Umringt vom Botschafter der Niederlande, dem Mitarbeiter des Premierministerbüros und Paul, dem Mann, der hier die "totally informal and casual" Party schmeißt und, mal in einem Nebensatz erwähnt, der britische Botschafter in Riga ist, stehe ich und knabbere an meinem Snackspießchen mit eingelegtem Feta, Gurke und Olive, garniert mit einem einzigen, mit Hand gepflücktem Minzblättchen.
Knigge hat mich auf sowas nicht vorbereitet.
Zwischen den galant herausgeputzten hohen Tieren und ihren Frauen huschen weiße Bedienstete herum, die Wein, Whiskey und Wasser reichen. Am Kamin aus Marmor stehen zwei unglaublich bequem aussehende, lederne Ohrensessel. Vielleicht haben sie aber auch nur deshalb eine solche Ausstrahlung auf mich, weil ich auf meinen zehn Zentimeter Pfennigabsätzen keine weitere Minute mehr stehen kann. Die weiß-rote Wichtelmütze auf meinem Kopf wirkt albern zwischen Prada und Dolce&Gabbana. Am liebsten würde ich mich auf dem kuschelig aussehenden Sofa mit floralem Printmotiv vor dem Portrait der Queen Elizabeth II. niederlassen und darauf warten, dass mir jemand Scones und Earl Grey anbietet. Ob sie selbst schon einmal hier gewesen ist? Unsicher versinken meine Absätze im flauschigen Teppich, der in seinen Farben perfekt auf das Interior abgestimmt ist. Die Lampen strahlen ein sanftes Licht aus und die Tische aus dunkelm Holz auf dünnen, ja fast zerbrechlich wirkenden Beinchen geben dieser Abendrunde ein Flair von High Society. Dass die Lampen ihren Strom über eine Steckdose nach britischer Norm beziehen, sorgt bei mir für ziemliche Erheiterung. Unser kleines Weihnachtskonzert mit dem Martinskoris ist vorbei und ich bin bereit, mich auf den Heimweg zu machen, nachdem ich im Gästebad fast einen Herzinfarkt bei all dem dezenten Prunk bekommen habe. Noch schnell den Namen ins Gästebuch unter dem sanften Blick der Queen geschrieben, die Katze der Botschaft gestreichelt, durch die Passkontrolle nach draußen und die kalte Nachtluft tief einatmen.
Diese kleine Weihnachtsfeier war der perfekte Anfang vom Abschluss für dieses Jahr. Just marvelous, my dear! Sonntag Abend habe ich zum ersten Mal das Restaurant Lido von Innen gesehen und gleich noch mit Rachel, ihrem Freund, Luis, Martin und Matthias die Schlittschuhsaison eröffnet. Nach den regulären zehn wackeligen Minuten hatte ich so etwas ähnliches wie Balance gefunden und schaffte es, mich eine Stunde lang sturzfrei auf den Kufen zu halten. Am Montag begann der Augenheilkundekurs, den ich heute auch schon zur Hälfte geschafft habe. Wir sehen Kaffeeautomaten hinter Gittern, viele Patienten, dürfen mit den Geräten herumspielen und auch im OP dabei sein. Allerdings habe ich beim Anblick der Gelfingernägel der operierenden Frau Professorin und des russischen Pflegers, der im OP mit drei Ringen, einer fetten Armbanduhr, Goldkettchen und Netzhäubchen herumläuft und Patienten lagert, die deutschen Hygienestandards vermisst. Aber, im Gegensatz zur Gynäkologie, bekommt man hier wenigstens Einmal-OPKleidung gestellt. Dass alle Hosen und Kasacks die selbe Größe hatten, störte uns Mädels nicht weiter. Die zwei Meter großen Jungs hingegen haben deutlich mehr Bein gezeigt, als ihnen lieb war.
Heute Mittag, nach dem Kurs, gab es schließlich den ersten, offiziellen Glühwein in gewohnter Weihnachtsmarktatmosphere auf dem Doma laukums. Natürlich in toller Begleitung: Virág und Vira, Boris, Daniel, Hanni, Dace und Valerija. Positive Überraschung neben dem leckeren heißen Weißwein mit frischen Früchten war der relative Mangel an Fressbuden und Menschenmassen. Hier könnte ich mich wohl fühlen! Das scheinen auch die Schafe im Gehege neben der Glühweinbude gedacht zu haben, als sie genüsslich Karotten mampften, die ihnen eine vorüber gehende Lettin zusteckte.
Das einzige was mir, aber sicherlich nicht meinen wolligen Freunden fehlt, ist der Schnee.
Es geht scharf auf Weihnachten zu und nirgends ist auch nur ein Flöckchen der weißen Pracht in Sicht. In der Ecke meines Zimmers stehen die zwei Weihnachtspäckchen, die den weiten Weg zu mir geschafft haben (Danke Omi&Opi und danke Francie!), und dass meiner Eltern dümpelt noch bei DHL in Riga herum.
Bis Weihnachten sind es noch sechs Tage. Unglaublich.
Aber nun genug! Mein Tee wartet.
The first noel. (Britische Botschaft)
Der Beweis!
Hallo, Elizabeth, schön dich mal wieder zu sehn!
Doma laukums
Lido in Weihnachtsstimmung
Schlittschuhfahrn!
OP! (Moi und Hanni)
Kaffee hinter Gittern