Monday, January 27, 2014

Frostbeulen

Guten Morgen, Welt!  
Hier sitze ich also, morgens halb zehn in Riga und genieße meinen extragroßen Café latte am Ratslaukums, zusammen mit Dace. Draußen taucht die Morgensonne alles in ein warmes Orange, die Autos sind von einer feinen Schicht Raureif überzogen, der auch vor dem Inneren der Busfenster nicht halt macht, und die Letten eilen mit tief ins Gesicht gezogener Mütze über die glatten Pflastersteine. Normaler Weise würde ich jetzt erst aufstehen. Mir meine Schale mit Müsli schnappen und den Earl Grey für eine Minute ziehen lassen. Mir es dann auf dem (leider eiskalten) Fensterbrett bequem machen und zusehen, wie die Sonne sich langsam über die gegenüber liegenden  Sechsgeschosser in den strahlend blauen Himmel kämpft. Doch hier sitze ich. Unveränderlich und erstaunlich gut gelaunt. Vor allem deshalb, weil es zu kalt zum Weinen ist.

Heute morgen haben wir Hanni am Flughafen überrascht. Das heißt soviel wie halb sieben aufstehen, den Trolley verpassen und mit Müh', Not und mal wieder mehr Glück als Verstand doch noch rechtzeitig den hoffnungslos überfüllten Bus zum Flughafen zu kriegen. Was man nicht alles tut, um diese blöden Abschiede hinauszuzögern. Ich musste mich gestern Abend nach unserem Absacker in der Yolo-Bar (Oh, ja!! Riga hat eine Yolo-Bar!) zusammenreißen, nicht mit unserem Überraschungsplan herauszuplatzen! Ein letztes Photo, zwei letzte Umarmungen und mindestens dreimal die Tränen wegkämpfen. Aber eigentlich ist doch alles okay. Hanni, Maus, du wirst mir fehlen - aber Mai ist auch schon in vier Monaten!

