Guten Morgen, Welt!
Hier sitze ich also, morgens halb zehn in Riga und genieße meinen extragroßen Café latte am Ratslaukums, zusammen mit Dace. Draußen taucht die Morgensonne alles in ein warmes Orange, die Autos sind von einer feinen Schicht Raureif überzogen, der auch vor dem Inneren der Busfenster nicht halt macht, und die Letten eilen mit tief ins Gesicht gezogener Mütze über die glatten Pflastersteine. Normaler Weise würde ich jetzt erst aufstehen. Mir meine Schale mit Müsli schnappen und den Earl Grey für eine Minute ziehen lassen. Mir es dann auf dem (leider eiskalten) Fensterbrett bequem machen und zusehen, wie die Sonne sich langsam über die gegenüber liegenden Sechsgeschosser in den strahlend blauen Himmel kämpft. Doch hier sitze ich. Unveränderlich und erstaunlich gut gelaunt. Vor allem deshalb, weil es zu kalt zum Weinen ist.
Heute morgen haben wir Hanni am Flughafen überrascht. Das heißt soviel wie halb sieben aufstehen, den Trolley verpassen und mit Müh', Not und mal wieder mehr Glück als Verstand doch noch rechtzeitig den hoffnungslos überfüllten Bus zum Flughafen zu kriegen. Was man nicht alles tut, um diese blöden Abschiede hinauszuzögern. Ich musste mich gestern Abend nach unserem Absacker in der Yolo-Bar (Oh, ja!! Riga hat eine Yolo-Bar!) zusammenreißen, nicht mit unserem Überraschungsplan herauszuplatzen! Ein letztes Photo, zwei letzte Umarmungen und mindestens dreimal die Tränen wegkämpfen. Aber eigentlich ist doch alles okay. Hanni, Maus, du wirst mir fehlen - aber Mai ist auch schon in vier Monaten!
Diese Woche war eine der schönsten, die ich bisher hier in Riga erlebt hatte. Wir haben so viel unternommen, uns fast jeden Tag gesehen und gelacht. So viel gelacht! Mittlerweile ist meine sonst so steinerne Maske im öffentlichen Nahverkehr zu einem Lächeln verkümmert, für dass mich die Letten mit schrägen Blicke strafen, aber was soll ich machen? Ich kann nicht anders! Aber nach dem letzten Sonntag und Montag Geburtstagfeiern, Dienstag nach Hause skypen, Mittwoch Dessert schlemmen bei Dace (Bring your own BBBB!) und Virág verabschieden, Donnerstag Sushi rollen und Tower spielen, Freitag Saunaparty bei Hanni, Samstag Brunch im Innocent, Sonnenallee bei und schließlich Abschiedsparty für Hanni UND Sonntagsfrühstück bei Vili mit dem Rest der Verrückten, dem Abholen der neuen Buddies am Airport und dem erwähnten Ende in der Yolo-Bar tut es gut, nun eine relativ ruhige Woche vor sich zu wissen. Wir haben so viel erlebt. Unbeschreiblich! Virágs Abschiedsparty zum Beispiel. Wir betreten die Wohnung in freudiger Erwartung einer warmen Atmosphäre - Trugschluss hoch zehn! Ich wusste nicht, dass fünf betrunkene Spanier so einen Lärm machen können, aber es klang wie eine Meute von mehr als dreißig Leuten, die da fröhlich vor sich hin gröhlten. Von Virág: keine Spur! Sie kam zwanzig Minuten später und war wohl selbst etwas durch den Wind. Nicht weiter verwunderlich, vor allem, wenn ein Gast ihr die Hand entgegen streckt und sie quietschvergnügt auf ihrer eigenen Abschiedsparty nach dem Namen fragt. Ja, das ist Erasmus!
Dann Sushirollen mit der Buddygruppe bei mir. Das erste Mal, dass ich es gewagt habe, Milch- statt echtem Sushireis zu nehmen. Gewagt, gewagt! Martin brachte Porree statt Frühlingszwiebeln und Vili eine sehr eigenwillige Art, Sushi zu belegen, aber am Ende waren wir alle satt und zufrieden. Bis das Towerspiel begann. Hochspannung pur, vor allem wenn Dace es geschafft hatte, die Reihe mit vier Steinen auf einen (!!) zu reduzieren.
