Monday, February 24, 2014
Mach mir doch kein' Knutschfleck
Oder auch: "Hallo, das ist mein Koffer - und wer bist du?"
Unglaublich. Ich habe monatelang auf diese Woche hingefiebert.
Der erste Besuch, das erste Mal Sightseeing-Kompetenzen zeigen. Das erste Mal meinen persönlichen Rückzugsort und mein Kühlschrankfach teilen. Das erste Mal alten Freunden den Zauber von Riga zeigen. Das erste Mal Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz innerhalb von sieben Tagen. Und jetzt ist das alles schon wieder vorbei.
Der erste Besuch, das erste Mal Sightseeing-Kompetenzen zeigen. Das erste Mal meinen persönlichen Rückzugsort und mein Kühlschrankfach teilen. Das erste Mal alten Freunden den Zauber von Riga zeigen. Das erste Mal Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz innerhalb von sieben Tagen. Und jetzt ist das alles schon wieder vorbei.
Vor zwei Tagen habe ich die beiden wieder zum Flughafen geschafft und danach mit Martin auf dem Rückweg über die Bedeutung und den Wandel von Freundschaft sinniert. So schnell vorbei und so viele Erlebnisse geteilt. Ereignisreich und locker geplant, konnten wir uns dem Wetter entsprechend unsere Tage zurecht rücken - was bei der momentanen Wechselhaftigkeit durchaus vorteilhaft war! Die beiden schienen ein wenig enttäuscht von den Plusgraden und fehlendem Schnee, aber immerhin scheint hier noch mehr Winter zu sein als in Deutschland.
Samstag Abend, als ich sie vom Flughafen abholte, ging es danach sogleich in die OldTown, noch mit den beiden oranges Handgepäckskoffern im Schlepptau. Natürlich war das Ziel des Abends ein Apple Pie im Greenwoods, und ja, ich meine damit die flüssige Variante. Glücklicher Weise haben wir es sogar noch vor um 3 auf den Heimweg geschafft, sodass der Gruppenausflug nach Majori am nächsten Tag, zwar etwas übermüdet, dennoch angetreten werden konnte. Insgesamt zu 26st hatten wir das Gefühl eines Grundschulklassenausflugs. Auf selbigem ging Gottseidank niemand verloren, auch wenn kurzzeitig ein Gänsemarschpärchen unbekleidet ins knietiefe Wasser entschwandt. Auf den Eisschollen herum turnend wie glückliche, kleine Kinder wanderten wir am grauen Ostseestrand zurück zur nächsten Bahnstation.
Den Abend haben wir, selbst gebackene Pizza futternd, mit dem Film "Before Midnight" in meinem Bett verbracht.
Den Abend haben wir, selbst gebackene Pizza futternd, mit dem Film "Before Midnight" in meinem Bett verbracht.
Der regnerische Montag war ein einziges, entspanntes Umher-irren in der Altstadt, gekrönt vom mehrstündigen Besuch des Kuuka-Cafés. Am Mittwoch, der erstaunlicher Weise sonnig aber kalt war, versuchten wir unser Glück am Dom und bei St. Peteris, scheiterten jedoch beide Male an den horrenden Eintrittspreisen. Die Akademie der Wissenschaften hatte Winterpause und so genossen wir die frische Luft an der Daugava, um den Fischgeruch der Markthallen aus unserer Nase zu kriegen. Auf dem Rückweg blieben wir im Teehaus und alten Geschichten hängen, die, wieder zu Hause angekommen, noch von Bildern untermalt wurden sind. TV-Programm des Abends: Tatort, bei dem wir seelisch einschlummerten.
Ein wieder sehr regnerischer Mittwoch begann mit Brunch im Innocent-Café, wo ich auch Marie und Stine aus meiner Lieblingsgruppe traf. Den Resttag gammelten wir zu Hause bei Kamerarecherche und Nagellackiererei herum und begannen die Abendvorbereitung für MoonSafari in den heimeligen vier Wänden mit dem Apfelkuchenteufelszeug. MoonSafari war leider - mal wieder - eine Enttäuschung, doch wir hielten uns wacker mit Schuh-des-Manitu-Zitaten über Wasser, drehten ein witziges Heimwegvideo und landeten gegen 4 in unseren Betten. Der Donnerstag mit Pancakefrühstück und der "Don't touch"-policy im Decorative Art&Design-Museum hatte ein erfolgreicheres Ende: Musikabend von Medizinstudenten in Roberts Books. Ich liebe diesen Laden. Die gute Musik hat es dann nochmal getoppt. Ich sollte höllisch aufpassen, wenn ich mich noch mehr in diesen Laden verliebe, brauche ich bald einen LKW um alle meine neuen Errungenschaften nach Hause (also Deutschland) zu befördern. Apropos Deutschland: Luischen und Elli sind wieder in Dresden angekommen. Ein seltsames Gefühl. Ungefähr genau so komisch, wie die ehemalige Wohnung der JungsWG in unserem Haus des nachts beleuchtet und bewohnt zu sehen. Aber das Leben geht weiter - und irgendwann wird auch in meinem Zimmer hier in Riga nicht mein Licht brennen. Aber versinken wir mal nicht im verfrühten Abschiedsschmerz, noch habe ich hier genug zu tun! Zum Beispiel die Woche beenden. Wo war ich? Achja, richtig. Freitag! Am Morgen ging es mit grauen Wolken zum Pier in Mangaļsala. Das traumhafte Geräusch von aneinander klirrenden Eisschollen ähnlich einem Windspiel im Sommer habe ich immer noch im Ohr. Nach viel frischer Luft und forschem Wind ging es abends zum Sushi im Kabuki und danach zu Martins Freunden, die auch gerade in Riga weilten. Dieser letzte Abend endete, wo auch die Woche begann: im Greenwoods. Dieses Mal mit mehr Leuten und gewohnt guter Stimmung. Ich habe auch noch ein Andenken an diesen Abend von einem charmanten, jungen Mann, der am nächsten Morgen am Flughafen gehörig über sich selbst erschrak. Aber es gibt nichts, was gutes Puder nicht überdecken könnte.
