Sunday, February 9, 2014

(Another) Weird place

Manche Nächte sind perfekt. Da findet man sich mit Freunden in einer neuen Location zu einem mehr oder minder geplanten Ausflug zur English Comedy Night wieder und lacht sich schlapp über Sex&theCity-Analogien, StarWars-Scherze und männliche Weisheiten über die Rolle der Frau in neuen Beziehungen: "She walks into a man's life, takes a look around, smiles and says: 'Well, all of this has to change!'". Dazu ein kostenloser Tequila Sunrise, der mich an ein sehr witziges Silvester in Dresden zurückdenken lässt, und lauwarme Temperaturen um den Gefrierpunkt, bei denen man nach Wochen der zweistelligen Minusgrade erleichtert die Mütze in die Tasche stopft und die Skihandschuhe gegen die dünneren Übergangsmodelle eintauscht.

Und dann gibt es die seltsamen Nächte. Die, zu denen man sich quasi hinschleifen muss, weil man in der Nacht zu vor entweder zu schlecht oder zu wenig geschlafen und das schwammige Gefühl aufgedunsener Fingerspitzen vom AfterParty-Wohnungsschrubben noch nicht losbekommen hat. An solchen Abenden landet man in den verrücktesten Bars, sieht die abgefahrensten Leute und hat die schrägsten Unterhaltungen.
Wie gestern Abend zum Beispiel. Wir trafen uns im Café Leningrad, eine Bar, die den Entspannungs-Latte wohl nur zur Schau im Namen stehen hat. Hier zählt eher die Devise des Konterbieres um 7 Uhr morgens. Der Anblick der barhäuptigen, dieses mal im Sinne von haar- statt kopfbedeckungslosen, Leder tragenden Kolosse des männlichen Geschlechts mit Tinte unter fast jedem Quadratzentimeter entblößter Haut haben mich mit meinem Rad eine Ehrenrunde um den Block drehen lassen. Zehn Meter vor dem unscheinbaren Eingang (eine einem Verschlag gleichenden Holztür ohne Klinke) der panische Anruf, um sicherzugehen, dass meine Freunde schon drinnen auf mich warten - ja, ja, ja, wir sind schon da! - Schultern zurück, Kinn hoch, Luft anhalten und rein ins Getümmel. Ich glaube, ich war lange nicht mehr so froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, wie in der Mitte dieses Must-see-Ladens in Vecrīga. Mein sechzehnjähriger Alter Ego hätte Luftsprünge vollführt, denn zwischen den russisch-radikalen Tischen, der gemusterten Tapete und dem halb zerrissenen Gemälde aus dem russischen Realismus (nackt badende, junge Männer) hätte nichts besser gepasst als eine ganz in schwarz gekleidete Göre mit Springerstiefeln, bunten Haaren, zu viel Kajal und einem Reclam-Büchlein von Jean-Paul Sartre zu ihrem Bier.
Mein bald-dreiundzwanzigjähriges Jetzt hatte Schwierigkeiten, die Anspannung in den Schultern zu lösen und nahm kurzer Hand mit zitternden Fingern die in diesem Laden tussihaft wirkenden Ohrringe heraus. Der freie Stuhl zwischen einem sechzigjährigen Alkoholiker, der benommen in sein Bierglas starrte, und der Couch, auf der ein verlotterter Kerl ganz unhipsterhaft auf der Tastatur des auf seinen Knien befindlichen Uralt-nicht-Apfel-Computer herumklapperte, war der meinige. Ich musste mich regelrecht daran erinnern wieder Luft zu holen und war erstaunt, dass diese nicht vom Duft nach verschüttetem Alkohol geschwängert war. So wie sich Martin kringelig gelacht hat, muss ich wohl ein Bild vollkommener Fassungslosigkeit abgegeben haben: unter dem Leninportrait sitzend, die Pupillen geweitet, ein Schachspiel zwischen einem slowenischen Erasmusstudenten und einem kahlköpfigen und knollennasigen Apparat eines Russens beobachtend. Besagter Buddy meinte danach zu uns, dass er ihn lieber habe gewinnen lassen, als sich der möglichen Eskalation von Aggression auszusetzen, nachdem seine Freundin vor Betreten Leningrads laut und deutlich (und damit in Hörweite anderer Cafébesucher) angemerkt hatte, dass in diesem Laden "wohl keiner normal ist". Abwechslung zur lettischen Ausgabe der Schachnovelle bot die ständige und wechselnde Vielfalt von neuen Gästen. Wie zum Beispiel der Besoffene, der kleinschrittig und breitbasig durch die Tür gewankt kam und nur mit Müh' und Not sicheren Halt auf dem Barhocker fand.
Ich stimme den Reiseführern zu, das Leningrad ist ein must-see. Es erinnert mich ein wenig an einen Verkehrsunfall: man findet es unschön und kann trotzdem nicht wegschauen. Ein Abenteuer war es allemal!

