Saturday, November 30, 2013

Sometimes

you have to take 'em as they come.

Zugegebener Maßen: heute kommen keine literarisch hochwertigen Ergüsse zustande. Nur ein kleines "Mir geht's gut!" für meine liebe Familie und Freunde!

Von Trübsal blasend melancholisch zu himmelhoch jauchzend in vierundzwanzig Stunden. Ich bin immer wieder überrascht, was für eine erfrischende Wirkung Sonne auf mich hat.
Das Aufstehen heute morgen nach etwas fiebrigen Träumen hat mich zwei Anläufe gekostet. Das erste Mal Augen öffnen um acht hat nur Dunkelheit mit sich gebracht, eineinhalb Stunden später: der strahlende, sonnigste Morgen seit Tagen! Vergessen das steife Knie vom Aus-dem-Fahrstuhl-stolpern (allein das aus dem Bett springen hat den Schmerz durch den Körper fahren lassen, aber mittlerweile weiß ich ja, welche Bewegungen ich besser vermeiden sollte) und die schlechte Laune durch all die grau-blassen Tage. Vergessen der brummende Schädel und die immer noch störende Nasennebenhöhlenentzündung.

Wochenende! UND Sonne! I'm a lucky girl!

Ich bin erstaunt, wie viel ich heute geschafft habe.
Weihnachtsgeschenke ×
Dankeschönkörbchen für Inga ×
Wolle (ja, der Strickwahnsinn geht in die zweite Runde!) ×
undundund ×

Dazu noch eine kleine Phototour durch das langsam aber sicher winterlich werdende Riga bei -4°C.
Wie habe ich diese trockene Kälte vermisst!!








Monday, November 25, 2013

It's beginning to...

... look a lot like Christmas! (<- klick mich!)

Zum ersten Mal fallen die Temperaturen tagsüber unter die Nullgradmarke. Die Pfützen sind kleine Eisspiegel, der Atem formt kleine Wölkchen und es hagelt.
Auf der Brivibas iela wird fleißig Weihnachtsschmuck aufgehangen und ich habe meine erste Mütze in moosgrün vollendet.
Mein Schreibtischschränkchen quillt über. Darin: die "Notration" von zu Hause. Lebkuchen, Marzipan, Schokolade, Nougat, Spekulatius in allen denkbaren Formen. Ganz oben drauf: zwei Weihnachtskalender.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, meine geliebte Familie zu Hause will mir die Qual des Kleidungskaufes für den Winter ersparen und setzt deshalb auf traditionelles Mästen, frei nach dem Motto: Fett hält warm. Glücklicher Weise gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio und besitze schon einen Daunenmantel, dicke Wuschelsocken und Lederstiefel mit Wolleinlagen, sodass ich diesen Schritt der Verzweiflung nicht gehen muss und es zu Weihnachten -toitoitoi- noch durch die Haustüre schaffe, ohne den zweiten Flügel der Tür öffnen zu müssen. Nein, Scherz beiseite: tausend Dank für die Leckereien!!! Ein kleines Stück Heimat in der Vorweihnachtszeit. Dazu noch Räucherkerzen von Oma, die am Wochenende feierlich angezündet werden, und Backzutaten von Mutti, die ich hier verzweifelt gesucht habe: blanchierte, gehackte Mandeln und dergleichen, perfekt für den Plätzchenmarathon, der bald beginnt.
Der fehlende Adventskranz wird auch substituiert: die liebste Dace hat mir einen selbstgemachten Kranz versprochen, den ich dann eigenständig schmücken und mit Kerzen bestücken darf. Ein wenig gespannt bin ich doch schon auf die lettischen Gepflogenheiten zur Weihnacht. Seit zwei Wochen beobachte ich schon einen kleinen, gerade erst aus dem Boden gesprossenen Laden, der, einmal eröffnet, ausschließlich Weihnachtsschmuck und Deko verkaufen wird. Momentan sind sie noch in der Einrichtungsphase. Tag für Tag füllen sich die Regale mit Rentieren, Kerzen, großen Strümpfen zum an-den-Kamin-hängen und dergleichen. Natürlich alles in Rot-weiß-golden. Nur der Schnee fehlt. Und der Geruch nach Glühwein.

