Jetzt aber steigen wir auf zu einem ganz neuen Level des Ungewohnten.
Kaum erreicht das erste sommerliche Hoch Lettland und setzt sich für ein paar Tage fest, verliert man sich im Getummel der Menschen auf den Straßen. Zwischendrin sieht man hier und da Handwerker vorübereilen, die den ungeplant frühen Beginn ihrer Arbeitssaison nicht verschlafen haben wollen. Es gibt auch genug zu tun. Dass die Sicherheitsvorkehrungen, Absperrungen und Arbeitsweisen sogar mich irritieren, die ich stolz darauf bin, eine Bohrmaschine bedienen zu können, spricht für sich. Mir bleibt das Gelächter meiner Frau Mama im Hinterkopf, die mit ihrer Expertise die Letten belächelte und zur Erheiterung ihrer Kollegen alles photographisch festhielt. Was sie leider nicht mehr gesehen hat, ist die neuste Konstruktion an unserem Hinterhaus.
Die "Balkon"konstruktion im sechsten Stock.
Die Sicherheitsvorkehrungen im Erdgeschoss.
In Majori läuft es auch nicht viel anders.
Loch im Boden? Macht nichts!
Sand wird einfach ausgestreut. Verteilen tut er sich selbst.
Eine drückende Hitze Ende April, kein erfrischender Lufthauch der durch die Straßen fegt. Ich lege die Jacke ab und fächle mir mit den Handflächen Luft zu. Das dicke Buch in meiner Handtasche ist definitiv zu unhandlich für diese Aufgabe. Zwischen den Klängen der Straßenmusiker, die langsam ihr Territorium vom vergangenen Sommer zurückerobern, und dem rhythmischen Hämmern der Handwerker vom Dach schleicht sich ein drittes Geräusch in diese Symphonie der erwachenden Stadt: ein unterschwelliges Brummen, was ich eher in meinem Bauch spüre, als das ich es höre. Ein paar Straßenecken weiter ist das Brummen zu einem Grollen angeschwollen, jetzt deutlich hörbar mit seinem wogenden Lautstärkepegel. Ab und an durchbricht ein schriller Ton die monotone Kakophonie des Rauschens. Vor mir: Menschenmassen. Das einzige, was ich sehe, sind mir zugewandte Rücken, die den Blick auf die Straßenkreuzung verdecken. Breite Schultern und schmale, haarlose Hinterköpfe und gefärbte Mähnen, alt und jung, groß und klein. Das Gebrabbel mischt sich mit dem Rumpeln und Grollen, akzentuiert von Gelächter hier und da. Alle warten sie. Mal wieder verfluche ich meine Gene, die mir die Körpergröße meiner Eltern verneinten. Also kämpfe ich mich mit mal mehr, mal weniger Ellenbogeneinsatz an den verschwitzten Körpern vorbei - und bleibe verdattert stehen. Motorräder. Eine ganze Armada an motorisierten Zweirädern in allen Farben und Formen. So sitze ich für dreißig Minuten an der Lacplesa iela fest, während die Letten den Beginn der Motorradsaison zelebrieren.
Zeit, das Umfeld zu betrachten. Herrje, mir ist noch nie bewusst geworden, dass die Letteninnen so eine ungenierte Farbblindheit an den Tag legen. Rote Jacke, pinker Rock und grasgrüne Schuhe. Oder: oranges Kleid, ultramarinblaue Strumpfhosen und lila Stiefel. Nicht nur Colorblocking scheint hier populär zu sein, auch neuste Mode macht sich breit. Weißwuschelige Fellwesten mit Jogginghose und Westernstiefeln. Und mein persönliches Highlight bei über zwanzig Grad Celsius: Skianzug, Yetihandschuhe und Stiefel. Das einzige, was mich daran hindert, nicht aus Empathie zu schmelzen: die hohe Albedo. Die vom ultra-reinen Weiß dieses Kostüms reflektierten Photonen prallen ungebremst und erbarmungslos auf meine Retina. Autsch. So muss sich wohl auch der Boxer gefühlt haben, den ich auf meinem Weg hier her im Park gesehen habe. Ja. Im Park stand er, oberkörperfrei in Shorts, die einen Blick auf seine Unterhosen gewährten. Nicht, dass ich das sehen wollte, aber er marschierte selbstsicher und barfüßig vor mir her, bis er seinen Partner gefunden hatte, der ihm auf der angrenzenden Wiese die Boxhandschuhe und Gebissschutz reichte, welchen unser Freund in den knappen Höschen aber ablehnte. Ich blieb nicht lang genug um zu sehen, ob er das noch bereute, aber Sekunden später kassierte er den ersten Schlag in den Bauchraum. Autsch, wie gesagt.
Um mich bei den Menschen zu entschuldigen, die, in der Hoffnung auf Erleuchtung und Unterhaltung bis hier hin durchgehalten haben, ein Froschbild!

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