Thursday, September 26, 2013

Eingeschlossen

Ein Tag, wie jeder andere auch.

Aufstehen und nicht können, da die Eiseskälte außerhalb des wohl gehüteten Bettes alles Leben negiert. Nach 10 Minuten Todeskampf mit dem Duschkopf endlich fließend warmes Wasser. Der lange gesuchte und nun wie ein Schatz gehütete Früchtetee als erste Lobpreisung des neuen Tages und nach 7 Minuten Ziehzeit ein Frühstückchen auf dem - wie in Dresden - wunderbar breiten Fensterbrett, während die Sonne schüchtern durch die dicken, grauen Regen- und Hagelwolken blinzelt. Als die Anlaufphase endlich überstanden ist und mein Gehirn ordentlich arbeitet, kann man sich auch den schönen Sachen des Lebens widmen. Wie zum Beispiel Quellensuche für die Psychosomatik-classes, die in der nächsten Woche beginnen. Zwar werden uns Bücher aus den Fünfzigern als Lektüre empfohlen, was vielleicht im Hinblick auf Psychotherapie nicht unbedingt das Maß der heutigen Dinge ist, - das wäre allerdings auch nicht mein Problem. Dass ich besagte Bücher weder online noch in der Bibliothek finde, schon eher. Ergo werden SLUB und das ePortal ihr Übriges für mich leisten müssen, damit ich Kübler-Ross, Alexander und McWilliams doch noch lesen kann.

Auf dem Weg zum sehr studentischen Fitnessstudio mit nur drei Fahrrädern, zwei Laufbändern und eben so vielen Steppern, dafür aber mit unzähigen Freigewichten und Hanteln, bläst mir der Wind unerbittlich ins Gesicht. Regen, Hagel und Sonnenschein wechseln sich im Zehn-Minuten-Takt ab. Das ist er, der lettische Herbst. Oder auch, dank Temperaturen um die 5 Grad Celsius, italienischer Winter. Mir kommt es eher wie ein deutscher April vor. Jede Nationalität hat wohl ihre eigenen Assoziationen - ähnlich wie Namen für Syphillis (oh, der war böse!).
Zurück vom Sporteln und bepackt mit frischen Pflaumen, Nektarinen und Grapefruits (erstanden zu Spottpreisen!) entdecke ich einen Gitarrenladen. Himmel auf Erden!! Irgendwann werde ich noch schwach beim Anblick dieser blanken, hohlen Holzkörper! Gedankenversunken auf dem Weg nach Hause sind nun auch Herbststürme nebensächlich. Als ich aus den Tiefen meiner Tagträumerei wieder zu mir komme, fährt mir der Wind in die Haare und die Kälte wird mir unangenehm schnell wieder bewusst. Auf nach Hause und Früchtetee genießen. Meine Zähne werden es mir danken.

Also zu Hause rein, die Tür zu geschlossen, da man in dieser riesigen Wohnung ja nichts hört. Böse Überraschungen und ungebetene Gäste, nein, davon bin ich kein Fan.
Leider reicht die Zeit wirklich nur für eine Tasse Tee, schließlich möchte ich Inga nicht warten lassen. Der Lettischsprachkurs ist einerseits eine willkommene Abwechslung und andererseits Sociolizing mit dem Rest der ErasmusStudenten der RSU, da man sich doch ausgesprochen wenig über den Weg läuft.
Nach zwei Stunden Zahlenjonglieren, steigen wir, doch etwas geschafft, in den Trolleybus 25 Richtung Heimat. Nach 25 Minuten holpriger Fahrt raus aus dem Bus, Kragen hochgeschlagen und mit dem Regenschirm bewaffnet, eile ich über die Brivibas iela auf unseren Hauseingang zu. Türcode eingegeben, in den zweiten Stock geeilt, Tür aufgeschlossen, hinein, Tür sorgfältig wieder geschlossen... KNACK.

KNACK KNACK KNACK.
KNACK KNACK.
Ich versuche, die Tür wieder aufzuschließen.
KNACK KNACK KNACK.
O-oh.

KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK KNACK

Verdammt.
Schloss kaputt. Und wir: eingesperrt, in den eigenen vier Wänden. Klasse Job, Steffi! Du hast wahrlich Talent, Unfälle magisch anzuziehen! Vielleicht mögen dich Schlüssel auch einfach nicht, das würde jedenfalls durch den Fakt unterstützt werden, dass du sie ständig verlierst. (Aber: nein. Bisher bin ich immer noch schlüsselverlustfrei in Riga!)

Die Rettung kam am nächsten Morgen in Form des Vermieters. Gesagt war um 9. Da waren sie halb 11. Die Tür aufzubrechen war das kleinere Problem. Nicht ganz so marginal war ihr Verschwinden zwischen 11 und 14 Uhr, erklärt mit einem Anruf um 12: sie sind ein neues Schloss kaufen, in einer halben Stunde seien sie zurück. Der lettische Weg, Sachen zu erledigen. Wobei: eigentlich egal.

Das Wichtige: ich habe meine Freiheit wieder!

1 comment:

  1. Denk immer dran: "Sie können mir die Freiheit nehmen, aber niemals die Seele..."
    Du solltest ein Buch schreiben, Kassenknüllerpotential!

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