Sunday, April 27, 2014

coffein dependence syndrome

Der Kaffee hält mich fest in seinen dunkelbraunen Krallen. Mittlerweile bin ich bei der vierten Tasse angekommen, halte mich nicht mehr an die Dosierungsangaben und meine Hände zittern wie verrückt. Ich springe mental hin und her zwischen Hyperprolactinämie in  prämenopausalen Frauen und der Planung meines Sonntagnachmittags. Weder mit dem einen noch mit dem anderen scheine ich signifikant voran zu kommen, aber wenigstens bin ich in ständiger Bewegung. Menschen, die sich ein wenig (oder aber auch zu viel) mit Psychiatrie beschäftigt haben, würden mich wohl hypoman nennen - da gehe ich mit! Die Wagen meines Gedankenzuges scheinen sich regelmäßig von der Zugmaschine abzukoppeln, sich neu zusammen zu fügen oder auch einfach mal rückwärts zu fahren. Das eine Abteil hing sogar kurz im Bahnhof Heimweh fest, bis die Sonne wieder zum Küchenfenster herein schien. Der Kleine machte sich sehr schnell wieder auf die Suche nach dem Rest der Truppe.

Da meine Gedanken wandern, gleichzeitig zum Küchenfenster hinaus und in die Lehrbücher hinein, folgt wohl oder übel eine ungeordnete Wiedergabe der letzten Wochen.
Meine Liebsten haben Riga gesehen, mir wundervolles Wetter und familiäres Glück im Handgepäck mitgebracht. Letzteres mussten sie leider wieder mitnehmen, aber jetzt sind es schließlich auch nur noch zwei Monate, bis ich es in Chemnitz wiederfinden kann. Das gute Wetter ist uns geblieben und Lettland erlebt einen Expressfrühling. Nach Bereinigung aller vortäuschenden Kaffeeflecken habe ich das erste Zeichen einer gesunden Bräune gefunden - am oberen Ende meines Nasenrückens bleibt ein schmaler Streifen Weiß, auf dass er mich unmissverständlich als Nasenfahrradträger kennzeichnet.
Apropos Fahrrad - wir waren in Mangalsala mit dem Rad. Der Weg dorthin war sogar noch schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Könnte an der Begleitung gelegen haben, verfeinert nur durch die über-zwanzig-Grad-Clesius. Mutti und ich haben es uns nicht nehmen lassen, das Barfußexperiment zu wagen - was wir jedoch nach einer halben Minuten aufgrund akuter Eisbeingefahr abbrechen mussten. Babba hat mit seinem präzisen Biergartenortungssystem den perfekten Platz für einen Heimwegsnack gefunden und wow, hat er ein Tempo vorgelegt! Mithilfe meines rudimentären Lettischs haben wir es sogar geschafft, nach halbstündigem Ausharren, unsere Mägen mit Soljanka und anderen Leckereien zu füllen. Schlussendlich hat Nico auch das System der Rücktrittsbremse verstanden, zu allem Unglück bei Höchstgeschwindigkeit, doch außer den Kartoffelchips in seinem Körbchen hat nichts Schaden genommen.

Ich bin stolz auf Riga. Meine temporäre Wahlheimat , oder auch Lebensabschnittsgefährtin, hat sich von ihrer besten Seite gezeigt, als ich sie endlich meiner Familie vorstellen konnte. Und wer hätte gedacht, dass ich auf-der-Couch-lümmeln und RTL-Sendungen schauen so vermissen könnte. Jetzt sind sie wieder zurück. Zuhause, in Smaugs Einöde, Putzteufelchens Garten und Pubertushöhle. Mit ihnen gingen die ersten 16 Kilo meines Habs und Guts. Verbleiben noch 48 Kilogramm Fluggepäck, acht Wochen und unzählige, nicht in internationale Einheiten pressbare Erinnerungen. Obwohl ich es genieße, meinen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen, wird es doch so langsam Zeit, sich mit der Zeit nach Riga zu beschäftigen. (Ich muss das immer mal wieder schriftlich festhalten, nicht, dass ich meinen Flieger verpasse wie die Sprechstunde unserer Erasmusmutti.)

