Erdung - obwohl ich in Physik nicht die hellste Leuchte war, ist mir der Begriff kein Fremdwort. Dass man ihn auch metaphorisch benutzen kann, ist mir spätestens nach dem Abitur klar geworden. Plötzlich stehe ich vor der Waschmaschine des Wohnheims, ich bekomme meine erste Mahnung und mein großer Zeh sagt mir "Hallo", als ich ihn durch ein, ja, Daumengroßes Loch in meiner Socke hervorillern sehe. Und das war nur der Anfang.
Was mir das Mäusebuch einer Freundin geholfen hat in Worte zu fassen: wir werden nicht durch unsere Fehler oder Makel definiert, sondern dadurch, wie wir mit ihnen umgehen.
Die letzten Tage haben mich dem Boden wieder ein wenig näher gebracht.
Raquel ist nach Hause geflogen. Ein lachendes Gesicht weniger, was einem in der Stadt begegnen kann, und keiner mehr, der sich meiner miserablen spanischen Aussprache wegen vor Lachen kringelt.
Raquel, mi conejo come pollo! Und es gibt nichts, was ich dagegen tuen könnte.
Als mir klar wurde, dass es nicht so sehr der Abschied war, der mir zu schaffen machte, sondern die Tatsache, dass ich auf den Tag genau in sieben Wochen um diese Uhrzeit schon in Berlin am Flughafen verzweifelt nach dem Bus zum Bahnhof Ausschau halte - zack. Erdung.
Ich habe mein Gewissen damit beruhigt, dass ich die To-Do-Liste in meinem Terminplaner aktualisiert und meinen Handgepäckskoffer zum unzähligen Male mit meinem winzigen Geodreieck ausgemessen habe. Er hat innerhalb der letzten Monate nicht an Größe zugenommen. Die Obsession lässt grüßen.
Der zweite kleine Stromschlag kam heute.
Ich habe mich schon häufiger in einer Ausstellung wiedergefunden, in der ich, mit einem Lächeln auf den Lippen oder aber auch einfach nur Kopf schüttelnd stand und mich fragte, ob das wirklich Kunst ist. Zum Beispiel der drei mal drei Meter große Spiegel mit Rahmen, der im Albertinum hängt. "But, is it art?" war auch die Frage, die Marc Prüst, Norweger mit Wahlheimat Frankreich und Photography Curator, heute in der neuen Nationalbibliothek in Riga beantwortete. Prinzipiell war es nichts, was ich nicht schon mal gehört habe, aber er hat die Gabe, das Gesagte wundervoll zu verpacken, und Altes in neuer Form zu präsentieren. Ist Photographie Kunst verlangt, natürlich, zuerst nach der Antwort auf die Frage, was Kunst ist. Für Marc, und in gewisser Weise auch für mich: ein Produkt, welches einen eigenen Blickwinkel zeigt auf die Welt und die Position eines Individuums in dieser Welt. Kurz um, eine Geschichte, die fesselt. Berührt. Zum Nachdenken anregt. Er beschrieb van Gogh als den perfekten Künstler, der Kunst um der Kunst Willen betreibt: "ständig betrunken, auf der Tasche seines Bruders liegend, mit einflussreichen Freunden, so verrückt, dass er sich ein Ohr abgeschnitten hat und am Ende Suizid in der Blüte seines Lebens." Seine berühmten Sonnenblumen wurden im Übrigen 1987 für nicht weniger als 30 Millionen Euro von einem Japaner gekauft - sein ganzes Werk wurde kurz nach seinem Tod für circa 7 Millionen Euro von der niederländischen nationalen Kunstsammlung aufgekauft: woher diese Wertsteigerung nach dem Tod eines "Mitschwimmers des Impressionismus" (Marc Prüst)?
Kunst ist etwas seltsames. Und da muss ich Marc leider widersprechen: ich glaube, Wirtschaft und Kunst haben da doch mehr gemeinsam, als er sich eingestehen will, und die Popularität eines Stückes wird nicht durch den Künstler und sein Talent definiert sondern vom Betrachter geschaffen. Er als Kurator sollte das am besten nachvollziehen, schließlich ist es sein Wort, sein Urteil, was über die Existenz eines bestimmten Objekts in einer Ausstellung entscheidet.
Zurück zum roten Faden: ich bin keine Künstlerin. Das ist mir klar und es ist auch nicht das, was ich beabsichtige, wenn ich die zwei Druckpunkte am Auslöser meiner Nikon durchdrücke. Aber seine Worte und das Realisieren der schieren Anzahl an Photos, die dort draußen Tag für Tag entstehen, in denen die meinigen einfach untergehen und zu einem insignifikanten Nichts zusammenschmelzen - das hat mich geerdet. Natürlich, ich photographiere zu erst und vor allem für mich. Es bereitet mir Freude, es ist meine Art, Erinnerungen zu schaffen und Momente festzuhalten. Dass Familie und Freunde sich ebenfalls daran erfreuen, ist ein wundervoller Nebeneffekt - wer möchte nicht seinen Mitmenschen den Tag versüßen?
Aber seine Worte haben einen faulen Zahn getroffen, der mich schon längere Zeit stört.
Ich komme nicht voran. Man übt ein Instrument, um besser zu werden. Man trainiert, um den persönlichen Rekord zu brechen, den nächsten Gipfel zu erklimmen. In mir wächst und wächst das ungute Gefühl, dass meinen Photographien etwas Signifikantes fehlt. Und Marc hat da heute den Finger tief in die Wunde gesteckt und die Kugel herausgepult.
Ich kann etwas ästhetisch Schönes erschaffen, dem die Seele fehlt. Das macht mich nicht schlechter und nicht besser als den Großteil der Menschen, die mit einer Spiegelreflex in der Hand durch die Weltgeschichte stürzen in der Hoffnung, den einen guten "Shot" zu ergattern. Oder wie hat Marc es ausgedrückt? Nur, weil man schreiben kann, bedeutet das nicht automatisch, dass man der nächste Shakespeare oder Thomas Mann ist.
Der Silberstreif des Ganzen?
Wie in der Medizin, so auch hier: wenn man die Aetiologie kennt, kann man effektiv handeln.
Ich habe gelernt, meine Wäsche selbst zu waschen und meine Rechnungen fristgerecht zu bezahlen - allein fürs Sockenstopfen bin ich zu faul. Die Mehrheit meiner Fehler, Makel und Lücken habe ich also ausgebessert. Aber wo blieben wir als Individuen, wenn wir nicht ständig neue Herausforderungen fänden und uns mit alten herumbeißen?
Die neue Bib von Innen, leider nur Handyqualität.