Diese Woche war eine der schönsten, die ich bisher hier in Riga erlebt hatte. Wir haben so viel unternommen, uns fast jeden Tag gesehen und gelacht. So viel gelacht! Mittlerweile ist meine sonst so steinerne Maske im öffentlichen Nahverkehr zu einem Lächeln verkümmert, für dass mich die Letten mit schrägen Blicke strafen, aber was soll ich machen? Ich kann nicht anders! Aber nach dem letzten Sonntag und Montag Geburtstagfeiern, Dienstag nach Hause skypen, Mittwoch Dessert schlemmen bei Dace (Bring your own BBBB!) und Virág verabschieden, Donnerstag Sushi rollen und Tower spielen, Freitag Saunaparty bei Hanni, Samstag Brunch im Innocent, Sonnenallee bei und schließlich Abschiedsparty für Hanni UND Sonntagsfrühstück bei Vili mit dem Rest der Verrückten, dem Abholen der neuen Buddies am Airport und dem erwähnten Ende in der Yolo-Bar tut es gut, nun eine relativ ruhige Woche vor sich zu wissen. Wir haben so viel erlebt. Unbeschreiblich! Virágs Abschiedsparty zum Beispiel. Wir betreten die Wohnung in freudiger Erwartung einer warmen Atmosphäre - Trugschluss hoch zehn! Ich wusste nicht, dass fünf betrunkene Spanier so einen Lärm machen können, aber es klang wie eine Meute von mehr als dreißig Leuten, die da fröhlich vor sich hin gröhlten. Von Virág: keine Spur! Sie kam zwanzig Minuten später und war wohl selbst etwas durch den Wind. Nicht weiter verwunderlich, vor allem, wenn ein Gast ihr die Hand entgegen streckt und sie quietschvergnügt auf ihrer eigenen Abschiedsparty nach dem Namen fragt. Ja, das ist Erasmus!
Dann Sushirollen mit der Buddygruppe bei mir. Das erste Mal, dass ich es gewagt habe, Milch- statt echtem Sushireis zu nehmen. Gewagt, gewagt! Martin brachte Porree statt Frühlingszwiebeln und Vili eine sehr eigenwillige Art, Sushi zu belegen, aber am Ende waren wir alle satt und zufrieden. Bis das Towerspiel begann. Hochspannung pur, vor allem wenn Dace es geschafft hatte, die Reihe mit vier Steinen auf einen (!!) zu reduzieren.
Freitag: Spa-Tag. Auf der Bucket-List ganz oben stand die ausstehende Saunaparty bei Hanni. Zu viert auf vielleicht vier Quadratmetern, schwitzend, stöhnend und am Ende dennoch tiefenentspannt. Gesichtsmaske für alle (!!) Anwesenden und am Ende gemeinsames Einschlafen am Küchentisch.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich es geschafft habe, am Samstag morgen um 11 trotz Erkältung rechtzeitig am Innocent-Café zu sein, aber es war die perfekte Einleitung des Partyabends bei Hanni. Ohhhh, diese Party. Unglaublich! "Bring your beer and sign my flag". Finnischer Vodka, Liquor 43, Mocca und natürlich jede Menge Milch. Eine Flagge und viele fröhlich angetrunkene Leute. Tausende Umarmungen und Liebesbekundungen. Streetburger. Verrückt! So verrückt! Und die Photos. Oooooooh, diese Photos.
Sonntagmorgen: Brunch bei Vili. Dass wir es ernsthaft alle zu ihm geschafft haben, ist ein wahres Wunder. Zwar fühlten wir uns den Umständen entsprechend mehr tot als lebendig, aber dieses Hangover-Frühstück hat mich wahrscheinlich über den Tag gerettet! Direkt danach ging es zum Airport, die beiden Neulinge abholen, zu ihren Hostels bringen und schließlich Abendessen im Deli-Snack. Mit einer Riesenpizza, die von den "Köchen" photographisch festgehalten wurde und wahrscheinlich irgendwo bei Instagram unterwegs ist. Auf einen Kaffee in die Yolo-Bar, da wir uns (natürlich zum hundertsten Mal) dem Alkohol abgeschworen haben und schließlich glückliches Ins-Bett-plumsen. Und dann hieß es: Guten Morgen, Montag und Bye-bye Hannibunny!

Diese wenigen Zeilen fassen diese schiere Perfektion der vergangenen Woche nicht einmal annähernd zusammen, aber in meinen Gehirnwindungen ist es unauslöschbar eingebrannt. Tausend Dank an alle, die dabei waren. Wir sind wirklich gut darin, unvergessliche Momente zu kreieren. 

Und abschließend zur Namensgebung dieses wahnsinnig verworrenen Eintrags:
Edita und ich haben viel miteinander durchgemacht. Zusammen am Ostseestrand. Beinahe alltägliches Altstadttreffen. Chorproben. Und nicht zuvergessen unsere perfekt einstudierte Performance des Angetüdelt-nach-Hause-findens. Wir waren unzertrennlich. Bis zu dem einen Mittwoch Morgen, als sie mir bei -16 Grad Celsius Frostbeulen verpasste. Warum muss die Fahrradstange auch aus Metall sein? Und warum hat Mutter Natur sich dazu entschieden, gerade diese Substanzgruppe mit so perfekten Wärmeleitfähigkeiten auszustatten? Für die letzten paar Tage waren die Innenseiten meiner Oberschenkel der Spiegel der Entzündungszeichen: Dolor, Tumor, Rubor, Calor, Functio laesa! Und wie ein aufmerksamer Beobachter bemerkte: "Du bist auch schon einmal eleganter gelaufen!" (Danke für diese charmante Untertreibung meines Greis-gleichens die-Treppe-hochschleichens!) Selbst Schuld, Fräulein. Hättest du mal auf Mutti gehört und eine Strumpfhose mehr drunter gezogen. Typisches Trial-and-Error-Verhalten. Das Gute daran: so schnell gehe ich nicht mehr "ohne" aus dem Haus. Nur Edita muss sich jetzt damit abfinden, in meinem Zimmer auf den Frühling zu warten.

