in die Old Town, da wir schon beim Essen hektisch von Oscar und Schena angerufen worden sind, wo wir denn bleiben, es seien doch schon alle da. Der Abend endete, wie könnte es anders sein, mit Tanzen im Greenwoods, dieses Mal glücklicher Weise aber nicht bis zum Morgengrauen, das hätten meine Füße nicht mehr mitgemacht.

Das Erwachen am nächsten Morgen war ein Highlight für sich und könnte als Prädikator für die kommenden Monate dienen. Gegen um 11 habe ich es doch mal geschafft, mich aus dem Bett zu schälen, geweckt von verschiedenen, mir unbekannten Stimmen auf dem Flur. Nachdem ich, noch etwas schlaftrunken, meine Zimmertür geöffnet habe, gibt es die erste Überraschung: wir haben Gäste. Die zweite kam Sekunden später, denn das erste, was mir die hinkende, junge Dame entgegen brachte, war nicht etwa "Guten Morgen" sondern ein etwas hysterisches "Sag mal, hast du nen Kerl bei dir gesehen?". Offensichtlich fehlte Hinkefüßchen die menschliche Stütze an ihrer Seite. Nach kurzem Brainstorming unserer drei zermatschten, nach Schlaf lechzenden Gehirne kamen wir zu dem Schluss, dass er ja irgendwo in der Wohnung sein muss, da seine Schuhe noch vor der Haustür standen. Kurz darauf wurde er auch ausfindig gemacht: im Bett der Mitbewohnerin, vollständig angezogen (aber ohne Schuhe, natürlich) und mit einem Handtuch bedeckt. Leider war er nicht der einzige Gegenstand, der auf der Lost&Found-Liste von Hinkefüßchen stand, sie hatte beim heftigen Feiern letzte Nacht wohl nicht nur ihr Hüftgelenk eingebüßt sondern zusätzlich Geldbeutel, Schlüssel, Handy und Jacke verloren. Da sich die drei nicht im geringsten erinnern konnten, in welchem Club sie eigentlich feiern gewesen sind, fuhren sie nach 2h hektischem In-der-Wohnung-Herumgerenne zurück nach Vecriga und versuchten mit ihrer Schnüffelnase im Alkoholdunst von gestern zu navigieren.
Wie dieses Märchen ausgeht, weiß ich leider nicht, bisher ist mein Mitbewohner noch nicht wieder aufgetaucht.
Aber wie heißt es so schön: Wenn sie nicht (schon wieder) betrunken sind, dann suchen sie noch heute.
(In solchen Situationen bin ich immer wieder sehr dankbar für eine Zimmertür.)

Mittlerweile habe ich es, dank am Sonntag geöffneter Läden, auch geschafft, noch die fehlenden Kleinigkeiten zu besorgen. Wasserkocher, Kleiderbügel, Haken für die Handtücher, selbige zum Ranhängen, Stecknadeln zum Kalenderbefestigen und eine neue Zahnbürste. Vorbildlich wie ich bin, habe ich mein gestern begonnenes Werk - die Leitlinien für Schizophrenie durchzuarbeiten - heute beendet. Ich gebe feierlich zu, Professor Racans hat mich mit seinen angedrohten Wissensüberprüfungen zum Wuseln gebracht. Jetzt ist das Gewissen vorerst beruhigt.

Die Sonne scheint weiter im schönen Riga. Das schreit nach einem Spaziergang im Park.

Friday, September 6, 2013

Steffi will Meer

Für Donnerstag hatte der Wetterbericht Sonne und 20Grad Celsius vorhergesagt - und Frau Holle hat ihr Wort gehalten.

Doch die Arbeit kommt selbst im Erasmusaufenthalt vor dem Vergnügen, was in diesem speziellen Falle Vorlesungen heißt. Allerdings in einem Fach, auf welches ich mich schon seit meinem Klinischen Wahlfach im letzten Semester gefreut habe: Psychiatry. Ich wurde auch hier nicht enttäuscht. Herr Professor kam geleckt und geschniegelt pünktlich zum Vorlesungsbeginn und war dezent verärgert, dass "nur" 10 Studenten zu seiner lecture erschienen sind. Das hat ihn mir sofort sympathisch gemacht, das war ja wie zu Hause!
Die 2 lectures, die er gehalten hat, waren, obwohl erster Teil nur eine Einleitung zur Geschichte der Psychiatrie und zweiter Teil zu Schizophrenie, beide sehr interessant und unterhaltsam aufgebaut. Er weiß genau, wie man Studenten fesselt.

