Tuesday, May 6, 2014

Wochenende in Kurzeme

Manchmal hat man das Gefühl, dass einem die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt und man diesem Schwinden hilflos ausgeliefert ist. Da hilft kein organisierter Rückzug oder das Zulassen des Zwanges, die Tage bis zum vermeintlichen D-Day im Kalender rückläufig zu nummerieren. Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung und im Kino wie im Krieg sind die besten Plätze hinten. Fazit des Ganzen: kontrollierter Rückzug. Anstatt mich im Sinnieren über das Morgen und Übermorgen zu verlieren, stürze ich mich ins Hier und Jetzt, am besten mit impulsiven Handlungen kurz vor Mitternacht. Kein Wunder also, dass ich wenige Stunden und zwei Tassen Kaffee später mit Katharina, Theresa und Johannes in einem anthrazitfarbenen Polo saß, auf dem Weg in den Westen Lettlands.

Das einzige, was diesem Roadtrip gefehlt hat, war die passende musikalische Untermalung. Von gehegten Parks zu Feuchtwäldern, Mooren und steinigen Küsten. Vom baltischen Busen zur wahren Ostsee. Vom Zentrum der Zivilisation zu verlassenen Fischerdörfern. Kurz: von Rīga, über Ķemeri, Pūrciems und Mērsrags nach Kolka. Ich hatte vergessen, wie Meeresluft riecht. Im behüteten Golf von Rīga branden die gezähmten Wellchen sanft am Sandstrand. Auf Kolka fegt einem der Wind erbarmungslos um die Ohren, weiß geschmirgeltes Treibholz ragt vom Sand in die Fluten und lädt zum Klettern ein. Der salzige Geschmack auf der Zunge und das Knirschen von Sandkörnern zwischen den Zähnen gepaart mit ungebändigter Natur in einem der unbefleckten Stückchen Lettlands - das ist Freiheit.

Wir hielten Ausschau nach blauen Wildkühen und Schnibitzen, waren sprachlos beim Anblick von Sanddünen und den zu überwindeten Höhenmetern, diskutierten die Verbindung zwischen Uhus und Eulen, Krokos und Alligatoren, suchten Parkplätze und Leuchttürme, erzählten Mediziner- und Controllerwitze - genossen also alles in allem einen wundervollen Samstag.

Am Sonntagmorgen, bei Regen und Aquaplaningängsten, fuhren wir wieder Richtung Westen, dieses Mal im Bus nach Ventspils und zusammen mit Dace, Martin, Kasia und ihren vier Freunden - insgesamt also zu elft.
Vielleicht war es die vollkommene mentale Verausgabung von Glückshormonen am Tag zu vor oder auch nur simpler Coffeinmangel, aber der Sonne, die uns in Ventspils begrüßte, zum Trotz hielt mich bis zum Mittag eine eiserne Faust der Müdigkeit gefangen. Ventspils passt perfekt in das Bild, was ich auf unserem Roadtrip am Tag zuvor von Kurzeme bekommen habe: ruhige Naturverbundenheit, schmale Straßen, Häuser mit Steinfassaden und nicht mehr als drei Stockwerken. Die Straßen in Ventspils sind gepflastert - aber nicht mit den typisch alten Pflastersteinen, die die Autofahrt durch Dresden zu einem Horrortrip für jeden macht, der die Dummheit besitzt, mit voller Blase ins Auto zu steigen, sondern mit solchen, die ich bisher nur auf Privateinfahrten oder Schrebergärten gesehen habe. Dieses im Winter eisfreie Hafenstädtchen mit seiner süßen Altstadt ist überfüllt von Kuhstatuen - die Überbleibsel der Kuhparade von 2012. Es gibt sie in allen möglichen Farben, Formen und Größen. Von der Polizeikuh zur Lady Cow im rosa Kleidchen zum abstrakten schwimmenden Vertreter mit Flossen oder dem am Pier prangenden Bullen in blau-weiß gestreifter Matrosenkluft.

Ein Zelt entspannter Friedlichkeit spannt sich über die Stadt - ob das am Nationalfeiertag oder der Tatsache liegt, dass die sechstgrößte Stadt Lettlands nur ein sechstel der Bevölkerung Chemnitz' hat, kann sich jeder selbst überlegen. Neben einer Hafenrundfahrt für lachhafte 60 Cent besuchten wir außerdem die namensgebende Burg. Erbaut wurde sie vom Livländischen Orden und ist heutzutage die einzige erhaltene Ordensburg Lettlands. Die für Ort und Region bedeutungsschwangere Geschichte der sandsteinfarbenen Mauern mit rotem Ziegeldach beginnt 1290. Die Burgkapelle ist heute noch nutzbar und von den 200 Jahren, die dieses Gebäude als Gefängnis gedient hat, ist nichts mehr zu sehen. Die Burg wurde liebevoll restauriert, ausgebaut und umstruktuiert. Heute findet man hier das Museum von Ventspils - und der Einsatz digitaler Medien lässt einige deutsche Museen vor Neid erblassen.

Nach meinem Kaffee ging es bergauf - stimmungsmäßig als auch ortstechnisch, denn wir erklammen die Dünen, die den Abschluss des Hafengeländes markierten und standen, zum zweiten Mal an diesem Wochenende, der geballten Kraft der Ostsee gegenüber. Auch den Pier ließen wir uns nicht entgehen - und in meinem Eifer, all dies photographisch festzuhalten wurde ich vom salzigen Nass getauft. Außer meinem Ego, der sich von der klatschnassen linken Gesichtshälfte nur zu sehr an das Ausrutschen auf Eis in Rovaniemi erinnert fühlte, hat dank Regenjacke und UV-Filter nichts Schaden genommen.

Drei Fahrtstunden später ist es fast Mitternacht in Rīga und ich blicke zurück auf 744km Auto- und Busabenteuer, die mich nur eins denken lassen: wo geht es das nächste Mal hin?

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