 Dessert! YUMMI! (Danke Hanni!)
Der Inbegriff von Freude. (Danke Hanni!)
 
Sushi!
Hä? 

Der Meister bei der Arbeit.
BYOBBBB&Sign-my-flag party! (Danke Hanni!)
Mehr Spaß als die Polizei erlaubt. (Danke Hanni!)
Der Morgen danach. Die Bildqualität sagt alles! (Paldies, Dace!)
Welcome to Latvia! (Paldies, Dace!)

Tuesday, January 21, 2014

Rundāle pils

Willkommen im Versaille des Baltikums!

Durch Handwärme geschmolzenes und danach sofort wieder erstarrtes Eis am Busfenster.
 Der Weg, den wir nach rechts verließen...
 Schloss in Sicht! (Nur... falsche Seite!)



 Ein Haus voller dicker Babies.
 Da stimmt was nicht.

 Deshalb: Sommerresidenz!
 Hermes hebt den Finger.
 Stuck


 Seltsame Interpretation der Justitia

 Geschickt das Schloss verdeckt.
Ach nein, da ist es ja!

Durchwachsen

Manche Menschen schreien. Andere weinen. Die nächsten lachen. Oder bleiben ganz still und schreiben stattdessen Gedichte. Manche werden sentimental, manche schauen unbeirrt der Zukunft entgegen. Die einen wollen nicht loslassen, die anderen verabschieden sich mit Wiedersehensfreude im Herzen. Es gibt Gemälde, Lieder, Photographien, Sinfonien, ganze Bücher und noch viel mehr Geschichten, die an Lagerfeuern unterm Sternenhimmel oder über einer Flasche finnischen Vodkas erzählt werden. Einfach wird die Alltäglichkeit des Ganzen trotzdem nicht. Aber wer hat auch je angenommen, dass unsere Probleme so klein bleiben wie die, mit denen wir im zarten Alter von zwölf Jahren zahlreiche Tagebuchseiten füllen konnten, die, jetzt gelesen, die eigenen Gesichtsmuskeln zur Höchstform auflaufen lassen: Scham, Selbstironie, Gelächter und ganz, ganz viel Schmunzeln.

Die Italienerinnen sind nach Hause geflogen, Leo wieder in Deutschland und meine Lieblingsmünsteranerin hat in wenigen Tagen schon ihre Nachmieterin bei sich zu Besuch. So war das alles nicht gedacht. Das ging doch viel zu schnell! Nicht nur meine Gedanken, denn bei den meisten, die uns verlassen, kurbelt sich plötzlich, einem Überlebenstrieb gleich, die Sightseeingquote drastisch in die Höhe. Alles das, was bisher nicht geschafft wurde oder was unbedingt einer Wiederholung bedarf, wird in die wenigen übrig gebliebenen Tage gequetscht, die eh viel zu wenige Stunden haben, um mit denen, die man verlässt, angemessen Zeit zu verbringen. Schön ist es dennoch. Man rückt, nicht nur wegen der Kälte, noch näher zusammen und wird emotional bis zum Tränen-wegdrücken.

Was für ein Wochenende. 
Vai Tu esi grāmatu draugs? Jā, es esmu! Ein Teil der Geschichte sein, ist das nicht ein grandioses Gefühl? Nach einer halben Stunde fleißigem Schlangestehens und am helllichten Tage auf der Straße tanzen fühlt man selbst die Kälte nicht mehr und fühlt sich viel mehr an heiße Sommernächte und Sandsäcke-schleppen am zwangsverlagerten Elbufer erinnert. Die Stimmung war ähnlich triumphal - nur das Auftauen im Irish Pub mit einem Kännchen schwarzen Tees wollten meine Zehen nicht so ganz wahr haben und blieben einfach bei ihrer Kältestarre.