Ein wieder sehr regnerischer Mittwoch begann mit Brunch im Innocent-Café, wo ich auch Marie und Stine aus meiner Lieblingsgruppe traf. Den Resttag gammelten wir zu Hause bei Kamerarecherche und Nagellackiererei herum und begannen die Abendvorbereitung für MoonSafari in den heimeligen vier Wänden mit dem Apfelkuchenteufelszeug. MoonSafari war leider - mal wieder - eine Enttäuschung, doch wir hielten uns wacker mit Schuh-des-Manitu-Zitaten über Wasser, drehten ein witziges Heimwegvideo und landeten gegen 4 in unseren Betten. Der Donnerstag mit Pancakefrühstück und der "Don't touch"-policy im Decorative Art&Design-Museum hatte ein erfolgreicheres Ende: Musikabend von Medizinstudenten in Roberts Books. Ich liebe diesen Laden. Die gute Musik hat es dann nochmal getoppt. Ich sollte höllisch aufpassen, wenn ich mich noch mehr in diesen Laden verliebe, brauche ich bald einen LKW um alle meine neuen Errungenschaften nach Hause (also Deutschland) zu befördern. Apropos Deutschland: Luischen und Elli sind wieder in Dresden angekommen. Ein seltsames Gefühl. Ungefähr genau so komisch, wie die ehemalige Wohnung der JungsWG in unserem Haus des nachts beleuchtet und bewohnt zu sehen. Aber das Leben geht weiter - und irgendwann wird auch in meinem Zimmer hier in Riga nicht mein Licht brennen. Aber versinken wir mal nicht im verfrühten Abschiedsschmerz, noch habe ich hier genug zu tun! Zum Beispiel die Woche beenden. Wo war ich? Achja, richtig. Freitag! Am Morgen ging es mit grauen Wolken zum Pier in Mangaļsala. Das traumhafte Geräusch von aneinander klirrenden Eisschollen ähnlich einem Windspiel im Sommer habe ich immer noch im Ohr. Nach viel frischer Luft und forschem Wind ging es abends zum Sushi im Kabuki und danach zu Martins Freunden, die auch gerade in Riga weilten. Dieser letzte Abend endete, wo auch die Woche begann: im Greenwoods. Dieses Mal mit mehr Leuten und gewohnt guter Stimmung. Ich habe auch noch ein Andenken an diesen Abend von einem charmanten, jungen Mann, der am nächsten Morgen am Flughafen gehörig über sich selbst erschrak. Aber es gibt nichts, was gutes Puder nicht überdecken könnte.
Das war also die Woche. Viele Filme, viel Gegammel, viel Apple Pie, viele hübsche Männer, gemischtes Wetter und gemischte Gefühle. Als ich die beiden vor dem Security-Check nach Hause verabschiedete, wollte ich mich am liebsten in den orangen Ungetümen verkriechen. Doch da ich sowohl die Reißverschlüsse als auch das zulässige Gewicht gesprengt hätte, muss meine Heimreise wohl noch auf sich warten lassen. Am Donnerstag geht es für uns erst einmal in den Norden, nach Lappland. Kurz darauf kommt mein Hannes vorbei und schließlich auch Lisa und Harry. Gestern hat sich auch noch Patrick samt Freundin angemeldet. Ich freue mich! Das ist wie verspätetes Weihnachten!
Mittlerweile hat sich auch das Leere-Gefühl nach der Abreise von Francie und Felix gelegt. Wenn das Gequatsche um einen herum plötzlich von Stille abgelöst wird, kommt man sich kurzzeitig ein wenig fehl am Platze vor. In meinem Zimmer musste ich mich erst mal an den vielen freien Platz gewöhnen. Aber das ist Riga, das ist Erasmus. Ständiger Umschwung und Wandel, bei dem einem keine Zeit bleibt, Verlorengegangenes zu beweinen. Wir müssen flexibel bleiben und kopfüber ins nächste Abenteuer springen. Dafür liebe ich diese Zeit, auch wenn manchmal das schlechte Gewissen anklopft. Vernachlässige ich manche? Setze ich die richtigen Prioritäten? Viel Zeit zum Wundern bleibt zwischen all dem Alltagschaos nicht. Auch ganz gut so. Wenn ich zum Stillstand komme, fange ich bloß wieder an, alles zu zerdenken. Ich genieße lieber die Unbeschwertheit und nutze den Tag. Die Devise bleibt: warum auch nicht?
Saturday, February 15, 2014
Ein bisschen Frühling
Ich habe es doch tatsächlich geschafft, regelmäßig die Vorlesungen zu besuchen - auch wenn sie, rein inhaltlich, nicht viel Neues brachten. Wir waren zum Buddy-Kaffee im Coffee Inn, wo ich nach einer schweißtreibenden Stunde Aerobik den Barista mit meinem Iced Latte mitten im Winter wohl ziemlich verwirrt zu haben schien. Was soll frau machen?