Wo bleibt das "Aber"? Keine Angst, es gibt keines. Denn genau wie deutsche Professoren ist dieser Mann ein Verehrer von Perfektion. Sei es bei seinem Kleidungsstil, seinen Vorlesungen oder dem Wissensstand seiner Studenten. Deshalb sollen wir auch bitteschön die Strukturformal von Chlorpromazin auswendig wissen und mit der des ersten Antidepressivums vergleichen können. Zur ersten Class. Als Einführungstest und Einstimmung für jede folgende Wissensüberprüfung zum Beginn der practical classes. Liebe Eltern, wenn ich jetzt noch einmal gefragt werde, ob ich hier zum Urlaub bin, dann werde ich kopfschüttelnder Weise die Antwort verweigern. (Ich hab euch lieb!) Nein, mal ehrlich. Ich dachte, er scherzt. So wie er uns angegrinst hat, habe ich es für einen guten Witz gehalten. Als um mich herum jedoch alle schnell die Augen aufs Blatt senkten, um die Formel hektisch abzupinseln, statt loszulachen, musste ich erst mal schlucken. Das ist man in der Dresdner Klinik ja nicht mehr gewohnt. Wissensüberprüfungen zu Beginn jedes Tutoriums, die Studenten würden lachend abwinken.
Wie dem auch sei, es war eine grandiose Einführung in die Abgründe der mental diseases.

Die Frau, die darauf den Raum betrat und mit uns fast 100 Minuten einen Spazier-(oder sollte ich lieber Irr- sagen?)gang durch die Krankheiten der Kinder- und Jugendpsychiatrie unternahm, blieb dem Motto "Gegensätze ziehen sich an der RSU magisch an" treu. Ein wenig brüchiges Englisch, dafür wunderbar verplant, verpeilt und immer wieder mit den Gedanken wo anders. Mittendrin machte sie pantomimisch einen Bären, einen Fuchs und einen Wolf nach. Martin schaute mich ein wenig fassungslos an und meinte: "What is happening right now?". Gute Frage. Nächste, bitte?? Vielleicht waren wir auch einfach zu hypoglykäm nach fast 300min Vorlesungen am Stück, dass unser Hirn uns seltsame Sachen vorgaukelte. Die heiße Schokolade danach war die perfekte Belohnung.

Halb 5 traf ich mich dann mit Chris und Oscar an der Centrālā Stacija. Unser Ziel: der Strand von Majori/Jūrmala zum Sonnenuntergangsknipsen. Steffi wollte Meer  und Steffi hatte Meer bekommen. Ich glaube, ich werde süchtig nach dem Gefühl von Sand zwischen meinen Zehen und Wasser, was um die Knöchel spült. Zwar war es windig und relativ kalt (sobald die Sonne untergeht, fallen die Temperaturen schlagartig!) - aber das hatte auch sein Gutes: kaum Touristen, die durchs Bild wackeln.
Glücklich und zufrieden gegen um 9 wieder nach Hause gefahren, schnell noch bei Andi, Leo, Luca und dem verrückten Spanier vorbeigeschaut und ab ins Bett.
Dieses ist im Übrigen das selbe geblieben. Der kleine Knick in der Stimmung am Strand gestern Abend. Absage Nummer 4. Das Gute? Morgen habe ich eine Wohnungsbesichtigung. Wenn das klappt, wären die 4 Jungs und ich Nachbarn. Daumen drücken!

(P.S.: Heute: zu dritt 3xPsychosomatik. Sehr tolle Vorlesungen. Da freue ich mich auf meine ersten Classes!)



Wednesday, September 4, 2013

Premiere

Gestern hatte ich meine ersten beiden offiziellen Lectures. Lectures sind Vorlesungen. Dementsprechend habe ich, als ich 7:30 Uhr das Lehrgebäude der RSU betrat, mit lärmenden Studenten gerechnet, die das Wochenende auswerten, Anekdoten aus dem Urlaub erzählen oder einfach Kaffee schlürfend versuchen, zu sich selbst zu finden. Nichts von dem. Das hoch modern eingerichtete Gebäude war wie leer gefegt. Das einzig bekannte war der Geruch: Desinfektionsmittel! 

Nach kurzem Hin und Her hatte ich auch den Raum gefunden, zusammen mit einer anderen ErasmusStudentin aus Münster. Zu zweit in der Einführungsveranstaltung für Ophthalmologie? In Dresden würde der Dozent im Studiendekanat anrufen und entrüstet fragen, ob man vergessen habe, ihn zu informieren, dass seine Veranstaltung verlegt worden ist. Die ältere Dame, die auf uns zugewackelt kam mit ihrem leichten Schonungshinken war das ganze Gegenteil von entrüstet.Sie wusste nicht einmal, in welchem Raum sie ihre Vorlesung halten, geschweige denn wie sie an den Schlüssel für die Tür kommen oder, endlich im Inneren des Raumes angekommen, die Technik in Gang kriegen sollte. 