Ein letztes gemeinsames Essen mit der alten Truppe bei meiner LieblingsWG zwei Stockwerke über mir. Es war ein wenig wie das Einzugsessen. Ein Kreis, der sich schließt.

Sonntag war Kulturtag: bei zähneklappernden, zweistelligen Minusgraden im (!) Bus auf ins lettische Hinterland nach Rundāle. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die Pforte zur Sommerresidenz zu lokalisieren, haben unsere vom Frost angefressenen Gehirne wilde Geschichten zum Liebesleben von Duke und Duchesse gesponnen. Im Park entpuppte sich das Japanische Palais als moderne Behindertentoilette und auf dem Gruppenphoto kann man das Schloss nur im Hintergrund erahnen. Aller Frostbeulen und verlorener Zehenglieder und ähnlicher Körperanhängsel zum Trotz ein lohnender Ausflug in die Geschichte. (Ich suche seit einer Woche nach einem adäquaten Ersatz des bei mir so inflationär gebrauchten "zum Trotz"es. Der langen Grübelzeit zum Trotz... ach, ich lass es bleiben!)

Wie ich von unserem geliebten Usbekenpärchen erfahren habe, ist aller zwölf Jahre ein ganz besonderer Augenblick: der Beginn eines magischen Jahres! Die korrekte Schlussfolgerung daraus: wir feiern den 24ten Geburtstag meines Blogkollegens gleich zweimal! Numero Uno: Countdown im Greenwoods, was zum Sonntagabend regelrecht leer gefegt war, sodass sich niemand über die Schmerzgrenzensprengung unseres Schallpegels beschweren konnte. Montagabend dann, in ganz gemütlicher Runde mit besagter Flasche finnischen Vodkas der zweite Teil. Passend dazu selbst gekochtes Chili mit der raffinierenden Note Kakao, Kaffee und Schwarzbier. Das Internet hat verrückte Ideen, aber manchmal sind echte Perlen darunter!
Und heute: Dienstag. Ich fühle mich leicht. Fast schwerelos. Und nein, das sind nicht die Nachwirkungen vom Wässerchen. Mir geht es gut. Nicht nur wegen dem wundervollen Skypedate mit einem anderen Geburtstagskind oder der Tatsache, dass die Aerobikstunde mit "Bad day" von Daniel Powter geendet hat. Mir geht es einfach gut. Grundlos. Und das ist gut so. Basta!

Ich bereue nichts. Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, dass ich das vergangene Semester in einem Land, mit Leuten meiner Wahl wiederholen könnte, ich würde lachen (und dankend ablehnen, um das klar zu stellen!). Klar, die Hälfte meiner Zeit ist rum und ich muss Menschen verabschieden, die ich sehr lieb gewonnen habe. Aber ich sage lieber "Bis bald!" als nie "Hallo!" gesagt zu haben.

Ciao, bella!
 Da werden Sandsackschlepperinnerungen wach!
 Eis auf der Daugava


 Ice, ice baby!

Friday, January 17, 2014

Was ist das denn?

Da hat Frau Holle sich wohl auf die Fernbedienung gesetzt.