Die Gemütlichkeitseinstimmung in die Vorweihnachtszeit am Samstagabend war ebenfalls ein voller Erfolg und nannte sich PJ-Party! Alle Mädels (gefeiert wurde bei Dace, gekocht mit Valerija und dabei waren Hanni, Kuki und ich) im Schlafanzug und Vili, der Nacktschläfer, im Schlafsack. Rein vom Unterhaltungswert könnte man meinen, dass Vili voll als Mann missachtet beziehungsweise als Mädchen integriert wurde. Es war ein lockerflockig entspannter Abend mit viel zu viel und viel zu gutem Essen, sodass wir es nur noch unter unglaublicher Anstrengung zur letzten Tram Richtung OldTown und schließlich ins Bett geschafft haben. Dem grautrübtraurigen Wetter zum Trotz hatten wir mal wieder Spaß und flinke Ideen: Hunger Games Part II anschauen, "Ala"-Barbegießung und Plätzchen backen.

Einziger Minuspunkt des ganzen Freudentaumels: ich hänge, wie jedes Jahr, mit den Weihnachtsgeschenken hinterher, was in diesem Jahr besonders tragisch ist, da sie sich mindestens zwei Wochen vorher auf den Weg nach Deutschland machen müssen. Aber: bald kommen ein paar freie Tage und dann wird geshoppt, was das Zeug - oder eher Päckchen - hält!

 Eines von Muddi+Babba+Nico und eines von Oma+Opa
Das Schönste: die Briefe! (Dieses Mal auf Anhieb gefunden!)
Meine Notration Serotonin.
Hängen wir mal Weihnachtsschmuck auf. Zur Rush-hour.
Mütze! Danke für die Wolle, Muddi!


21.11.13, 17:41 Uhr

Unter der Last des neu angelegten Dachgartens bricht das Dach eines Maxima-Einkaufszentrum in Riga/Zolitūde zusammen. Wahrscheinlich mehr als 100 Menschen befinden sich zu dem Zeitpunkt im Gebäude. 39 Menschen wurden verletzt, 54 starben. Sechzehn Kinder wurden Halb-, drei Kinder Vollwaisen. Um 19:04 bricht ein weiterer Teil des Daches ein. Drei Feuerwehrmänner verlieren ihr Leben.
Ein Alarm eine Stunde vor dem Unglück wurde abgeschalten. Der Bürgermeister von Riga spricht von "Totschlag". Staatstrauer in Riga vom 23.-25.11 (National Day of Mourning).
Am 25.11. werden die Bergungsaktionen abgebrochen.
Seit Freitag wurden keine Menschen mehr lebend geborgen.

24.11.13
Eternity Sunday (Totensonntag)
Die Friedhöfe erstrahlen im Kerzenschein.

Wednesday, November 20, 2013

Nikolaus von Myra

Dezember rückt näher und damit auch das Weihnachtskalenderplündern, Vanillekipferl backen (für alle Nichtkenner - und ja, ich durfte heut erfahren, die gibt es wirklich unter den Deutschen - ein wahnsinnig leckeres Backwerk mit Vanillenote und Puderzucker) und Schuhe putzen für Nikolaus von Myra. Wenn man einmal versucht, einem nicht deutschsprachigen Nichtgläubigen die Tradition des 6.12. näher zu bringen, und sich selbst einmal dabei zuhört, klingt es doch verdammt stark nach einem Einweisungsgrund in die Psychiatrische: Wahnvorstellung über Wahnvorstellung!

Ja, es gibt da einen Türken, der einmal im Jahr (wohl bemerkt an seinem offiziellen Todestag) von Haus zu Haus geht, in Wohnungen einbricht und Süßigkeiten in Schuh und Stiefel stopft. Scheinbar steckt er mit dem Christkind unter einer Decke, denn die beiden teilen sich den Generalschlüssel zu allen Türen. Nie findet man Spuren von ihm, nicht einmal Kekskrümel oder Zimtstaub. 