Gestern war Valentinstag. Glücklicher Weise ist mir das ganze Herzchenherumgeschwirre in den Läden nicht aufgefallen - oder mein Unterbewusstsein hat es nach dem Motto "Was man nicht kennt, nimmt man nicht wahr." verdrängt. Wie dem auch sei, ich bin nicht traurig drum. In Erinnerung an mein Afrikaabenteuer, was nun genau ein Jahr zurück liegt, konnte ich der Flasche Amarula nicht widerstehen, und statt einsam unser Single-Dasein zu fristen, haben wir uns zu einem Movieabend (mit südafrikanischem Amarula & lettischem Moka) zusammengerottet: The Godfather und König der Löwen. Tolle Mischung, nicht wahr? Jedes Mal wenn im Godfather wieder eine Ehe scheiterte (durch Tod eines Ehegatten, wohl bemerkt) ging ein "Happy Valentines day!"-Raunen im Raum herum. Wir nehmen es mit Humor. Nur Vili hat es scheinbar nicht so ganz auf die leichte Schulter genommen, dass seine einzige männliche Unterstützung an dem Abend mehr Liebe abbekommen hat als er selbst. Bruno, der weißfellige, flauschige Hund seiner Mitbewohnerin, hat es der Horde Mädels aber auch zu einfach gemacht, seinem Charme zu verfallen. Kugelrund gefuttert und glücklich rollten wir kurz vor Mitternacht in die heimischen Betten.
In Finnland nennt man den 14.02. im Übrigen "Friendship Day". Über die Gründe der veränderten Namensgebung lässt sich streiten. Fakt ist jedoch, dass jetzt, just in dem Augenblicke, zwei Dresdner auf dem Weg zu mir sind. Ich kanns noch nicht so ganz fassen, dass ich doch tatsächlich Besuch bekomme! Zwar habe ich jetzt zweimal zusätzliche Bettwäsche und eine Ersatzmatratze in meinem Zimmer liegen und der Kühlschrank ist, seit Wochen, wieder einmal randvoll - aber dass ich in drei Stunden zum Flughafen aufbreche, nein, das ist noch nicht so ganz im Bewusstsein angekommen.
Dafür ist die Sonntagsplanung glasklar: Jurmala! In der Hoffnung noch ein wenig Eis auf der Ostsee zu finden - wobei eben diese bei konstanten Graden über dem Gefrierpunkt schon dahin geschmolzen ist.
Egal wo man hinschaut: ob auf den schnee- und eisfreien Straßen und Gehwegen, auf denen die lettische Damenwelt wieder ihre offenen Pumps in dünnen Strumpfhosen zur Schau stellt, oder den Wiesen, auf denen langsam aber sicher erste grüne Knospen zu sehen sind - oder, ganz abwegig: die Schmetterlinge in meinem Bauch bei der Vorfreude auf Besuch. Es ist ein bisschen Frühling in Riga angekommen.
Gestern war Valentinstag. Glücklicher Weise ist mir das ganze Herzchenherumgeschwirre in den Läden nicht aufgefallen - oder mein Unterbewusstsein hat es nach dem Motto "Was man nicht kennt, nimmt man nicht wahr." verdrängt. Wie dem auch sei, ich bin nicht traurig drum. In Erinnerung an mein Afrikaabenteuer, was nun genau ein Jahr zurück liegt, konnte ich der Flasche Amarula nicht widerstehen, und statt einsam unser Single-Dasein zu fristen, haben wir uns zu einem Movieabend (mit südafrikanischem Amarula & lettischem Moka) zusammengerottet: The Godfather und König der Löwen. Tolle Mischung, nicht wahr? Jedes Mal wenn im Godfather wieder eine Ehe scheiterte (durch Tod eines Ehegatten, wohl bemerkt) ging ein "Happy Valentines day!"-Raunen im Raum herum. Wir nehmen es mit Humor. Nur Vili hat es scheinbar nicht so ganz auf die leichte Schulter genommen, dass seine einzige männliche Unterstützung an dem Abend mehr Liebe abbekommen hat als er selbst. Bruno, der weißfellige, flauschige Hund seiner Mitbewohnerin, hat es der Horde Mädels aber auch zu einfach gemacht, seinem Charme zu verfallen. Kugelrund gefuttert und glücklich rollten wir kurz vor Mitternacht in die heimischen Betten.
In Finnland nennt man den 14.02. im Übrigen "Friendship Day". Über die Gründe der veränderten Namensgebung lässt sich streiten. Fakt ist jedoch, dass jetzt, just in dem Augenblicke, zwei Dresdner auf dem Weg zu mir sind. Ich kanns noch nicht so ganz fassen, dass ich doch tatsächlich Besuch bekomme! Zwar habe ich jetzt zweimal zusätzliche Bettwäsche und eine Ersatzmatratze in meinem Zimmer liegen und der Kühlschrank ist, seit Wochen, wieder einmal randvoll - aber dass ich in drei Stunden zum Flughafen aufbreche, nein, das ist noch nicht so ganz im Bewusstsein angekommen.
Dafür ist die Sonntagsplanung glasklar: Jurmala! In der Hoffnung noch ein wenig Eis auf der Ostsee zu finden - wobei eben diese bei konstanten Graden über dem Gefrierpunkt schon dahin geschmolzen ist.
Egal wo man hinschaut: ob auf den schnee- und eisfreien Straßen und Gehwegen, auf denen die lettische Damenwelt wieder ihre offenen Pumps in dünnen Strumpfhosen zur Schau stellt, oder den Wiesen, auf denen langsam aber sicher erste grüne Knospen zu sehen sind - oder, ganz abwegig: die Schmetterlinge in meinem Bauch bei der Vorfreude auf Besuch. Es ist ein bisschen Frühling in Riga angekommen.
Monday, February 10, 2014
Der Vollständigkeit halber
Heute war erster Lecture-Tag.
Auf dem Hinweg hat mich mein Präteritum-Ich fast zu spät kommen lassen, da es, schlaftrunken, nicht in der Lage war, die Fahrpläne korrekt zu lesen. Mit viel Glück bin ich sogar die erste im Auditorium, was, wie wahnsinnig optimistisch, nur zehn Leute fassen kann. Im Endeffekt waren wir zu fünft. Für die erste Vorlesung ein neuer Rekord!