Freitag: Spa-Tag. Auf der Bucket-List ganz oben stand die ausstehende Saunaparty bei Hanni. Zu viert auf vielleicht vier Quadratmetern, schwitzend, stöhnend und am Ende dennoch tiefenentspannt. Gesichtsmaske für alle (!!) Anwesenden und am Ende gemeinsames Einschlafen am Küchentisch.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich es geschafft habe, am Samstag morgen um 11 trotz Erkältung rechtzeitig am Innocent-Café zu sein, aber es war die perfekte Einleitung des Partyabends bei Hanni. Ohhhh, diese Party. Unglaublich! "Bring your beer and sign my flag". Finnischer Vodka, Liquor 43, Mocca und natürlich jede Menge Milch. Eine Flagge und viele fröhlich angetrunkene Leute. Tausende Umarmungen und Liebesbekundungen. Streetburger. Verrückt! So verrückt! Und die Photos. Oooooooh, diese Photos.
Sonntagmorgen: Brunch bei Vili. Dass wir es ernsthaft alle zu ihm geschafft haben, ist ein wahres Wunder. Zwar fühlten wir uns den Umständen entsprechend mehr tot als lebendig, aber dieses Hangover-Frühstück hat mich wahrscheinlich über den Tag gerettet! Direkt danach ging es zum Airport, die beiden Neulinge abholen, zu ihren Hostels bringen und schließlich Abendessen im Deli-Snack. Mit einer Riesenpizza, die von den "Köchen" photographisch festgehalten wurde und wahrscheinlich irgendwo bei Instagram unterwegs ist. Auf einen Kaffee in die Yolo-Bar, da wir uns (natürlich zum hundertsten Mal) dem Alkohol abgeschworen haben und schließlich glückliches Ins-Bett-plumsen. Und dann hieß es: Guten Morgen, Montag und Bye-bye Hannibunny!
Diese wenigen Zeilen fassen diese schiere Perfektion der vergangenen Woche nicht einmal annähernd zusammen, aber in meinen Gehirnwindungen ist es unauslöschbar eingebrannt. Tausend Dank an alle, die dabei waren. Wir sind wirklich gut darin, unvergessliche Momente zu kreieren.
Und abschließend zur Namensgebung dieses wahnsinnig verworrenen Eintrags:
Edita und ich haben viel miteinander durchgemacht. Zusammen am Ostseestrand. Beinahe alltägliches Altstadttreffen. Chorproben. Und nicht zuvergessen unsere perfekt einstudierte Performance des Angetüdelt-nach-Hause-findens. Wir waren unzertrennlich. Bis zu dem einen Mittwoch Morgen, als sie mir bei -16 Grad Celsius Frostbeulen verpasste. Warum muss die Fahrradstange auch aus Metall sein? Und warum hat Mutter Natur sich dazu entschieden, gerade diese Substanzgruppe mit so perfekten Wärmeleitfähigkeiten auszustatten? Für die letzten paar Tage waren die Innenseiten meiner Oberschenkel der Spiegel der Entzündungszeichen: Dolor, Tumor, Rubor, Calor, Functio laesa! Und wie ein aufmerksamer Beobachter bemerkte: "Du bist auch schon einmal eleganter gelaufen!" (Danke für diese charmante Untertreibung meines Greis-gleichens die-Treppe-hochschleichens!) Selbst Schuld, Fräulein. Hättest du mal auf Mutti gehört und eine Strumpfhose mehr drunter gezogen. Typisches Trial-and-Error-Verhalten. Das Gute daran: so schnell gehe ich nicht mehr "ohne" aus dem Haus. Nur Edita muss sich jetzt damit abfinden, in meinem Zimmer auf den Frühling zu warten.

Dessert! YUMMI! (Danke Hanni!)
Der Inbegriff von Freude. (Danke Hanni!)

Sushi!
Hä?
Der Meister bei der Arbeit.
BYOBBBB&Sign-my-flag party! (Danke Hanni!)
Mehr Spaß als die Polizei erlaubt. (Danke Hanni!)
Der Morgen danach. Die Bildqualität sagt alles! (Paldies, Dace!)
Welcome to Latvia! (Paldies, Dace!)