Warum tut er das Ganze? Warum Serienhausfriedensbrüche jedes Jahr in der selben Nacht? Hat er einen Fetish für geputzte Schuhe, der sich am 6.12. Bahnen bricht und bedankt sich mit den kleinen Geschenken für die Erleichterung seines Es? Oder ist es ein Zwang, der ihn Jahr für Jahr durch die Straßen treibt, aus der Angst heraus, dass etwas Fürchterliches passiert, wenn er ihm nicht Folge leistet? (Diese Theorie wird dadurch gestützt, dass Zwänge selbst verstärkend sind: Nikolaus von Myra agiert nicht mehr nur in der Türkei, auch macht er keinen Unterschied mehr zwischen reich und arm.) Vielleicht sollte sich der gute Mann mal in Therapie begeben. Aber wie kann man ihm helfen, wenn man ihn nie trifft? Gerichtliche Verfügung? Ich glaube, damit muss man zu aller erst nachweisen, dass er eine Gefahr für sich und/oder andere darstellt. Glücklicher Weise sind Körperverletzung mit Todesfolge eine absolute Rarität, wenn es im den Nikolaus geht. Nichts desto trotz kann es nicht gesund sein, was da Jahr für Jahr in Deutschland und anderswo passiert. Wir sollten also eine Organisation ins Leben rufen: Rettet den Nikolaus! Doch erst einmal seiner habhaft werden! Hier ist Kreativität gefragt: von mit Schlaftabletten gespickten Keksen über Druck getriggerte Tränengasbomben  in den Gummistiefeln bis hin zur harschen Variante der Bärenfalle. 

Er hat uns Jahrhunderte lang Gutes getan, jetzt ist es an der Zeit, ihm etwas zurück zu geben...

Sunday, November 17, 2013

Die kleinen Dinge

Der Alltag hat mich wieder. Natürlich ist es ein anderer als in Dresden, nichts desto trotz ist es das Wiederkehren von Handlungen und Automatismen. Schlaftrunkenes Herumtapsen auf kalten Fliesen, nachdem man es mit größter Mühe geschafft hat, im Dunkeln der Küche den Wasserkocher anzuschalten, um den überlebenswichtigen Kaffee zu kochen. Mit der Zahnbürste im Mund wird die Tasse aus dem Schrank gekramt, der lösliche Kaffee hinein geschüttet und dreimal kräftig gerührt - verdammt, schon wieder Kaffeespritzer auf dem Schlafanzug. Irgendwie schafft man es doch noch rechtzeitig zum Trolleybus, der - wie jeden Morgen - hilflos überfüllt ist und man verflucht die lettische Uneinsichtigkeit gegenüber Radwegen und Schulterblicken, die das Leben so viel einfacher (und sicherer) machen könnten. In der Class angekommen, hat man eine mal mehr, mal weniger gut gelaunte und didaktisch fähige Lehrerin. Mein Favorit bleibt die blonde Dame aus der Geburtshilfe, die unser verpenntes Gebrabbel über "Biomechanisms of labour" mit einem "It's time to wake up!" quittierte. Nach neun erfolgreich aus einem Simulator geborenen Babys ein letzter Kaffee und das Hasten zum Bus. Das Stöhnen und Hecheln des Simulators noch im Ohr, versucht man sich auf die neuste Guideline für die nächste Class zu konzentrieren, schmeißt besagtes Papier nach zehn verzweifelten Minuten in die Ecke und fängt zum zweiten Mal in dieser Woche an, Plätzchen zu backen. Irgendwann bekomme ich den Teig noch hin, sodass er sich weder ständig gegen den Transfer von Tisch auf Backpapier sträubt noch zu sehr von Mehl ausgetrocknet wird. Übung macht den Meister und Kekse die Menschheit glücklich. Ich glaube, so etwas nennt man "win-win".
Die Müdigkeit vom vorangegangen Stammtischabend mit lieben Freunden und zu viel Wein noch in den Knochen, rafft man sich jedoch auf zur nächsten Feier: dieses Mal mit lieben Bekannten, die besser kennengelernt werden wollen - und bei denen ich meinen typisch-ersten Eindruck der arroganten Studentin zurecht rücken muss. Check aaaaaand check. Ein wundervoll entspannter Abend in sehr angenehmer Gesellschaft. Ich wünschte, die Dresdner Erasmusstudenten hätten mit uns Langzeitstudenten ähnlich gute Erfahrungen gemacht.

