Thursday, February 6, 2014

Kopfsprung

Als ich gestern in den Trolleybus stieg, kam ich mir beobachtet vor. Nach nicht mal einer Station und einem schweifenden Blick im fast leeren Verkehrsmittel, war die Quelle meines Gefühls ausgemacht. Da saß ein vor sich hin grinsender Blondschopf und starrte mich an. Mir schienen bei seinem Anblick wohl ein wenig die Gesichtszüge zu entgleiten - kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Lächeln im lettischen Nahverkehr eher ein Zeichen des Wahnsinns als des Alltäglichen ist - jedenfalls widmete er sich nach einem noch breiteren Grinsen wieder seinem Mobiltelefon und ich vertiefte mich in die Seiten von Alice im Wunderland. Gerade als die kleine Alice im Schoß ihrer Schwester aufwacht, steigen Martin und Kathi an der Bruņinieku iela zu. Der Blondschopf saß weiterhin grinsend auf seinem Platz. Wenige Minuten später stand er neben Kathi und strahlte sie wortlos an. Ihm stand der Schelm ins Gesicht geschrieben. Eine Hangeleinlage entlang der Halteschlaufen und ein schüchternes, englisches "Hallo" und "Wie geht's dir?" später hatte er unser Herz erobert. Dieser süße Kerl von nicht einmal 9 Jahren hat mir mit seinem Grinsen den Tag gerettet. 
Und nicht nur das. Seine Kopf-über-hinein-Attitüde hat mich fasziniert. 

Vielleicht deshalb, weil ich mich langsam auch in diese Art von Mensch verwandle. Aus dem vorsichtigen Einen-Zeh-ins-Wasser-halten ist ein Kopfsprung geworden, wenn es um Neues geht. Hallelujah, Erasmus! Ein bisschen lockerer, ein bisschen zwangloser und schon hat man neuen Schwung im Leben und ist von sich selbst erstaunt. Ich habe in den letzten Wochen Sachen getan, von denen ich nie dachte, dass ich mich einmal dabei erwischen würde. (Nichts Illegales, dafür bin ich zu gut erzogen.) Aber einfach mal etwas Unüberlegtes. Ausprobieren, schauen, wie es passt und ob man sich in der Rolle gefällt. Bisher war das Wasser immer tief genug. Zwar gab es den einen oder anderen Bauchklatscher - und leider kann ich nicht wie Alice an einem Pilz knabbern und nach Belieben meine Körpergröße die einer Maus angleichen, um mich unsichtbar zu machen - aber immerhin habe ich es noch nicht geschafft, Hals über Kopf in seichte Gewässer zu springen. Allen Übermuts zum Trotz bin ich also doch noch mit einem großen Anteil Intuition ausgestattet, die es mir erlaubt, die Meerestiefen vom Gartenteich unterscheiden zu können. Und nachdem ich Ende Februar im Atlantik baden gewesen sein werde, kann mir so schnell keiner mehr was!

Das neue Semester hat angefangen. Mittlerweile wissen wir, worauf es ankommt, auf was wir achten müssen und wo es sich lohnt, doch noch ein halbes Stündchen liegen zu bleiben. Die Kurse sind gewählt, die Vorlesungen haben begonnen, die Stundenpläne müssen noch vom Dekan abgesegnet werden und dann kann der Spaß wieder von vorn losgehen. Zwischen drin zum Ausgleich: Besuch, Besuch, Besuch! Und natürlich Reisen: Lappland ist fest geplant, die Chance nach Russland zu gehen, möchte ich auch nicht ungenutzt vorbei ziehen lassen - und die anderen unmittelbaren Nachbarländer Lettlands sollte ich mir doch auch wenigstens in einer kleinen Städtereise angeschaut haben.
Die Tage stehen also unter dem Stern des neuen Semesters - und die Nächte? Jeden Tag etwas anderes, aufregendes vor! Mal Party bei Kate, der polnischen neuen Buddy von Dace, oder Namenstag vom Superbuddy! Essen bei den Buddies, Geburtstagsfeiern, Chorproben und Filmabende. Mein Terminkalender ist voll. Das fühlt sich gut an!

Der Sommer ist auch schon geplant: Famulatur, Famulatur, Famulatur! Einmal Gyn, einmal Onko und einmal Psychiatrie. Das sind zehn Wochen Arbeit, auf die ich mich schon sehr freue. Zwischen drin: Reunion von unserer Harnas-Familie, Jahrgangstreffen der alten Hasen des Abschlussjahres '09 und ein kleiner, feiner Urlaub mit meiner Besten auf Sardinien. 

Schön ist es auf der Welt zu sein.
(Und nein, ich habe nicht an Pilzen geknabbert.)


"[...] at least I know who I was when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then."
Alice's Adventures in Wonderland

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