Das Thema: Allgemeinmedizin. Selbst die Vorlesende war gelangweilt - das passiert auch nicht häufig. Allerdings hat sie ihre Philosophie bis zum Äußersten vertreten. Unsere Seminarleiter in Dresden haben bei "Wir behandeln den Patienten, nicht die Krankheit." Halt gemacht. Diese Frau kommt zum Patienten nach Hause, um mit ihm und seiner Familie über das Management seiner chronischen Rückenschmerzen zu kontemplieren. Nun verwundern mich die überlangen Arbeitszeiten auch nicht mehr: bei über 40 Patienten und ebenso vielen Hausbesuchen am Tag.
Nicht, dass ich das Konzept vom Grundgedanken her falsch finden würde, ganz im Gegenteil! Aber wenn demnächst ganze Familien in die Sprechstunde gehen, um dort mit ihrer Hausärztin über die den Reflux verschlimmernden Beziehungskrisen zu reden, oder man im Wartezimmer gefragt wird, ob man nicht auch zur wöchentlichen Paarberatung für Haustier und Hälter gekommen ist, dann können wir ja gleich der Aussicht auf ein Rezept für Antibiotika gegen die simple Mandelentzündung "Gute Nacht" sagen und uns lieber fragen, weshalb wir Wellensittich Willi zu Hause gelassen haben.
Kurz und knapp: die Vorlesende ist mir sympathisch und ich bin mit Sicherheit pro "personal medicine" - aber die Psychosomatik sollte beim Fachmann bleiben.
Thema Uniklinik. Was ich ganz vergessen habe: mein Zahnarztabenteuer.
Ich bin ein wahrer Müslifreak. Was hier in Lettland eine ungünstige Voraussetzung für ein billiges Frühstück ist, aber wenigstens sind die seltenen, schwedischen Varianten von Früchtemüsli unglaubliche Sinnessensationen für die Geschmackspapillen. Wie jeden Morgen genieße ich also mein Frühstück auf dem Fensterbrett mit dem Muntermacher schwarzer Kaffee in Reichweite. Und dann macht es knack. Outsch. Ein Stück Stein im Traumfrühstück. Und einen halben Zahn weniger im Mund. O-oh. Da plumpste mir erst einmal das Herz in die Hose und neben Karies nagten auch Selbstzweifel über Mundhygiene an mir. Nach Konsultation und mit verquert verkehrten Körperverrenkungen, um ein Photo von meiner Backenzahnbreitseite zu schießen, hatte ich einen Termin mit Madara, Daces Zahni-Mitbewohnerin, die wohl sehr heiß auf mein fehlendes Enamelum war.
Eine Woche später also hieß es "Nākošais, lūdzu!" - und ab ging es auf den Behandlungsstuhl, der für die nächsten, längsten zwei Stunden meines Lebens in Überstreckung mein Zuhause gewesen ist. Am ungemütlichsten: Metallring und grüner Spanngummi. Das Grummeln des Bohrers hat mich dann wieder an etwas anderes erinnert, aber ich konnte es nicht so ganz greifen.
Was es war, ist mir heute klar geworden. Heute hat es für einige Minuten um mich herumgegrummelt. Und die Haare flogen büschelweise. Ich war beim Friseur und bin zurück zu meinem Fabulous Self. Das Allerbeste: mein schwuler Übersetzer, der mir in dem Laden die Frisur gerettet hat, ist von ganz allein auf diese Idee gekommen. Wer hätte das gedacht! Zum ersten Mal war jemand in einem lettischen Schönheitssalon auf meiner Seite!
Dass die Friseuse ihn mitten im Schneiden wieder zum Übersetzen herschleifte, war dann nur noch erheiternder - sie hatte Angst, dass ich sie, wenn sie fertig ist, dafür umbringe.
Auf dem Hinweg hat mich mein Präteritum-Ich fast zu spät kommen lassen, da es, schlaftrunken, nicht in der Lage war, die Fahrpläne korrekt zu lesen. Mit viel Glück bin ich sogar die erste im Auditorium, was, wie wahnsinnig optimistisch, nur zehn Leute fassen kann. Im Endeffekt waren wir zu fünft. Für die erste Vorlesung ein neuer Rekord!
Das Thema: Allgemeinmedizin. Selbst die Vorlesende war gelangweilt - das passiert auch nicht häufig. Allerdings hat sie ihre Philosophie bis zum Äußersten vertreten. Unsere Seminarleiter in Dresden haben bei "Wir behandeln den Patienten, nicht die Krankheit." Halt gemacht. Diese Frau kommt zum Patienten nach Hause, um mit ihm und seiner Familie über das Management seiner chronischen Rückenschmerzen zu kontemplieren. Nun verwundern mich die überlangen Arbeitszeiten auch nicht mehr: bei über 40 Patienten und ebenso vielen Hausbesuchen am Tag.
Nicht, dass ich das Konzept vom Grundgedanken her falsch finden würde, ganz im Gegenteil! Aber wenn demnächst ganze Familien in die Sprechstunde gehen, um dort mit ihrer Hausärztin über die den Reflux verschlimmernden Beziehungskrisen zu reden, oder man im Wartezimmer gefragt wird, ob man nicht auch zur wöchentlichen Paarberatung für Haustier und Hälter gekommen ist, dann können wir ja gleich der Aussicht auf ein Rezept für Antibiotika gegen die simple Mandelentzündung "Gute Nacht" sagen und uns lieber fragen, weshalb wir Wellensittich Willi zu Hause gelassen haben.
Kurz und knapp: die Vorlesende ist mir sympathisch und ich bin mit Sicherheit pro "personal medicine" - aber die Psychosomatik sollte beim Fachmann bleiben.
Thema Uniklinik. Was ich ganz vergessen habe: mein Zahnarztabenteuer.