Der Samstag startet sehr verschlafen mit einem leckeren Pfannkuchenfrühstück bei Hanni, komplementiert durch das entspannte (!!) Workout im Sporta klubs. (Ich versuche immer noch, mich von meinen zwei Aerobikkursen mit der teuflisch-russischen Leiterin zu erholen. Eines muss man ihr lassen: danach kann man mit Hilfe des Anatomieatlas der Mitbewohner wunderbar anatomisch korrekt beklagen, was einem da so fürchterlich schmerzt.) Dank deutscher Effizienz habe ich es nach einer wunderbar kalten Dusche sogar noch in den Alfa geschafft, und darf jetzt eine quietschgelbe Nachttischlampe mein Eigen nennen. Am Abend haben wir noch eine Runde über das Staro Riga (Festival of Light) gedreht - und schlussendlich: ab in die Heia. Der nächste, ergo: heutige, Morgen war wie ein Schlag ins Gesicht, die dezenten Kopfschmerzen genau zwischen den Augenbrauen geben mir den charmanten Hinweis, dass meine Nasennebenhölen die Zeit an der frischen Luft wohl nicht so sehr wie ich genossen haben
.
Egal. Es ist Sonntag. Starten wir mit einer heißen Schokolade!

Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die einem ein Lächeln auf die Lippen treiben. Ein Schmunzeln über eine Erinnerung, die sich einem ins Bewusstsein drängt, über längst vergessene Tage mit geliebten Menschen. Manchmal ist es auch nur ein Satz, gesagt von einer neuen Bekannten, welchem sie nie die Tragweite zugemessen hat, die man selbst nach dem Hören empfindet. Das Gefühl von schmerzenden Fingerspitzen, die Stahlsaiten berühren. Ein Lied, was einem durch den Kopf schießt.
Es sind die winzigen Momente, die einem zeigen, was wichtig ist. Nicht das große Trara, nicht das Feuerwerk oder die gigantisch angepriesenen Chorauftritte zum Independence Day von Lettland machen die Menschen hier stolz auf ihr Vaterland. Es sind viel mehr die im Wind wehenden, kleinen Fahnen auf jedem Auto- oder Trolleybus. Die Armbänder in rot-weiß-rot. Die Buttons und Schleifen zum An-den-Mantelkragen-pinnen. Das etwas häufiger aufkreuzende Lächeln, was sonst im öffentlichen Nahverkehr mit grimmigen Seitenblicken erwidert wird. Das Gefühl von Gemeinsamkeit, wenn hunderte Menschen sind auf einem Platz versammeln, um eine Show des Lichtfestivals zu sehen. Der Geruch von Glühwein in den Gassen zur Schokoladenfabrik und zu Hause eine heiße Tasse Tee in den vor Kälte blauen Fingern.

Oder die liebe Frau Mama, die eine Email beendet, mit dem kleinen Nebensatz: "...und vergiss uns nicht!"
Ich hab euch lieb.  Vergesst das nicht!





Wednesday, November 13, 2013

Intermezzo

Die Tage werden kürzer und grauer - nur nicht kälter. Während Deutschland bei Minusgraden zittert, erfreuen wir uns hier noch an 5 Graden über Null. Und das in Lettland, im November. Wer hätte das schon gedacht? Bisher hat noch keine Schneeflocke ihren Weg auf die Brivibas iela gefunden, aber die Weihnachtsstimmung ist schon da. Spätestens seit Sonntagabend, als ich endlich das Ballet zu der mir so bekannten Musik von Tschaikovsky gesehen habe: der Nussknacker. Die allererste KlassikCD, die ich besaß, war eine Beilage von einer Reader's Digest-Ausgabe meiner Mutter: eine, sagen wir, "Best of" Tschaikovsky-Platte. Seit dem Tag steckt der Russische Tanz in meinem Kopf fest und ich musste doch sehr an mir halten, nicht wie ein kleines Kind freudig in die Hände zu klatschen, als die altbekannte, mitreißende Musik erklang und der Russe mit zwei Damen über die Bühne fegte und - neben dem Chinesenpärchen - den kräftigsten Applaus im Rahmen des Divertissements bekam.
Seit dem denke ich an Weihnachten. Noch lässt das Heimweh auf sich warten, aber in spätestens drei Wochen werde ich mich dafür verfluchen, nicht nach Hause zu fahren. Aber: ich wollte es so! Also, auf ins Abenteuer!