Zack! Arschkalt, eisig, Tiefkühlfach - innerhalb von zwölf Stunden fielen die Temperaturen um fast zwanzig Grad und ich verliere Handschuhen zum Trotz fast meine Fingerspitzen beim Fahrradfahren. Dazu strahlender Sonnenschein und der blauste (ja, ich weiß, dass man Farben nicht steigern kann) Himmel, den Riga seit Wochen gesehen hat.
Die wenigen H2O-Moleküle, die es auf Straße, Gehweg und öffentliche Parkanlage geschafft haben, überziehen alles mit einer glitzernden, sanften und hauchzarten Puderzuckerschicht - so lange Vorübergehende ihre Finger von der weißen Pracht lassen können.
Atemwolken um blassblaue Lippen und gerötete Wangen. Ich habe so etwas lange nicht mehr gesehen, aber ich glaube, man nennt es "Winter". Den zwölf Graden unter Null zum Trotz sind Hanni und ich heute dennoch in den Mežaparks zu einer Neuauflage Nordic Walking - allerdings ohne Krötenstecher. Dafür hatte ich meine geliebte Nikon im Gepäck und habe es mir nicht nehmen lassen, das pittoreske Ensemble von erstarrten Wellen am Ufer ganz unromantisch als .RAW festzuhalten. Jaja, das Wunder der modernen Technik!

Das Leben kann sich innerhalb weniger Sekunden drehen. Es müssen nicht immer die 180° sein, manchmal reichen schon 5 für einen neuen Blickwinkel und Ideen. Sei es ein Lied im Radio, auf dessen Text man noch nie so genau geachtet hat, oder ein Buch, über dass man sich im ersten Augenblick nur aufregen möchte, bis man erkennt, wie viel es anderen doch bedeuten kann. Oder eine spontane Nachricht von alten Freunden - oder bewusst verlorenen gegangenen Ehemaligen. Der Geruch von Apfelschwarztee mit einem Hauch von Honig, der den Geschmack zum Strahlen bringt. Das erste Plov- oder das x-te Sushiessen. Eine neue Aufnahme eines bekannten Songs. Ein Zitat auf schwarz-weiß.
Das Gebilde, in dem unser Geist haust, ist schon faszinierend und ungefähr so flexibel wie eine Akrobatin des Chinesischen Staatscircus. So lange überblähte Erwartungen von anderen, die Angst vor eigenen Schwächen oder der innere Zwang, es allen anderen Recht machen zu wollen, mich nicht an den Boden fesseln, so lange bin ich auf und davon in meinem Wolkenschloss.
(Und ist es nicht auch wunderbar, wie fluktuierend die Bedeutung des Blog-Titels ist, je nach dem, wie man die Intonation verändert? Spielwiese: deutsche Sprache!)

In nicht mal mehr einem Monat geht es los: der Besuchermarathon! Hui, wie ich mich darauf freue! Jeden Monat neue Gäste und immer viel zu tun. Parallel dazu wahrscheinlich nur drei oder vier Kurse an der Universität und das lange aufgeschobene Reisen im lettischen Frühling. Es wird eine Wonne! (Dass ich auf dem Weg dort hin wohl noch frostige Minusgrade weit unter den heutigen aushalten muss, lassen wir einmal beiseite. Wer lässt sich schon gern die gute Laune von Wetterfröschen trüben?)




 Danke, Hanni!

Monday, January 13, 2014

Ode an die Vernunft

Manchmal fehlt mir der Tritt in den Hintern. Was heißt "manchmal" - in letzter Zeit fast ständig. Das fängt beim Aufstehen an, was sich in für mich unüblicher Weise fast schon zwei volle Stunden hinziehen kann, bis ich es endlich an den Küchentisch geschafft habe, und endet an meinem absoluten Unwillen, einkaufen zu gehen um den Kühlschrank zu füllen. Steffi steckt also mal wieder in einer kleinen Schaffenskrise, die sich dieses Mal nicht einmal durch Stricken beenden lässt. Ja, denn sogar dieses (laut Mutti zu Plattfingern führende) Unterfangen langweilt mich momentan zu tiefst. Und nein, dieser Blog ist nicht voller Melancholie, sondern eher der Versuch, von vorn anzufangen. Mit einer Ode an die Vernunft, mit dem Münchhausen gleichenden Versuch, mich an meinen eigenen Haaren aus dem Gammelsumpf zu ziehen, der da meine Freizeit ist. Es macht echt keinen Spaß, "überschüssige" Stunden alleine zu verbringen. Da der Großteil meiner Lieben aber entweder gedanklich schon am Packen ist, den Rausch der letzten Party ausschläft, in Schweden Ski fährt oder sich jeden Morgen zur Chirurgieclass schleppt, bleibt mir leider nur die Gesellschaft der kleinen, süßen Katze, die auf meinem viel zu häufig benutzten Kaffeepot prankt. Und natürlich die mir so lieb gewordenen Tagesschaureporter, die mir jeden Morgen aus der Heimat berichten. Selbst meine Mitbewohner sind mittlerweile kaum noch ansprechbar, wenn sie, wie paralysiert, über Oberarmknochen hocken und versuchen, alle Muskeln, Faszien und Nerven herunter zu beten. Anatomie, der Tod des freien Willens. Die Küche ist der Spiegel der Prüfungsperiode - und mittlerweile sind wir im Endstadium des Verdreckens angekommen. (Leider haben wir die zwanghafte Reinigungsphase zur Prokrastination einfach übersprungen, aber das ist ein ganz anderes Thema.)

