Tuesday, April 8, 2014

Im Nebel

Es ist grau in Riga. Die Kirchtürme scheinen im dicken, schmutzig weißen Nebel zu ersticken. Ob das der Ausgleich für die vergangene, Sonnen reiche Woche ist oder ob Riga, Frau, die sie nun mal ist, ihren Verflossenen nachtrauert, die am letzten Freitag den Weg Richtung Heimat eingeschlagen haben: wer soll es wissen? Frauen bleiben ein unlösbares Mysterium.

Der kleine Tagestrip zum Samstag in das südliche Nachbarland mit scheinbar mehr Agrarkultur und, den Zahlen nach, einer Millionen Einwohnern mehr als das Land meines aktuellen Wohnsitzes, hat sich gelohnt. Nicht nur habe ich mehr Störche gesehen als je in einer Werbepause der kommerziellen Fernsehsender zwischen 'TeenMom' und 'What to expect when you're expecting', nein, ich glaube ich habe auch mehr Variationen an Kirchen, Kreuzen und (Vero)Cafés gesehen als in meinem ganzen bisherigen, kurzen Leben zusammengefasst.

Erster Haltepunkt: Berg der Kreuze. Oder auch Kryžių kalnas. Da die Letten schon eine seltsame Verbundenheit zu ihrem Gaiziņkalns, dem, wie sie steif und fest behaupten, höchsten Berg (! bei 312m üNN) Lettlands haben, verwunderte es mich nicht, dass es nicht ein Berg der Kreuze sondern eher ein Hügelchen war - ein Berg von Kreuzen war es allemal! Dieser katholische Wallfahrtsort ist, gleich den unzähligen Kirchen, die ich allein in Kaunas gesehen habe, ein Beweis der Tiefe des Glaubens in Litauen. Nach der gewaltvollen Christianisierung des heidnisch geprägten Landes im 14. Jahrhundert, schafften es die Menschen dennoch, einen Teil ihres alten Glaubens in sich zu bewahren, und so haben viele Kreuze, auch in Kaunas, heidnische Elemente wie den Sonnenkranz in sich und somit ihren ganz eigenen Charme. (Martin färbt ab. Wikipedia switch off.)

Als wir, ein paar Stündchen später, in Kaunas den Bus verließen, war das Wetter grandios. Sagenhafte 14°C und Sonnenschein, der einem den Schweiß auf die Stirn und die Arme aus den dicken Jackenärmeln trieb. Die zweitgrößte Stadt Litauens ist kleiner als Chemnitz (157km² - 220km²), beherbergt aber 50.000 Einwohner mehr als meine Heimatstadt. Auch in einer anderen Hinsicht ist Kaunas Chemnitz voraus: die Altstadt ist, ähnlich Tallinn, eine wundervolle Hommage an mittelalterliche Zeiten - zwischen den Kirchen drängen sich kleine Gebäude, nicht höher als zwei Stockwerke, was diesem Ort eine gewisse Atmosphäre von Freiheit verleiht. Je weiter man in die Neustadt vordringt, desto mehr verliert sich dieser Anklang an alte Zeiten: die Gebäude werden höher, moderner, und man findet sogar die ein- oder andere Shoppingmeile. Für einen Samstagnachmittag war es ruhig. Sehr ruhig. Fast schon Chemnitz-ruhig. Die unzähligen Studenten, die hier an einer der sechs Hochschulen studieren, schlafen wohl noch ihren Rausch der Freitagnacht aus. Wir genossen daher unseren echten Kaffee im vero Café und reckten unsre Nasen für den ersten Sonnenbrand der Saison in den blauen Himmel.

Riga habe ich an diesem Tag nur im Dunkeln gesehen: kurz nach um sieben in der Früh und abends, halb zehn, bei unserer Rückkehr. Die Stadt hat mir in der morgendlichen Stille, kurz vor dem Erwachen des Trubels, eine wundervolle, neue Seite ihrer selbst offenbart. Verletzlich, romantisch, pastellfarben - alles scheint dahingehaucht zu sein, so flüchtig, als ob es bei der geringsten Berührung in tausend und einen Wassertropfen zerspringen würde. Das zarte Dunkelblau des Himmels und die sanften Töne sind heute von einem Grauschleier überzogen. Es tröpfelt vor sich hin. Auf der Regenskala Lettlands entspricht dies einem nervtötenden Regen der Stufe I - doch all das kann mir gerade nichts anhaben.

Mademoiselle hat nämlich endlich den Kurs der Anästhesie hinter sich gebracht. Erfolgreiches Reanimieren und Atemwegssichern mit Guedeltubus, ein entspanntes Diskutieren über Monitoring nach erfolgreicher Wiederbelebung und tadaa: ich darf neun Punkte und eine Unterschrift zur Anwesenheit mein Eigen nennen.
Der Prüfer war ganz aus dem Häuschen von meiner "Souveränität" und "Orientierung" und fragte sogleich, ob ich schon einmal im Krankenhaus gearbeitet habe. Als ich ihm sowohl die Nachfrage nach einem Pflegeberuf sowie nach Arbeit als Rettungsassistentin verneinen musste, war er etwas geplättet und verstand nicht so ganz, wie man mit nicht mal einem halben Jahr Krankenhauserfahrung so viel "Potential" an den Tag legen konnte - ein HOCH also auf das Dresdner Medizinstudium! Dass ich, dank meiner deutschen Ausbildung, weit häufiger mit CPR und Beatmung bombardiert wurden bin, hat mir diesen Kurs sehr erleichtert. Für einige meiner Mitstudenten war dies das erste Mal mit einer Beatmungsmaske und erst das zweite Mal bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebungssimulation. Sie taten mir ein wenig leid in ihrer Unerfahrenheit, da dieses Basiswissen viel früher und viel häufiger abgefragt werden sollte. Da die durchschnittliche Teilnehmerzahl aber immer zwei oder mehr Personen unter dem eigentlichen Kursumfang lang, hat sich das Mitleid zur Patientenseite hin verschoben. Ein Studium ist das, was man daraus macht. Ich lasse das jetzt einfach mal so im Raum stehen.

Morgen Mittag kommt Stine an - die goldgelockte Fröhlichkeit in norwegischer Person. Zwar sieht es nicht so aus, als ob der Himmel bald wieder aufklart, aber wenigstens bleiben die Temperaturen über der Nullgradmarke und wer weiß, vielleicht gibt es ja ein paar Sonnenstunden am Samstag.
Mich würde es freuen.

"First rule of anaesthesiology: if there's a chair in the operation theatre - sit on it."
... aus einem Lehrbuch der Anästhesiologie


 

 Streetart in Kaunas
 Renaissance ?


Der Weg zum Aussichtspunkt
 Der Blick von oben auf die Altstadt
Uuuuuund: Riga, heute.


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