Die ablaufende Zeit vor Augen, habe ich, Fan solcher logischen Darstellungen, der ich nun mal bin, eine Liste erstellt, mit Sachen, die es noch zu sehen, hören, fühlen, schmecken und erriechen gilt. Den Anfang machten zwei Ausstellungen im Riga Art Space, einem unter dem Ratslaukums gelegenen Raum, der sich zu meist moderner Kunst widmet. Die kleinere der beiden Sammlungen war okkupiert vonWerken Ievgeny Petrov,s einem ukrainischen jungen Künstler, der die Auswegslosigkeit menschlichen Verstandes in den unterschiedlichsten Facetten in Form von Hunden darstellt. Vielleicht ist es auch nur mein Augenfetisch, der sich da, in die großen Augen einer Bulldogge vertieft, Bahnen gebrochen hat, aber ich war begeistert von den Aquarellen. Dass Hundeportraits so viele Emotionen und Konfliktpotential in Auseinandersetzung mit der animalischen Seite unseres Selbst loslösen können von Selbststrangulation in moralischen Werten unserer Gesellschaft, ist zu tiefst berührend und erweckt den Selbstfindungsprozess auf ein Neues. Oder wie Ben Harper singen würde: "Don't let it take the fight outta you."
Die größere der beiden Ausstellungen nannte sich Re:Visited und war eine Zusammenstellung unterschiedlichster Werke aus vergangenen Biennalen, Triennalen und was es nicht sonst noch so in der großen, weiten Künstlerwelt gibt, was weder den Weg in mein Vokabular noch meine Must-have-Liste gefunden hat. Letzteres ist gerade vom Umbruch begriffen. Wie in jeder Ausstellung gibt es subjektiv schöne und weniger schöne, interessante und staubtrockene, ergreifende und ekelerregende Exponate. Das für mich herausragende Stück von Re:Visited habe ich gleich zu Beginn eher durch Zufall gefunden.

Antonio Vega Macotelas "Time Exchange" Projekt wurde von der 13. Istanbul Biennale ausgewählt. Der mexikanische Künstler arbeitete in diesem Kontext mit Insassen des Santa Martha Acatitla Gefängnisses in Mexiko City zusammen. Er warf einen neuen Blickwinkel auf Währungssysteme: die Möglichkeit von Zeitaustausch. Konkret funktionierte es wie folgt: in einer gewissen Zeitperiode werden verschiedene Tasks erfüllt, die vorher von der jeweils anderen Partei festgelegt wurden sind. Zum Beispiel bat einer der Insassen den Künstler, eine Geburtstagsfeier für seine Mutter zu organisieren. Während dieser Zeit sollte der Insasse alle Narben auf seinem Körper finden und daneben mit Edding die Entstehungsgeschichte auf seine Haut schreiben, so trug es ihm der Künstler auf. Sie tauschten also ihre Zeit.
Macotela zeigt nun aber nicht die Videos, auf denen er besagte Geburtstagsfeier plant oder dem Sohn eines Insassen bei seinen ersten Schritten zuschaut, sondern stellt das Ergebnis der Insassen dar: das, was sie mit "seiner" Zeit angestellt haben. Die Exponate waren eine ganz andere Dimension von "ergreifend". Es ist nicht pure Nächstenliebe und kopflose Selbstaufopferung, sondern festgelegte Verträge. Ein Austausch von Zeit. Da den beteiligten Individuen selbst viel an der Erfüllung "ihrer" Zeit liegt, gehen sie auch sorgfältig mit der Zeit des anderen um. Ein nicht unbedingt neuartiges, aber definitiv vernachlässigtes Währungsprinzip, was auch Raum für Privatsphäre lässt: der Künstler hat sich aktiv gegen die Ausstellung der persönlichen Zeit der Insassen entschieden mit der Begründung, dass diese Zeit ganz allein ihnen gehört. Gänsehautpotential.

Mit meiner Familie sind nun auch die letzten Besucher Vergangenheit und die Leute, die jetzt noch nach Riga kommen, sind Heimkehrende. (Hannimäuschen, ich freu mich auf dich!) Der Himmel ist immer noch makelloses Azurblau, ich habe mehr als sechs Seiten für Gynäkologie geschrieben und noch nicht mal den größeren Teil des Themas erfasst - Zeit für einen Time Exchange. Vorschlag: ich gehe mich bräunen, um meine weißen Beine ansehnlicher für die Welt zu machen, und Welt geht mir dafür ein paar Stunden aus dem Weg. Win-win!







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