Ich bin ein wahrer Müslifreak. Was hier in Lettland eine ungünstige Voraussetzung für ein billiges Frühstück ist, aber wenigstens sind die seltenen, schwedischen Varianten von Früchtemüsli unglaubliche Sinnessensationen für die Geschmackspapillen. Wie jeden Morgen genieße ich also mein Frühstück auf dem Fensterbrett mit dem Muntermacher schwarzer Kaffee in Reichweite. Und dann macht es knack. Outsch. Ein Stück Stein im Traumfrühstück. Und einen halben Zahn weniger im Mund. O-oh. Da plumpste mir erst einmal das Herz in die Hose und neben Karies nagten auch Selbstzweifel über Mundhygiene an mir. Nach Konsultation und mit verquert verkehrten Körperverrenkungen, um ein Photo von meiner Backenzahnbreitseite zu schießen, hatte ich einen Termin mit Madara, Daces Zahni-Mitbewohnerin, die wohl sehr heiß auf mein fehlendes Enamelum war.
Eine Woche später also hieß es "Nākošais, lūdzu!" - und ab ging es auf den Behandlungsstuhl, der für die nächsten, längsten zwei Stunden meines Lebens in Überstreckung mein Zuhause gewesen ist. Am ungemütlichsten: Metallring und grüner Spanngummi. Das Grummeln des Bohrers hat mich dann wieder an etwas anderes erinnert, aber ich konnte es nicht so ganz greifen.
Was es war, ist mir heute klar geworden. Heute hat es für einige Minuten um mich herumgegrummelt. Und die Haare flogen büschelweise. Ich war beim Friseur und bin zurück zu meinem Fabulous Self. Das Allerbeste: mein schwuler Übersetzer, der mir in dem Laden die Frisur gerettet hat, ist von ganz allein auf diese Idee gekommen. Wer hätte das gedacht! Zum ersten Mal war jemand in einem lettischen Schönheitssalon auf meiner Seite!
Dass die Friseuse ihn mitten im Schneiden wieder zum Übersetzen herschleifte, war dann nur noch erheiternder - sie hatte Angst, dass ich sie, wenn sie fertig ist, dafür umbringe.
Labrīt, Rīga!
Sunday, February 9, 2014
(Another) Weird place
Manche Nächte sind perfekt. Da findet man sich mit Freunden in einer neuen Location zu einem mehr oder minder geplanten Ausflug zur English Comedy Night wieder und lacht sich schlapp über Sex&theCity-Analogien, StarWars-Scherze und männliche Weisheiten über die Rolle der Frau in neuen Beziehungen: "She walks into a man's life, takes a look around, smiles and says: 'Well, all of this has to change!'". Dazu ein kostenloser Tequila Sunrise, der mich an ein sehr witziges Silvester in Dresden zurückdenken lässt, und lauwarme Temperaturen um den Gefrierpunkt, bei denen man nach Wochen der zweistelligen Minusgrade erleichtert die Mütze in die Tasche stopft und die Skihandschuhe gegen die dünneren Übergangsmodelle eintauscht.
Und dann gibt es die seltsamen Nächte. Die, zu denen man sich quasi hinschleifen muss, weil man in der Nacht zu vor entweder zu schlecht oder zu wenig geschlafen und das schwammige Gefühl aufgedunsener Fingerspitzen vom AfterParty-Wohnungsschrubben noch nicht losbekommen hat. An solchen Abenden landet man in den verrücktesten Bars, sieht die abgefahrensten Leute und hat die schrägsten Unterhaltungen.
Wie gestern Abend zum Beispiel. Wir trafen uns im Café Leningrad, eine Bar, die den Entspannungs-Latte wohl nur zur Schau im Namen stehen hat. Hier zählt eher die Devise des Konterbieres um 7 Uhr morgens. Der Anblick der barhäuptigen, dieses mal im Sinne von haar- statt kopfbedeckungslosen, Leder tragenden Kolosse des männlichen Geschlechts mit Tinte unter fast jedem Quadratzentimeter entblößter Haut haben mich mit meinem Rad eine Ehrenrunde um den Block drehen lassen. Zehn Meter vor dem unscheinbaren Eingang (eine einem Verschlag gleichenden Holztür ohne Klinke) der panische Anruf, um sicherzugehen, dass meine Freunde schon drinnen auf mich warten - ja, ja, ja, wir sind schon da! - Schultern zurück, Kinn hoch, Luft anhalten und rein ins Getümmel. Ich glaube, ich war lange nicht mehr so froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, wie in der Mitte dieses Must-see-Ladens in Vecrīga. Mein sechzehnjähriger Alter Ego hätte Luftsprünge vollführt, denn zwischen den russisch-radikalen Tischen, der gemusterten Tapete und dem halb zerrissenen Gemälde aus dem russischen Realismus (nackt badende, junge Männer) hätte nichts besser gepasst als eine ganz in schwarz gekleidete Göre mit Springerstiefeln, bunten Haaren, zu viel Kajal und einem Reclam-Büchlein von Jean-Paul Sartre zu ihrem Bier.
Mein bald-dreiundzwanzigjähriges Jetzt hatte Schwierigkeiten, die Anspannung in den Schultern zu lösen und nahm kurzer Hand mit zitternden Fingern die in diesem Laden tussihaft wirkenden Ohrringe heraus. Der freie Stuhl zwischen einem sechzigjährigen Alkoholiker, der benommen in sein Bierglas starrte, und der Couch, auf der ein verlotterter Kerl ganz unhipsterhaft auf der Tastatur des auf seinen Knien befindlichen Uralt-nicht-Apfel-Computer herumklapperte, war der meinige. Ich musste mich regelrecht daran erinnern wieder Luft zu holen und war erstaunt, dass diese nicht vom Duft nach verschüttetem Alkohol geschwängert war. So wie sich Martin kringelig gelacht hat, muss ich wohl ein Bild vollkommener Fassungslosigkeit abgegeben haben: unter dem Leninportrait sitzend, die Pupillen geweitet, ein Schachspiel zwischen einem slowenischen Erasmusstudenten und einem kahlköpfigen und knollennasigen Apparat eines Russens beobachtend. Besagter Buddy meinte danach zu uns, dass er ihn lieber habe gewinnen lassen, als sich der möglichen Eskalation von Aggression auszusetzen, nachdem seine Freundin vor Betreten Leningrads laut und deutlich (und damit in Hörweite anderer Cafébesucher) angemerkt hatte, dass in diesem Laden "wohl keiner normal ist". Abwechslung zur lettischen Ausgabe der Schachnovelle bot die ständige und wechselnde Vielfalt von neuen Gästen. Wie zum Beispiel der Besoffene, der kleinschrittig und breitbasig durch die Tür gewankt kam und nur mit Müh' und Not sicheren Halt auf dem Barhocker fand.