Nach einem ersten Bier für alle außer mir, die auf Alkohol dankend verzichtet hatte, zogen wir weiter auf der Suche nach tanzbarer Musik. Erste Station: ein für uns neuer Schuppen: Pulkvedis, gegenüber der AlaBar. Leider mit Passkontrolle - und da eine unserer Begleiterinnen ihren zu Hause hat liegen lassen, zogen wir nach zehnminütigem, erfolglosen Überredens und einem missglückten Täuschungsversuch weiter Richtung Ezītis Miglā. Der Igel hatte leider schon zu viele Besucher im Nebel, sodass die Luft dünn und Sitzplätze aussichtslos waren. Ich schnallte Edita vom nahe gelegenen Verkehrsschild los und wir versuchten unser Glück wie ein paar Abende zuvor im Nabaklab. Dort, wo wir großartige lokale und auswärtige Comedians haben stehen sehen, standen nun junge Kerle mit weiten Hosen und schlabberigen Hoodies, deren Kapuzen tief ins Gesicht gezogen waren. Dazu ein sich in den Magen bohrender Bass und jede Menge wippenden Publikums. Willkommen in der lettischen HipHopSzene. Verstanden habe ich leider nichts, aber der Groove einiger Lieder ging mir doch in die Knochen und rüttelte den zwölfjährigen Marshall-Matters-LP Besitzer in mir wach. Die Unterhaltung war nicht schlecht - doch leider nur bedingt tanzbar. So schwangen wir unsere Hinterteile wieder die Treppe empor und versuchten unser Glück im Kaļķu vārti, einem Club, dessen Namen ich immer noch nicht korrekt aussprechen kann und in dem man keinen Eintritt zahlen muss um halbwegs gute Musik und teures Bier zu genießen. Wenn uns der Abend aber eines gelehrt hat, nachdem wir die ID-Täuschung perfektioniert haben, dann, dass überall ein Haken an der Sache ist. Dieses Mal war es ein Securitygard, an dem ich eiskalt vorbei gehen konnte ohne aufgehalten zu werden, der jedoch zielsicher die einzige Zwanzigjährige aus unserer Runde herausfischte und sie mit dem eisigen Lettisch-Blick auf das Schild "Ab 21" aufmerksam machte. Mittlerweile war es schon weit nach Mitternacht und das Rapunzelchen in mir wollte nichts weiter als in ihrer Kürbiskutsche nach Hause fahren. Aber der traurige Blick in den Augen der tanzwütigen Begleitung hat mich meinen Kürbis, ergo Edita, zum Greenwoods schieben lassen, wo wir, wie immer, noch einen Platz auf der Tanzfläche fanden und zu gewohnt guter Musik und, was die Übergänge angeht, miserabler DJ-Arbeit abrockten. Kostenlos zum billigen Bier gab es die hoch motivierten, männlichen Tänzer mit ähnlich eleviertem Blutalkohol obendrauf, die entweder die aufdringliche Hyperaktivität oder den gruseligen Slowdance an uns ausprobieren wollten. Wir lehnten mit einem Lächeln ab, schließlich hatte die verrückte Nacht noch eine Wendung zum Guten gemacht: die Neulinge hatten einen kostenlosen PubCrawl mitgemacht, wir tanzten und waren glücklich.

Diese verrückten Nächte: seltsame Orte und viele Geschichten.
Perfektionismus um jeden Preis ist doch langweilig.

Estonische, schüchterne (und jetzt auch gesichtslose) Janika Maidle
Selber Platz ein paar Tage später. HipHop live!
Heimisches Gefielde: Greendwoods
Titelgebend: Playfellow - Weird Place. Danke, Tom! (Leider nicht online. Ersatz: Another Weird Place, selbe Band)

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