Friday, December 6, 2013

Parsifal

Wenn das Herz einen Schlag aussetzt, weil der Trolleybus zum zweiten Mal um die Kurve driftet und nur durch mehr Glück als Verstand einer Kollision mit dem grünen Transporter auf der Nachbarspur entgeht...
Wenn selbst Lettinnen einen Schritt langsamer laufen als sonst und es mich fast drei mal in meiner ungalanten, absolut tölpelhaften Art auf den Hintern gesetzt hat...
Wenn der schwarze Mantel sich innerhalb weniger Sekunden nach Verlassen der Wohnung in sein Negativ verkehrt hat und man die Kapuze noch ein Stück tiefer über die wollene Mütze ins Gesicht zieht...

dann hat es in Riga angefangen zu schneien!

Seit heute morgen flockt es fröhlich, weich und weiß vom Himmel herab, nur ab und an unterbrochen von kurzen Wärmephasen, die einen das Schwarz des Asphalts wieder entdecken lassen. Endlich! Endlich! Endlich! Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet? In meinem Kopf stapeln sich die Erinnerungen an den Goldenen Reiter mit der weißen Puderzuckermütze und ewig währendes Schneeschieben vor der heimatlichen Haustüre und ich fragte mich seit Wochen, wie Lettland wohl das weiße Kleid so stehen wird. (Noch kann man dazu leider nicht viel sagen, da - typisch Stadt - die Wärme der vorbeibrausenden Autos jede noch so zarte Schneeschicht schmelzen lassen und alles mit einem Hauch von Grau überzogen ist.) Aber bald, bald, bald werde ich hier hoffentlich ein Winterwunderland vor meiner Haustüre (oder wenigstens nur ein paar Busminuten entfernt) haben. Ganz zu schweigen von der Freude, wenn man um halb 9 die Augen aufschlägt und es doch schon etwas heller ist als am Tag zu vor - die Magie in der Physik der Albedo! Es gibt nichts Deprimierenderes als auf den Sonnenaufgang viertel vor 9 warten zu müssen...

Schwamm - oder jetzt eher: Schnee drüber!
Meine kleine aber feine saisonale Melancholieperiode neigt sich dem Ende entgegen. Ich wurschtel mich durch Psychiatrie mit der geliebten Gruppe, mit der ich auch schon die Tiefen der Psychosomatik erkundet habe und stricke fröhlich vor mich hin, youtubeVideos über Schizophrenie und Standford University Vorlesungen über Human Behavioral Biology schauend. Das zweite Paar Mütze und Schal sind fertig und wenn irgendwer meinem WollWahnsinn Flügel verleihen will (obwohl er oder sie sich dann wohl einiges Geklage von Hanni anhören darf ;)), dann kann sich diese Person mit einer Wunschwollfarbe bei mir melden und ich gebe mein Bestes meine Hände und Nadeln zu Höchstleistungen anzutreiben.
Denn ja. Ich stricke bei JEDER Gelegenheit. Im Bus, beim Videoschauen in Psychiatry, ja sogar beim Tee-und-WhiteRussian-Kränzchen mit Martin und Hanni. Asche über mein Haupt. Aber wenn man einmal mit diesem Wahnsinn angefangen hat, kann mich nur noch ein leerer Geldbeutel vom weiteren Handwerk abhalten.

Wenn ich mich nicht gerade durch Wolle wühle oder Psychiatrie-Bücher wälze, dann stecke ich meist ziemlich tief im Alltag zwischen Krankenhaus und FitnessClub. Unterbrochen wurde das in den letzten sieben Tagen durch den ersten Advent (und das Versprechen, jeden Sonntag beim Weihnachtskränzleinkaffeekränzchen mit den Lieben in der Heimat zu skypen), das Examen im Lettisch-Kurs mit Inga und, wo wir schon bei Abschieden sind, das Ende von Johannes' Zeit in Riga.
Im Kurs habe ich meine ersten (und wahrscheinlich einzigen) 10 Punkte, die Höchstnote im lettischen System, ergattert und blicke nun ein wenig traurig auf die nächsten Dienstag- und Mittwochabende. Wobei, die lassen sich super mit Literaturrecherche für die Doktorarbeit füllen.
Johannes' Abschiedsfete am Dienstag hat dann den Anfang vom Ende für viele hier eingeleitet. Jetzt tickt die Uhr ziemlich laut, denn spätestens Anfang Februar (und nach Weihnachten ist das nur ein Katzensprung) machen sich mehr als die Hälfte der mir so ans Herz gewachsenen Erasmus'ler zurück in ihre Heimat...
Wenigstens bleibt mir ein kleines Andenken erhalten: Edita ist bei mir eingezogen. Die Kleine wird nun gehegt und gepflegt und beim nächsten Sonnenscheintag ausgeführt, wenn die Straßen nicht allzu glatt sind - schließlich will ich mit ihr, meinem "neuen" Fahrrad, nicht auf die Nase fallen, wie es mir so häufig in Dresden passiert ist.

Gerade komme ich aus der Altstadt wieder. Zusammen mit Hanni, Benedikt und Martin wurde heute Kultur genossen. Wagner's heroes. Wagners Overtüre zum Tannhäuser. Bruchs Double Concerto in E minor. Wagners Parsifal Suite. Ein Ohrenschmaus! Mein letztes Sinfoniekonzert liegt sicherlich schon fünf Jahre zurück. Der Anblick von fünfzig Streichern auf dem Parkett, die Plexiglasplatten vor den Pauken, in deren bronzenem Körper sich das Orchester spiegelt, der einsame Tubist in seiner Ecke, der vollkommen entspannt an seinem Blatt nuckelnde Bassklarinettist... und natürlich der in Ekstase auf seinen Zehenspitzen wippende, das Haar hin- und herwerfende Dirigent, der die letzten Takte genüsslich an der Fermate ins scheinbar Unendliche zieht. Dieser Klang. Diese Spannung. Traumhaft!

Es ist mittlerweile kurz vor Mitternacht und Frau Holle hat sich mächtig ins Zeug gelegt: der Park am Kanal, der heute Mittag noch grünte, ist jetzt vollkommen unter Schnee begraben. So habe ich mir das vorgestellt, als ich letzten Winter mit meiner WetterApp Dresden, Riga und Gobabis auf einem Schirm hatte.
Apropos Gobabis: ein wenig Fernweh machte sich am Donnerstag zum Stammtisch (dieses Mal kein CranberryBeer und Memory in den Fünf Wölfen sondern Weißweinschorle und Studentenfutter bei Hanni) breit, als wir in unserer Dokusuche irgendwann bei "Ein Waisenhaus für wilde Tiere" hängen geblieben sind. Immer wieder peinlich, sich selbst im Fernsehen zu erblicken und, vielleicht noch schlimmer, seine eigene, (hoffentlich) verzerrte Stimme zu hören... aber die Sehnsucht nach der Hitze der namibianischen Sonne und dem rauen Fell von Elsa zwischen meinen Fingern... hach. Am 15.02.2014 ist es dann auch schon ein Jahr her, dass ich morgens auf dem kleinen Flughafen in Windhoek gelandet bin. Passender Weise kommen mich an genau diesem Datum Felix und Francie besuchen. Die perfekte Ablenkung. Ich freue mich auf euch!

(Entschuldigt die miserable Photoqualität - sie sind mit meinem Handy aufgenommen.)

Die Neue.

Weihnachtskränzchen! Danke Dace!

Am Mittag...

...und zehn Stunden später.
Brücke zur Oper.

Schnee!!!

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