Mit 30 Minuten Verspätung und um die Erkenntnis reicher, dass die PowerPointPräsentationsDatei der Einführungsvorlesung beschädigt ist, begann die erste Lecture. Thema: Glaukom. Die Zahl der zuhörenden Studenten hatte sich sogar erhöht: auf sage und schreibe D R E I junge Damen. Die zu letzt eingetrudelte war eine VollzeitRSUStudentin, ebenfalls gebürtige Deutsche. Ihrer Aussage nach sollten wir uns nicht wundern, wenn wir einmal allein in einer Vorlesung sitzen. Das käme hier wohl häufiger vor. Später, nach dem eingehenden Studium des akademischen Kalenders wird auch mir sehr schnell klar, warum: Semesterferien sind hier ein Fremdwort. Vorlesungen sind, anders als in Dresden, keine Pflichtveranstaltung. Ergo nutzt man die 4 Wochen Vorlesungszeit als Urlaub. 

Nach 3 Stunden Ophthalmologie und einem wahnsinnig leckeren Mochacchino aus meinem neuen Lieblingskaffeeautomaten verabschiedet sich die Vorlesende zurück an ihre Augenklinik. Kaum ist sie zur Tür hinaus, betritt eine Frau das Zimmer, die das absolute Gegenteil von ihr darstellt: großgewachsen, Modelfigur, dezent geschminkt mit offenen, lockigen braunen Haaren, die sie mit einer lässigen Bewegung über die Schulter zurückstreicht, stolziert die Frau Doktor Sowieso für Neurologie auf ihren  8cm-Absatzschuhen zum Pult, setzt sich, schlägt die Beine übereinander und wirft  uns ein zahnpastawerbungsreifes Lächeln zu. Ich gebe zu, wir waren alle erleichtert. So nett, wie die Augenärztin auch gewesen ist, ihr Englisch war leider genau so wenig beeindruckend wie ihre äußere Gestalt. Menschen suchen gern nach Mustern und wir glaubten, eines gefunden zu haben. Wie sich herausstellte, haben wir nicht nur eines gefunden. Ja, die junge Dame konnte mit ihren rot angemalten Lippen sehr akkurat englische Wörter mit perfekter Betonung vorlesen. Ja. Da ist der Haken. Vorlesen. Ich glaube, sie hat in der ganzen Lecture nur einen einzigen Satz selbst gebildet, der nicht auf ihren Folien stand: "Hello, do you know if there are any more people coming?". Enttäuschung stand mir ins Gesicht geschrieben, meine beiden Mitstreiter (die deutsche Vollzeitstudentin hat sich mittlerweile von einer norwegischeen Kollegin ablösen lassen) hatten große Aufmerksamkeitsprobleme und die Vorlesende starrte weiter eine Haarsträhne um den Finger wickelnd auf den flimmernden Bildschirm ihres apple-Computers. Ich habe ehrlich gesagt nur noch darauf gewartet, dass sie anfängt, Kaugummi zu kauen um ihre Langeweile noch zu unterstreichen. Glücklicherweise gehen selbst 90 Minuten irgendwann vorbei. Sicher ist: Ophthalmologie hat über Neurologie gesiegt, der Unterlegene ist zum Favoriten geworden und das Leben ist voller Überraschungen.

Apropos Überraschungen: beim kopflosen Nachhausestapfen fingen meine Augen durch Zufall das Wort "Briefkasten" auf. Mitten in Riga. Einmal den Blick vom Pflaster gehoben, hat sich dieses kleine Wunder auch schnell geklärt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die deutsche Botschaft gefunden!

Aber was macht man nun an einem Montagabend in Riga, wenn man am nächsten Tag keine Vorlesungen hat? Ganz einfach, man geht zur LieblingschaotenWG auf die Brivibas iela und sucht sich eine kleine Spielekneipe, in der man dann bis morgens um eins Rommee und Bloggus spielt. Noch ein kleiner Abstecher in die momentane In-Kneipe, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Alleringds sie war so Hipster, wahrscheinlich hat sie gar keinen. Um 2 wollte man endlich ins Bett fallen. Die Rechnung wurde nicht mit dem Wirt, äääh, Johannes und seinen Freunden-auf-Besuch gemacht. Wir saßen bis morgens um 5, haben Photos von ihrer kleinen Reise nach Tallinn angeschaut und über Gott und die Welt philosophiert. Dementsprechend war dann auch der heutige Tag. Etwas zäh wie Kaugummi. Es hat sich auch dadurch noch mehr gezogen, dass ich von der WG, die ich am Montag besichtigt hatte, noch nichts gehört habe. 

Hoffentlich morgen. Hoffentlich ja. 


RSU Lehrgebäude
Eieiei, was seh ich da?
Hipster!