Ich stimme den Reiseführern zu, das Leningrad ist ein must-see. Es erinnert mich ein wenig an einen Verkehrsunfall: man findet es unschön und kann trotzdem nicht wegschauen. Ein Abenteuer war es allemal!
Nach einem ersten Bier für alle außer mir, die auf Alkohol dankend verzichtet hatte, zogen wir weiter auf der Suche nach tanzbarer Musik. Erste Station: ein für uns neuer Schuppen: Pulkvedis, gegenüber der AlaBar. Leider mit Passkontrolle - und da eine unserer Begleiterinnen ihren zu Hause hat liegen lassen, zogen wir nach zehnminütigem, erfolglosen Überredens und einem missglückten Täuschungsversuch weiter Richtung Ezītis Miglā. Der Igel hatte leider schon zu viele Besucher im Nebel, sodass die Luft dünn und Sitzplätze aussichtslos waren. Ich schnallte Edita vom nahe gelegenen Verkehrsschild los und wir versuchten unser Glück wie ein paar Abende zuvor im Nabaklab. Dort, wo wir großartige lokale und auswärtige Comedians haben stehen sehen, standen nun junge Kerle mit weiten Hosen und schlabberigen Hoodies, deren Kapuzen tief ins Gesicht gezogen waren. Dazu ein sich in den Magen bohrender Bass und jede Menge wippenden Publikums. Willkommen in der lettischen HipHopSzene. Verstanden habe ich leider nichts, aber der Groove einiger Lieder ging mir doch in die Knochen und rüttelte den zwölfjährigen Marshall-Matters-LP Besitzer in mir wach. Die Unterhaltung war nicht schlecht - doch leider nur bedingt tanzbar. So schwangen wir unsere Hinterteile wieder die Treppe empor und versuchten unser Glück im Kaļķu vārti, einem Club, dessen Namen ich immer noch nicht korrekt aussprechen kann und in dem man keinen Eintritt zahlen muss um halbwegs gute Musik und teures Bier zu genießen. Wenn uns der Abend aber eines gelehrt hat, nachdem wir die ID-Täuschung perfektioniert haben, dann, dass überall ein Haken an der Sache ist. Dieses Mal war es ein Securitygard, an dem ich eiskalt vorbei gehen konnte ohne aufgehalten zu werden, der jedoch zielsicher die einzige Zwanzigjährige aus unserer Runde herausfischte und sie mit dem eisigen Lettisch-Blick auf das Schild "Ab 21" aufmerksam machte. Mittlerweile war es schon weit nach Mitternacht und das Rapunzelchen in mir wollte nichts weiter als in ihrer Kürbiskutsche nach Hause fahren. Aber der traurige Blick in den Augen der tanzwütigen Begleitung hat mich meinen Kürbis, ergo Edita, zum Greenwoods schieben lassen, wo wir, wie immer, noch einen Platz auf der Tanzfläche fanden und zu gewohnt guter Musik und, was die Übergänge angeht, miserabler DJ-Arbeit abrockten. Kostenlos zum billigen Bier gab es die hoch motivierten, männlichen Tänzer mit ähnlich eleviertem Blutalkohol obendrauf, die entweder die aufdringliche Hyperaktivität oder den gruseligen Slowdance an uns ausprobieren wollten. Wir lehnten mit einem Lächeln ab, schließlich hatte die verrückte Nacht noch eine Wendung zum Guten gemacht: die Neulinge hatten einen kostenlosen PubCrawl mitgemacht, wir tanzten und waren glücklich.
Diese verrückten Nächte: seltsame Orte und viele Geschichten.
Perfektionismus um jeden Preis ist doch langweilig.
Und dann gibt es die seltsamen Nächte. Die, zu denen man sich quasi hinschleifen muss, weil man in der Nacht zu vor entweder zu schlecht oder zu wenig geschlafen und das schwammige Gefühl aufgedunsener Fingerspitzen vom AfterParty-Wohnungsschrubben noch nicht losbekommen hat. An solchen Abenden landet man in den verrücktesten Bars, sieht die abgefahrensten Leute und hat die schrägsten Unterhaltungen.
Wie gestern Abend zum Beispiel. Wir trafen uns im Café Leningrad, eine Bar, die den Entspannungs-Latte wohl nur zur Schau im Namen stehen hat. Hier zählt eher die Devise des Konterbieres um 7 Uhr morgens. Der Anblick der barhäuptigen, dieses mal im Sinne von haar- statt kopfbedeckungslosen, Leder tragenden Kolosse des männlichen Geschlechts mit Tinte unter fast jedem Quadratzentimeter entblößter Haut haben mich mit meinem Rad eine Ehrenrunde um den Block drehen lassen. Zehn Meter vor dem unscheinbaren Eingang (eine einem Verschlag gleichenden Holztür ohne Klinke) der panische Anruf, um sicherzugehen, dass meine Freunde schon drinnen auf mich warten - ja, ja, ja, wir sind schon da! - Schultern zurück, Kinn hoch, Luft anhalten und rein ins Getümmel. Ich glaube, ich war lange nicht mehr so froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, wie in der Mitte dieses Must-see-Ladens in Vecrīga. Mein sechzehnjähriger Alter Ego hätte Luftsprünge vollführt, denn zwischen den russisch-radikalen Tischen, der gemusterten Tapete und dem halb zerrissenen Gemälde aus dem russischen Realismus (nackt badende, junge Männer) hätte nichts besser gepasst als eine ganz in schwarz gekleidete Göre mit Springerstiefeln, bunten Haaren, zu viel Kajal und einem Reclam-Büchlein von Jean-Paul Sartre zu ihrem Bier.