Es ist ja nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Ein ganzer Packen Paper liegt hier zum Lesen, das Essay für Gynäkologie im nächsten Semester will auch beendet werden und zum Antibiotika-lernen ist es nie zu spät. Ich könnte mein Photobuch für Namibia in Angriff nehmen, oder meine To-Do-Liste der Rigaer Museen abarbeiten. Meine geliebte Nikon strapazieren, Reisepläne schmieden und Bewerbungen für Famulaturen schreiben. (Zu meiner Aufschieberitis-Rechtfertigung: Frau Walter vom Klinikum Chemnitz hat mir leider noch nicht geantwortet.) Selbst die wahnwitzige Idee, sich jetzt schon nach einer möglichen WG für mein letztes Jahr in Dresden umzuschauen, hat schon von den Tiefen meiner Hirnwindungen den Weg in meinen Frontalcortex gefunden, ebenso wie das Neurologieskript für Dresden, was zum Ausdrucken bereit auf meinem Stick schlummert.

Man - nein, ich! - muss nur einfach mal anfangen.
Sieben Stunden Schlaf reichen und morgen haben mich die Erstsemestler in der RSU-Bibliothek wieder. Die können es sicher kaum erwarten, mit mir einen Tisch zu teilen und weiter über das neuste Pärchen des Jahrgangs zu tratschen. Dass nicht mal meine Oropax mich vor dieser so scheinbar überlebenswichtigen Information schützen konnten, ist mir immer noch unbegreiflich.

Also: beweg dich, Fräulein!

Wednesday, January 8, 2014

You say goodbye

... and I say hello.

Wenn man ehrfürchtig die Kalender gegen neue austauscht, sich voller Tatendrang hohe Ziele setzt - vielleicht aber auch auf dem Teppich bleibt, und mit dem Vorsatz anfängt, wenigstens jeden zweiten Tag den Abwasch zu erledigen - und alle der Meinung sind, dass die persönlichen Glücksreserven bis zum Überlaufen aufgefüllt wurden, dann sind wir im Neuen Jahr angekommen. Wenn ich eine Tatsache herausheben müsste, die mir im letzten Jahr bewusst geworden ist, dann ist es nicht nur das Unvermögen meines Mitbewohners zur Hygiene im Haushalt beziehungsweise zur Änderung derselben, sondern viel mehr, dass der Ausspruch "Neues Jahr, neues Glück" ebenso bedeutungslos ist wie die Anwesenheit von Pseudomonas aeruginosa in den verkeimenden Töpfen in Hinsicht auf den Putzdrang meines Mitbewohners (,was nicht heißt, dass es mir nicht in den Fingern juckt, diese Brühe eines Tages über seinem Bett zu entleeren). Meines Unglaubens an Neuanfänge in 2014 und an plötzliche Besserung besagten Herrens zum Trotz, ist um mich herum gerade viel in Bewegung. Vom Kalendertausch und dem damit beginnenden Kampf, auf offiziellen Dokumenten alle grauen Zellen zusammen zu nehmen, um das korrekte Datum zu notieren, mal abgesehen, ist auch der Untergang des Lats besiegelt. Viele Letten haben mit Bibbern und Graus diesen Wechsel erwartet, die wenigsten ihm entgegen gefiebert, aber sich dagegen wehren war ebenso aussichtslos wie mein tägliches künstlerisches Drapieren der dreckigen Teller zum Mahnmal der Abwaschpflicht. Sie haben sich, ebenso wie ich, dem ganzen ergeben. Und trotz der verbleibenden Frist von sieben Tagen, sieht man kaum noch die alte Währung im Umlauf. Selbst die Kaffeeautomaten in der Universität wurden, sehr zu meiner Missgunst, bereits auf Euro umgestellt. Die (positive) Kehrseite der Medaille? Ich bin erstmalig seit meiner Ankunft in diesem Land schneller mit Geld-nachzählen als die Kassiererinnen! Jackpot!