Monday, September 2, 2013

Kleiner Nachtrag

Ich musste zweimal hinschauen.
Aber das ist es: das neue Buch von Dens Brauns, ääähh..., Dan Brown.

Aufatmen

Das Wochenende versank in Schlaflosigkeit, zähen Stunden in gebeugter Haltung über den Stundenplantabellen, einer grippal geröteten Nase und viel, viel, viiiiiiiel Tee. Ein einziger Matsch, diese 72h, die mit einer grandiosen Nacht in Vecrīga begannen und mit dem Einschlafen auf einem Klappsofa in einer uralten Wohnung mit ebenso viel Charakter wie Lebensjahren endete. Es fühlte sich ein ganz klein wenig an wie Heimat. Noch bin ich mir nicht sicher, warum. Lag es daran, dass ich eine Tür hinter mir zumachen und selbst entscheiden konnte, wann das Licht ausgeschaltet wird? Oder waren es die wummernden Bässe von neben an, die mich an meine ehemaligen aber immer noch verrückten Nachbarn und ihre YouTubeParties in der an mein Zimmer angrenzenden Küche erinnerten? Egal, Licht aus.

Wie ich es liebe, barfuß auf Holzdielen bei Regenwetter und (für mich!) frühen Morgenstunden durch eine Wohnung zu tabsen und schweigend in meiner 8Uhr-Mürrischkeit meinen Morgenritualen nachzugehen. Noch ein Hauch von Heimat. Wie schön es doch ist, wenn man keine Angst haben braucht, dass die Putzfrauen mit Besen und Mob bewaffnet das Zimmer stürmen und einem verkünden, dass man in 5 Minuten das Hostel (mit noch nicht vollständig gepackten Koffern) verlassen haben muss.

Noch bin ich nicht im ZuHause für die nächsten 9 Monate angekommen, ich suche noch. Die Jungs haben sich nicht gemeldet (den Kommentar von wegen Deutsche, Jungs und Kommunikationsschwäche lasse ich mal galant unter den Tisch fallen). Nach einer kleinen like-a-hobo-crisis meinerseits am Samstagabend geht es aber jetzt wieder aufwärts. Die nächste Besichtigung steht für heute Nachmittag im Kalender.
Zwar fühlt sich die gegenwärtige Wohnung gegenüber der kleinen Kinderklinik sehr gut an - mit ihrem Charme, den man nur mit dem Alter bekommt. Die Türrahmen sind verzogen. Die Toilettenspülung darf man nicht vergessen abzudrehen. Im Bad gibt es keine Steckdose. Undundund.
In Deutschland hätte ich so nicht leben wollen. Hier sage ich mir: ich fühle mich wohl! Die alten Sessel sind bequem, die Räume gemütlich, die kleinen Schrammen geben der Wohnung das richtige Flair. Aber ich bin hier vorerst nur zur Zwischenmiete. Dafür ein ganz, ganz großer Dank an Carolina, Martin und Johannes!

Im Gegensatz zu mir haben viele aus dem Sprachkurs schon eine Bleibe gefunden. Nur meinen zwei Lieblingsitalienerinnen Alexandra und Claudia sowie ihrer mittlerweile in Rīga angekommenen Freundin ergeht es noch genau so wie mir.  Fingers crossed, ladies! We'll find something!
Bei den Herren der Schöpfung ware wir auch schon zum Kochen. Witzige Angelegenheit in einer Küche ohne Töpfe, Pfannen und scharfe Messer. Aber wir wären nicht hier, wenn wir nicht alle ein wenig neben der Spur und damit wahnsinnig erfindungs- und ressourcenreich wären. Aus den anfangs 5 Leuten wurden schnell 8 und schließlich 10. Die kleine Hostelfamilie hat wieder zu einander gefunden. Der einzige, der fehlte, war der verrückte, 19jährige Spanier der WG. Was vielleicht auch ganz gut war, schließlich gab es Reis, Hühnchen und Gemüsepfanne - letzteres Gift für besagten Spanier. Ich habe schon vieles erlebt, aber noch nie einen Menschen, der von sich behauptet, nie Gemüse oder Obst zu essen. Nichts gegen spanische Familienkultur, aber ich bin der Meinung, seine Mutter hat kläglich versagt! Das wird noch viele,viele witzige Geschichten aus der WG auf der Brīvības iela geben.

Momentan sitze ich in der Uni. Gerade hat Lana mir durch den Dschungel des Curriculums geholfen. Was mir sehr sympathisch ist: sie war selbst verwirrt.
Noch ein Pluspunkt: ich betrat das Zimmer und die begrüßte mich mit:"Hi Stephanie, how are you doing?". Meine ERASMUS-Mama!
Jetzt werde ich noch flink meinen Stundenplan in Tabellenform abtippen und dann heißt es endlich:

Die Uni kann kommen.