Geburtshilfe war wie immer eine Herausforderung. Heute allerdings kontrovers zur sonstigen Prüfungsangst im Rahmen des Frühstück-im-Magen-behaltens. Zwei Filme aus den gefühlten 80er Jahren über Kaiserschnitt und Vakuumgeburt später bin ich schockiert. Mal davon abgesehen, dass die aktuellen Leitlinien mit mehr als 50% des Gesagten nicht konform gehen, wurde es auch nicht von unserer Kursleiterin adressiert. Allerdings ist sie "nur" im Assistenzjahr. Dass sie jedoch nicht weiß, wie man die Zange zur Zangengeburt benutzt, schließt oder beim Kaiserschnitt einsetzt, hat mich doch ein wenig an ihrer Kompetenz zweifeln lassen. Nichts desto trotz ist sie eine Liebe und wird sich sicherlich reizend um ihre kleinen und großen Patienten sorgen. Frau Professor Sowieso wurde dennoch von mir schmerzlichst vermisst. Ihrer Fragetechnik zum Trotz, die einem das Gefühl gibt, dass das Lesen der 450 Seiten langen Leitlinie zu Geburtsvorsorgeuntersuchungen nicht als Kursvorbereitung genügt. Da Lehrer, die einen bis an seine Grenzen fordern, aber eh die Besten sind, fiebere ich schon meinem Praxistag auf der Station entgegen.
Jetzt wartet die nächste Leitlinie zur postnatalen Beurteilung des Neugeborenen sowie Neugeborenenreanimation auf mich. 
Adieu!

Thursday, November 7, 2013

And I'm back!

Das Mysterium um meine latente Müdigkeit in den letzten Tagen, und um den fehlende Antrieb, morgens aus dem Bett zu klettern, hat sich endlich gelüftet. Denn mit dem heutigen Tag bin ich geheilt. Ist das nicht wunderbar? Und das einzige, was mir gefehlt hat, war doch so simpel: Universität. Wissen. Class.

Heute hat mein Geburtshilfe- und Gynäkologie-Kurs begonnen, vor welchem ich schon seit Wochen vor Angst gezittert habe. Kontrovers, nicht wahr? Die wissenschaftliche Beobachtung von Daniel hatte jedoch ergeben, dass diese Practical Class hart, kleinkariert und unerbittlich wird. Mit der Voraussicht zu scheitern konnte ich noch nie gut umgehen. Kein Wunder also, dass ich quasi wie gelähmt war und erst drei Tage vor Beginn ernsthaft mit Literatursichtung anfing. Ja, ich bin ein Opfer der Prokrastination, wenn es ums Besiegen von Angst geht! Allerdings mit einer exponentiellen Wachstumsrate meiner Reaktionsgeschwindigkeit, je näher das gefürchtete Datum kommt. So habe ich gestern Abend noch die Anatomieatlanten meiner Mitbewohner auf der Suche nach mehr Informationen über Beckendiameter und fetopelviner Beziehung durchforstet und meiner Meinung nach trotzdem nur insuffiziente Antworten erhalten. 
Dementsprechend nevös war ich heute morgen, als ich kurz nach um 7 mein vertrautes Heim verließ und zum ersten Mal das Gelände des Pauls Stradiņš Clinical University Hospital aufsuchte. Natürlich war ich viel zu früh da und natürlich hatte ich als einzige, wie in der Vorlesung ausdrücklich verlangt, weiße Hosen und Kittel sowie Krankenhaus taugliches Schuhwerk an. Und natürlich war ich die erste... und hatte keine Ahnung, wo ich eigentlich hin musste. 

Das Stockwerk samt Station war schnell gefunden - das Problem war die fehlende englischsprachige Bezugsperson und natürlich die absolute Abwesenheit der Raumnummer auf meiner Kursübersicht. Fünf Minuten vor der Angst, ähhh, vor um acht, hat mich Frau Professor Sowieso glücklicher Weise aufgegabelt. Ob es mein zielloses Umherwandern oder der Angst erfüllte Blick waren, die mich als Student enttarnt haben, wird sie mir wohl nie verraten. Den obligatorischen Plastikbecher habe ich aus der Not heraus lieber bleiben lassen. Zittrige Hände und weiße Kleidung sind keine gute Kombination, wenn es um Kaffee geht. 
So wie sie mich gefunden hatte, ließ sie mich auch wieder stehen (oder eher sitzen), denn vorerst musste die Morgenkonferenz abgehalten werden. (Oh liebliche Erinnerungen an die Heimat!) In der Zwischenzeit konnte ich weiter den rustikalen Charme der stellenweise farb- und putzlosen Wände, des dreckig graubraunen Linoleumbelags und der nicht-mal-ansatzweise-lächelnden-und-hektisch-vorbeistürmenden Schwestern in mich aufsaugen. 