Mein bald-dreiundzwanzigjähriges Jetzt hatte Schwierigkeiten, die Anspannung in den Schultern zu lösen und nahm kurzer Hand mit zitternden Fingern die in diesem Laden tussihaft wirkenden Ohrringe heraus. Der freie Stuhl zwischen einem sechzigjährigen Alkoholiker, der benommen in sein Bierglas starrte, und der Couch, auf der ein verlotterter Kerl ganz unhipsterhaft auf der Tastatur des auf seinen Knien befindlichen Uralt-nicht-Apfel-Computer herumklapperte, war der meinige. Ich musste mich regelrecht daran erinnern wieder Luft zu holen und war erstaunt, dass diese nicht vom Duft nach verschüttetem Alkohol geschwängert war. So wie sich Martin kringelig gelacht hat, muss ich wohl ein Bild vollkommener Fassungslosigkeit abgegeben haben: unter dem Leninportrait sitzend, die Pupillen geweitet, ein Schachspiel zwischen einem slowenischen Erasmusstudenten und einem kahlköpfigen und knollennasigen Apparat eines Russens beobachtend. Besagter Buddy meinte danach zu uns, dass er ihn lieber habe gewinnen lassen, als sich der möglichen Eskalation von Aggression auszusetzen, nachdem seine Freundin vor Betreten Leningrads laut und deutlich (und damit in Hörweite anderer Cafébesucher) angemerkt hatte, dass in diesem Laden "wohl keiner normal ist". Abwechslung zur lettischen Ausgabe der Schachnovelle bot die ständige und wechselnde Vielfalt von neuen Gästen. Wie zum Beispiel der Besoffene, der kleinschrittig und breitbasig durch die Tür gewankt kam und nur mit Müh' und Not sicheren Halt auf dem Barhocker fand.
Ich stimme den Reiseführern zu, das Leningrad ist ein must-see. Es erinnert mich ein wenig an einen Verkehrsunfall: man findet es unschön und kann trotzdem nicht wegschauen. Ein Abenteuer war es allemal!
Nach einem ersten Bier für alle außer mir, die auf Alkohol dankend verzichtet hatte, zogen wir weiter auf der Suche nach tanzbarer Musik. Erste Station: ein für uns neuer Schuppen: Pulkvedis, gegenüber der AlaBar. Leider mit Passkontrolle - und da eine unserer Begleiterinnen ihren zu Hause hat liegen lassen, zogen wir nach zehnminütigem, erfolglosen Überredens und einem missglückten Täuschungsversuch weiter Richtung Ezītis Miglā. Der Igel hatte leider schon zu viele Besucher im Nebel, sodass die Luft dünn und Sitzplätze aussichtslos waren. Ich schnallte Edita vom nahe gelegenen Verkehrsschild los und wir versuchten unser Glück wie ein paar Abende zuvor im Nabaklab. Dort, wo wir großartige lokale und auswärtige Comedians haben stehen sehen, standen nun junge Kerle mit weiten Hosen und schlabberigen Hoodies, deren Kapuzen tief ins Gesicht gezogen waren. Dazu ein sich in den Magen bohrender Bass und jede Menge wippenden Publikums. Willkommen in der lettischen HipHopSzene. Verstanden habe ich leider nichts, aber der Groove einiger Lieder ging mir doch in die Knochen und rüttelte den zwölfjährigen Marshall-Matters-LP Besitzer in mir wach. Die Unterhaltung war nicht schlecht - doch leider nur bedingt tanzbar. So schwangen wir unsere Hinterteile wieder die Treppe empor und versuchten unser Glück im Kaļķu vārti, einem Club, dessen Namen ich immer noch nicht korrekt aussprechen kann und in dem man keinen Eintritt zahlen muss um halbwegs gute Musik und teures Bier zu genießen. Wenn uns der Abend aber eines gelehrt hat, nachdem wir die ID-Täuschung perfektioniert haben, dann, dass überall ein Haken an der Sache ist. Dieses Mal war es ein Securitygard, an dem ich eiskalt vorbei gehen konnte ohne aufgehalten zu werden, der jedoch zielsicher die einzige Zwanzigjährige aus unserer Runde herausfischte und sie mit dem eisigen Lettisch-Blick auf das Schild "Ab 21" aufmerksam machte. Mittlerweile war es schon weit nach Mitternacht und das Rapunzelchen in mir wollte nichts weiter als in ihrer Kürbiskutsche nach Hause fahren. Aber der traurige Blick in den Augen der tanzwütigen Begleitung hat mich meinen Kürbis, ergo Edita, zum Greenwoods schieben lassen, wo wir, wie immer, noch einen Platz auf der Tanzfläche fanden und zu gewohnt guter Musik und, was die Übergänge angeht, miserabler DJ-Arbeit abrockten. Kostenlos zum billigen Bier gab es die hoch motivierten, männlichen Tänzer mit ähnlich eleviertem Blutalkohol obendrauf, die entweder die aufdringliche Hyperaktivität oder den gruseligen Slowdance an uns ausprobieren wollten. Wir lehnten mit einem Lächeln ab, schließlich hatte die verrückte Nacht noch eine Wendung zum Guten gemacht: die Neulinge hatten einen kostenlosen PubCrawl mitgemacht, wir tanzten und waren glücklich.
