Thursday, September 19, 2013

Beim Essen der Grapefruit

(...und nein, das wird keine Hommage an den Autor von der "Blechtrommel".)

Herbst hält Einzug in Riga. Die Straßenkehrer haben viel zu tun mit dem Laub auf öffentlichen Gehwegen. Die Tage werden schnell kürzer - als wir den Sprachkurs am Mittwoch um halb 8 verlassen haben, hätte man sich die ein oder andere Straßenlaterne auf dem Heimweg gewünscht. Mein Schlafbedürfnis wächst. Aus der halben Stunde wurden locker drei, ohne dass ich auch nur im geringsten das Bedürfnis verspürt habe, meine Beine aus dem Bett zu schwingen. Irgendwann hat mich der unstillbare Durst geweckt und jetzt sitze ich hier vor meinem Tablet, nuckel an meiner Wasserflasche und schmande glücklich und zufrieden mit der Grapefruit das Keyboard voll. So eine Sauerei, würde Mutti jetzt schimpfen. Nach eingehender Betrachtung des sich entwickelnden, klebrigen Problems kann ich dem nur eines entgegnen: Stimmt.

Lettisches Regenwetter ist gewöhnungsbedürftig.
Aus (zugegebener Maßen) nicht heiterem, aber Standart-Wetter-grauem, wolkenverhangenen Himmel fängt es urplötzlich mörderisch an mit regnen. Da rettet einen nur der Hechtsprung in den nächsten Hauseingang in der Hoffnung, dass dieser nicht schon von scheinbar alles vorher sehenden Einwohnern okkupiert worden ist.

Obwohl Riga dunkler (und vor allem nasser) wird, finde ich immer noch regelmäßig Neues, Spannendes und Von-innen-her-Wärmendes.
Der tolle englische Second-hand Buchladen zum Beispiel.
Oder dieses niedliche Café, was da Birojnica heißt - eine Fusion aus Biroja (Büro) und Kafejnica (Café) - ein kleines Lesestübchen mit leckerem Earl Gray in herzallerliebsten Keramikteekännchen. Die Wände sind zugepflastert mit Bücherregalen, auf denen sich lettische, russische, aber vor allem auch englische und deutsche Wälzer tummeln und entdeckt werden wollen. Eines darunter war eine populistisch-psychologische Erörterung von Farben. Das Buch ist zwar von 2004, enthielt aber einen Kommentar zur literarischen Variante eines im heutigen Zeitalter immer häufiger auftauchenden Phänomens: "Amerikanische Wissenschaftler haben bewiesen, dass..."
Was das Buch dazu sagt:

"Solche "Beweise" kommen angeblich immer aus Amerika. Und mehr is über solche Experimente nie zu erfahren. Amerika scheint für Manipulationsgläubige noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Tricks, die hier jeder durchschaut, werden dort zu wissenschaftlicher Wahrheit. - Die Amerikaner rächen sich, sie publizieren die Beweise menschlicher Dummheit unter dem Hinweis: "In Europa bewiesen"."

Ich liebe es, wenn Autoren in solchen kleinen Abschnitten so viel von sich selbst preisgeben. Das sind die Kaviarhäppchen der Literatur!

Das Ziel meines  heutigen Tages war es eigentlich, Sportschuhe und einen Wischeimer zu kaufen. Das riesige Einkaufsparadies "alfa", was ungefähr die doppelten Ausmaße des Elbeparks hat, habe ich aber schließlich nur mit 10 Plastikkleiderbügeln für meine Mitbewohnerin verlassen. Ich scheitere mal für mal wieder am schieren Überangebot (was Sportschuhe betraf - wobei mir bei den Preisen auch mein Frühstück wieder "Hallo" sagen wollte) - und am Mangel: die Riganer (?) haben es scheinbar nicht so sehr mit Eimern. Seien es welche zur Müllentsorgung in der Öffentlichkeit oder zum Boden scheuern im Privathaus. Eimer sind Mangelware.

Heute ist das erste Päckchen meiner Mitbewohnerin angekommen. Nach einer zweiwöchigen Odyssee durch Lettland, die wir per DHL-Tracking verfolgen konnten, hat es doch noch ein gutes Ende genommen. Das lässt mich auf mein eigenes hoffen - wobei "Päckchen" eine galante Untertreibung ist. Ungefähr so, als würde ich in einen Laden gehen und mit einem TShirt in einer 32 liebäugeln. Ich bin mir noch unsicher, wie ich dieses fast-30-kg-Monster in den zweiten Stock kriegen soll. Vielleicht lassen sich ja die Jungs motivieren - was mit einer Flasche Bier für jeden eigentlich auch getan sein sollte.
Dass die Adresse schon mal die richtige ist, hat sich heute gezeigt: Postkarte von zu Hause! Danke ihr Lieben, ich habe mich sehr gefreut!

Was ist der Fahrplan für morgen?
Ziel des Tages: eine gute, ruhige Bibliothek zum Lernen ausfindig machen. Die classes lassen nicht mehr so lange auf sich warten, da sollte man wenigstens so tun, als sei man vorbereitet. Die Bibliotheken der RSU sind leider enttäuschend. Natürlich, ich bin verwöhnt. Die SLUB ist ein Meisterwerk der Bibliothekarskunst. Der Lesesaal: meine Heimat, mein Hafen! Dort steht auf jedem zweiten Tisch ein riesiges Schild mit einem Portrait eines Studenten, einer älteren Dame, eines rüstigen Herren mit Zeigefinger vor den gespitzten Lippen.
Das einzige, was einen hier zum Leisesein ermahnt ist ein A4 großer Zettel am Eingang des circa 50qm großen Raumes: "We love silence". Leute unterhalten sich. Telefonieren. Mein persönliches Highlight war die Gruppe von Studenten, die ein einer Ecke mit dem Laptop saß und sich irgendwelche scheinbar unheimlich witzigen Youtube-Clips angesehen haben.
Das wäre alles noch zu verkraften, wenn ich mir Bücher ausleihen dürfte. Doch als arme Erasmusstudentin ist mir das leider untersagt. Ergo: morgen wird die LU angesteuert. Irgendwo muss es doch noch einen Arbeitsplatz für mich geben.

Ich bekomme das Gefühl nicht los, dass ich irgendetwas Wichtiges vergesse.
Probieren wir es mal mit dem Auflisten des weniger Wichtigem:
- Der Chor hat mich nicht angenommen. Gut. Das ist in meinem Verdrängungsprozess schon zu weit weg gewesen.
- Ich habe ein Fitnessstudio gefunden. Daher die Suche nach Sportschuhen.
- Zusammen mit Johanna habe ich das allmittägliche Orgelkonzert im Dom besucht. Sehr schön wars!
- Mit Paola und Daniel habe ich zwei neue Italiener kennengelernt, die ich beide ein ganzes Jahr hier haben werde! Juhu!

ACH!
Ich habe heute entdeckt, dass ich für 70€ nach Oslo und zurück fliegen kann (Leider gilt das Angebot nicht für deutsche Flughäfen...)! Das heißt, ich schaffe es doch tatsächlich, Stine zu besuchen! (Für alle Verwirrten: Stine ist meine Lieblingsnorwegerin, die ich in Namibia kennenlernen durfte.) Hach, wie wundervoll! Wenn alles klar geht, bin ich also Anfang November für ein Wochenende in Norwegen.
Das Abenteuer geht weiter.

Herbst in Riga
Robert's books

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