Monday, February 10, 2014

Der Vollständigkeit halber

Heute war erster Lecture-Tag.

Auf dem Hinweg hat mich mein Präteritum-Ich fast zu spät kommen lassen, da es, schlaftrunken, nicht in der Lage war, die Fahrpläne korrekt zu lesen. Mit viel Glück bin ich sogar die erste im Auditorium, was, wie wahnsinnig optimistisch, nur zehn Leute fassen kann. Im Endeffekt waren wir zu fünft. Für die erste Vorlesung ein neuer Rekord!

Das Thema: Allgemeinmedizin. Selbst die Vorlesende war gelangweilt - das passiert auch nicht häufig. Allerdings hat sie ihre Philosophie bis zum Äußersten vertreten. Unsere Seminarleiter in Dresden haben bei "Wir behandeln den Patienten, nicht die Krankheit." Halt gemacht. Diese Frau kommt zum Patienten nach Hause, um mit ihm und seiner Familie über das Management seiner chronischen Rückenschmerzen zu kontemplieren. Nun verwundern mich die überlangen Arbeitszeiten auch nicht mehr: bei über 40 Patienten und ebenso vielen Hausbesuchen am Tag.

Nicht, dass ich das Konzept vom Grundgedanken her falsch finden würde, ganz im Gegenteil! Aber wenn demnächst ganze Familien in die Sprechstunde gehen, um dort mit ihrer Hausärztin über die den Reflux verschlimmernden Beziehungskrisen zu reden, oder man im Wartezimmer gefragt wird, ob man nicht auch zur wöchentlichen Paarberatung für Haustier und Hälter gekommen ist, dann können wir ja gleich der Aussicht auf ein Rezept für Antibiotika gegen die simple Mandelentzündung "Gute Nacht" sagen und uns lieber fragen, weshalb wir Wellensittich Willi zu Hause gelassen haben.
Kurz und knapp: die Vorlesende ist mir sympathisch und ich bin mit Sicherheit pro "personal medicine" - aber die Psychosomatik sollte beim Fachmann bleiben.

Thema Uniklinik. Was ich ganz vergessen habe: mein Zahnarztabenteuer.

Ich bin ein wahrer Müslifreak. Was hier in Lettland eine ungünstige Voraussetzung für ein billiges Frühstück ist, aber wenigstens sind die seltenen, schwedischen Varianten von Früchtemüsli unglaubliche Sinnessensationen für die Geschmackspapillen. Wie jeden Morgen genieße ich also mein Frühstück auf dem Fensterbrett mit dem Muntermacher schwarzer Kaffee in Reichweite. Und dann macht es knack. Outsch. Ein Stück Stein im Traumfrühstück. Und einen halben Zahn weniger im Mund. O-oh. Da plumpste mir erst einmal das Herz in die Hose und neben Karies nagten auch Selbstzweifel über Mundhygiene an mir. Nach Konsultation und mit verquert verkehrten Körperverrenkungen, um ein Photo von meiner Backenzahnbreitseite zu schießen, hatte ich einen Termin mit Madara, Daces Zahni-Mitbewohnerin, die wohl sehr heiß auf mein fehlendes Enamelum war.

Eine Woche später also hieß es "Nākošais, lūdzu!" - und ab ging es auf den Behandlungsstuhl, der für die nächsten, längsten zwei Stunden meines Lebens in Überstreckung mein Zuhause gewesen ist. Am ungemütlichsten: Metallring und grüner Spanngummi. Das Grummeln des Bohrers hat mich dann wieder an etwas anderes erinnert, aber ich konnte es nicht so ganz greifen.

Was es war, ist mir heute klar geworden. Heute hat es für einige Minuten um mich herumgegrummelt. Und die Haare flogen büschelweise. Ich war beim Friseur und bin zurück zu meinem Fabulous Self. Das Allerbeste: mein schwuler Übersetzer, der mir in dem Laden die Frisur gerettet hat, ist von ganz allein auf diese Idee gekommen. Wer hätte das gedacht! Zum ersten Mal war jemand in einem lettischen Schönheitssalon auf meiner Seite!
Dass die Friseuse ihn mitten im Schneiden wieder zum Übersetzen herschleifte, war dann nur noch erheiternder - sie hatte Angst, dass ich sie, wenn sie fertig ist, dafür umbringe.

Labrīt, Rīga!

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