Mit 15 Minuten Verspätung und damit pünktlich zum Classbeginn war auch der Rest der Gruppe eingetrudelt. Mal wieder Halbe/Halbe Deutsche vs Skandinavier. Eine angenehme Mischung, ich könnte mich dran gewöhnen. 
Je länger die Class dauerte und je mehr erlerntes Wissen sich doch als tatsächlich nützlich erwies, desto entspannter wurde ich. Zugegebener Maßen war der entscheidende Relaxator die Tatsache, dass der heutige Einführungstest auf morgen verschoben wurde, da sie, hallelujah!, uns nicht für unsere unwissenden Bücher bestrafen wollte. Also diskutierten wir drei Stunden lang über Anatomie von Becken und Fetus, bis es wohl auch der letzte verstanden hatte, und wurden dann in die eiskalte Mittagsluft entlassen.

Kaum war ich zu Hause, hatte mich auch schon der Lernwahn ergriffen. Jetzt sitze ich hier, fünf Stunden später, und bin stolz auf mich. Zwar hat mir die NICE Leitlinie zur Vorgeburtlichen Pflege und Vorsorge mit einem Umfang von 454 Seiten einen Anfangsdämpfer verpasst, doch die knackig-kurze Übersicht der WHO von einer (!!) Seite hat mich zurück auf meinen Expresszug Richtung Lernerfolg gebracht. 

Wer hätte gedacht, dass lernen so glücklich machen kann?

Monday, November 4, 2013

Mächtig gewaltig, Egon!

Montag Morgen, um 7 Uhr. Das Flugzeug rollt auf die Startband, die Propeller rattern frenetisch im Takt der Räder, die über Betonplattenspalten holpern. Einmal den Vogel in Position gebracht, verstauen die Stewardessen die Beispielschwimmwesten im freien Handgepäcksfach und schnallen sich auch endlich in ihrem Sitz fest. Schnell gewinnt die Maschine an Geschwindigkeit, der Magen macht, dem Flugzeug gleich, einen Hüpfer und hebt schließlich steil vom Boden ab und der Pilot steuert den Vogel in den Himmel. Die Aluminiumnase stößt durch die Wolkendecke. Sonnenaufgang. Ein wundervoller Anblick. Im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft. Inspirierend. Der wundervolle Abschluss von vier unglaublich schönen Tagen in Norwegen.

Nach einem halben Tag Herumreisen hatte ich es am Donnerstag Abend endlich nach Kristiansand geschafft. Ein blonder-als-erwarteter Wuschelkopf kam auf mich zu gestürmt und umarmte mich herzlich. Stine! Meine Liebglingsnorwegerin. Es war regelrecht befremdlich,  sich ohne Dreck unter den Fingernägeln sondern frisch gewaschen, geschminkt und in sauberen (und durchaus stylischen) Klamotten gegenüberzustehen. Im Hinterkopf schwebt natürlich immer noch Namibia und wir lachen über gemeinsame Erlebnisse, Freunde, die wir teilen, und Photos, die wir aufgenommen haben. Und das alles unter dem wechselhaften Herbstwetter Norwegens. Zwei Tage Sonnenschein, zwei Tage Regenschauer. Natrlich abwechselnd. Wir, unter einem Tannenbaum sitzend mit einer Tasse heißer Schokolade in der Hand, Schutz suchend vor dem Hagel. Oder auf der Couch, eingekuschelt in Decken und Filme schauend. Gemeinsam kochen in der riesigen Küche im Haus ihrer Mutter. Party mit ihren Freunden, After-party-McDonalds mit den Über-Nacht-gebliebenen. Es war anders, aber sehr, sehr schön.

Auch sehr schön: ein Bowlingabend mit ihren Mädels, bei dem ich glorreich in zwei Runden meinen stabilen dritten Platz verteidigt habe. Und das kleine, aber feine Highlight: Essen im Restaurant "Egon" - eine Kneipenkette in Norwegen, benannt nach dem Cheffe der Olsenbande. Mächtig gewaltig, Egon!

 Ich liebe Holzhäuser
 Wandern
Grinsebacke in Lettland!
Hei! Das heißt "Hallo".
Kirche von Ardenal
Bowling