Diese verrückten Nächte: seltsame Orte und viele Geschichten.
Perfektionismus um jeden Preis ist doch langweilig.
Estonische, schüchterne (und jetzt auch gesichtslose) Janika Maidle
Selber Platz ein paar Tage später. HipHop live!
Heimisches Gefielde: Greendwoods
Titelgebend: Playfellow - Weird Place. Danke, Tom! (Leider nicht online. Ersatz: Another Weird Place, selbe Band)
Thursday, February 6, 2014
Kopfsprung
Als ich gestern in den Trolleybus stieg, kam ich mir beobachtet vor. Nach nicht mal einer Station und einem schweifenden Blick im fast leeren Verkehrsmittel, war die Quelle meines Gefühls ausgemacht. Da saß ein vor sich hin grinsender Blondschopf und starrte mich an. Mir schienen bei seinem Anblick wohl ein wenig die Gesichtszüge zu entgleiten - kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Lächeln im lettischen Nahverkehr eher ein Zeichen des Wahnsinns als des Alltäglichen ist - jedenfalls widmete er sich nach einem noch breiteren Grinsen wieder seinem Mobiltelefon und ich vertiefte mich in die Seiten von Alice im Wunderland. Gerade als die kleine Alice im Schoß ihrer Schwester aufwacht, steigen Martin und Kathi an der Bruņinieku iela zu. Der Blondschopf saß weiterhin grinsend auf seinem Platz. Wenige Minuten später stand er neben Kathi und strahlte sie wortlos an. Ihm stand der Schelm ins Gesicht geschrieben. Eine Hangeleinlage entlang der Halteschlaufen und ein schüchternes, englisches "Hallo" und "Wie geht's dir?" später hatte er unser Herz erobert. Dieser süße Kerl von nicht einmal 9 Jahren hat mir mit seinem Grinsen den Tag gerettet.
Und nicht nur das. Seine Kopf-über-hinein-Attitüde hat mich fasziniert.
Vielleicht deshalb, weil ich mich langsam auch in diese Art von Mensch verwandle. Aus dem vorsichtigen Einen-Zeh-ins-Wasser-halten ist ein Kopfsprung geworden, wenn es um Neues geht. Hallelujah, Erasmus! Ein bisschen lockerer, ein bisschen zwangloser und schon hat man neuen Schwung im Leben und ist von sich selbst erstaunt. Ich habe in den letzten Wochen Sachen getan, von denen ich nie dachte, dass ich mich einmal dabei erwischen würde. (Nichts Illegales, dafür bin ich zu gut erzogen.) Aber einfach mal etwas Unüberlegtes. Ausprobieren, schauen, wie es passt und ob man sich in der Rolle gefällt. Bisher war das Wasser immer tief genug. Zwar gab es den einen oder anderen Bauchklatscher - und leider kann ich nicht wie Alice an einem Pilz knabbern und nach Belieben meine Körpergröße die einer Maus angleichen, um mich unsichtbar zu machen - aber immerhin habe ich es noch nicht geschafft, Hals über Kopf in seichte Gewässer zu springen. Allen Übermuts zum Trotz bin ich also doch noch mit einem großen Anteil Intuition ausgestattet, die es mir erlaubt, die Meerestiefen vom Gartenteich unterscheiden zu können. Und nachdem ich Ende Februar im Atlantik baden gewesen sein werde, kann mir so schnell keiner mehr was!
Das neue Semester hat angefangen. Mittlerweile wissen wir, worauf es ankommt, auf was wir achten müssen und wo es sich lohnt, doch noch ein halbes Stündchen liegen zu bleiben. Die Kurse sind gewählt, die Vorlesungen haben begonnen, die Stundenpläne müssen noch vom Dekan abgesegnet werden und dann kann der Spaß wieder von vorn losgehen. Zwischen drin zum Ausgleich: Besuch, Besuch, Besuch! Und natürlich Reisen: Lappland ist fest geplant, die Chance nach Russland zu gehen, möchte ich auch nicht ungenutzt vorbei ziehen lassen - und die anderen unmittelbaren Nachbarländer Lettlands sollte ich mir doch auch wenigstens in einer kleinen Städtereise angeschaut haben.
Die Tage stehen also unter dem Stern des neuen Semesters - und die Nächte? Jeden Tag etwas anderes, aufregendes vor! Mal Party bei Kate, der polnischen neuen Buddy von Dace, oder Namenstag vom Superbuddy! Essen bei den Buddies, Geburtstagsfeiern, Chorproben und Filmabende. Mein Terminkalender ist voll. Das fühlt sich gut an!
Der Sommer ist auch schon geplant: Famulatur, Famulatur, Famulatur! Einmal Gyn, einmal Onko und einmal Psychiatrie. Das sind zehn Wochen Arbeit, auf die ich mich schon sehr freue. Zwischen drin: Reunion von unserer Harnas-Familie, Jahrgangstreffen der alten Hasen des Abschlussjahres '09 und ein kleiner, feiner Urlaub mit meiner Besten auf Sardinien.
Der Sommer ist auch schon geplant: Famulatur, Famulatur, Famulatur! Einmal Gyn, einmal Onko und einmal Psychiatrie. Das sind zehn Wochen Arbeit, auf die ich mich schon sehr freue. Zwischen drin: Reunion von unserer Harnas-Familie, Jahrgangstreffen der alten Hasen des Abschlussjahres '09 und ein kleiner, feiner Urlaub mit meiner Besten auf Sardinien.
Schön ist es auf der Welt zu sein.
(Und nein, ich habe nicht an Pilzen geknabbert.)
"[...] at least I know who I was when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then."
(Und nein, ich habe nicht an Pilzen geknabbert.)
"[...] at least I know who I was when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then."
Alice's Adventures in Wonderland
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