Dieser kleine Hoffnungsschimmer am Horizont kann mich dennoch nur schwer über die Tatsache hinweg trösten, dass das Wintersemester langsam aber sicher zu Ende geht. Das wäre, als simpler Fakt genommen, auch nicht so schlimm. Das Problem ist, wie bedeutungsschwanger diese Aussage ist. Viele der Menschen, mit denen ich die ersten und intensivsten Momente erleben durfte, die ich fast täglich sehe und durch welche ich immer wieder neue Seiten (oder seien wir ehrlich: Cafés) in Riga kennenlerne, sind gerade auch die Menschen, die gedanklich schon ihre Koffer packen und das Sommersemester in ihrer Heimat organisieren. Es sind die Menschen, die meinen Alltag ausmachen, dem ganzen Rückgrad geben und mich aus meinen kleinen melancholischen Phasen wieder problemlos ans Licht bringen. Die Ersatzfamilie. Es war hart genug, in Deutschland von allem Bekannten Abschied zu nehmen und in neue Gewässer aufzubrechen, aber nun, mitten auf See bei unleugbar hohem Seegang das Boot, in dem wir alle gemeinsam saßen, diese Konstante aufgeben zu müssen... hui, das wird schwer. Lichtblick am Ende des Tunnels: bald ist Februar. Was so viel heißt wie: "Welcome to Riga, Francie und Felix!!"

Der Tageskalender, der in meinem Weihnachtspaket war, bescherte mir zum ersten Wochenende im Neuen Jahr eine wundervolle Weisheit: "Der ideale Tag wird nie kommen. Der ideale Tag ist heute, wenn wir ihn dazu machen." (Horaz) Die Tatsache, dass ich quietschvergnügt in meinem Bett liege, eine wolligwarme Wärmflasche, die mir meine engelsgleiche Mitbewohnerin zu Weihnachten geschenkt hat, mir die Füße wärmt, bestätigt, dass ich anfange, mir diese simplen Worte zu Herzen zu nehmen. Ja, heute war ein idealer Tag: eine gesunde Portion Schlaf, ein wenig Kribbeln im Bauch und Sympathikusaktivierung dem Abenteuer einer Augenheilkundeprüfung sei Dank, Coffein gepaart mit reizender Gesellschaft in einem neuen (o-lala!) Kafejnica, selbstgemachtes Sushi und Backexperimente mit selbiger Begleitung, neue Garderobe, neuer Haarschnitt, ein wundervoller Abend mit Freunden (auch, wenn ein Herr eindeutig gefehlt hat!) und eine erfrischende Runde auf dem Fahrrad Richtung Heimat, natürlich mit einem Lächeln im Gesicht.

Vorsatz für 2014: liebe die Zukunft, lebe im Heute und lache über die Vergangenheit.

I don't know why you say goodbye -I say hello!