Der Alltag hat mich wieder. Natürlich ist es ein anderer als in Dresden, nichts desto trotz ist es das Wiederkehren von Handlungen und Automatismen. Schlaftrunkenes Herumtapsen auf kalten Fliesen, nachdem man es mit größter Mühe geschafft hat, im Dunkeln der Küche den Wasserkocher anzuschalten, um den überlebenswichtigen Kaffee zu kochen. Mit der Zahnbürste im Mund wird die Tasse aus dem Schrank gekramt, der lösliche Kaffee hinein geschüttet und dreimal kräftig gerührt - verdammt, schon wieder Kaffeespritzer auf dem Schlafanzug. Irgendwie schafft man es doch noch rechtzeitig zum Trolleybus, der - wie jeden Morgen - hilflos überfüllt ist und man verflucht die lettische Uneinsichtigkeit gegenüber Radwegen und Schulterblicken, die das Leben so viel einfacher (und sicherer) machen könnten. In der Class angekommen, hat man eine mal mehr, mal weniger gut gelaunte und didaktisch fähige Lehrerin. Mein Favorit bleibt die blonde Dame aus der Geburtshilfe, die unser verpenntes Gebrabbel über "Biomechanisms of labour" mit einem "It's time to wake up!" quittierte. Nach neun erfolgreich aus einem Simulator geborenen Babys ein letzter Kaffee und das Hasten zum Bus. Das Stöhnen und Hecheln des Simulators noch im Ohr, versucht man sich auf die neuste Guideline für die nächste Class zu konzentrieren, schmeißt besagtes Papier nach zehn verzweifelten Minuten in die Ecke und fängt zum zweiten Mal in dieser Woche an, Plätzchen zu backen. Irgendwann bekomme ich den Teig noch hin, sodass er sich weder ständig gegen den Transfer von Tisch auf Backpapier sträubt noch zu sehr von Mehl ausgetrocknet wird. Übung macht den Meister und Kekse die Menschheit glücklich. Ich glaube, so etwas nennt man "win-win".
Die Müdigkeit vom vorangegangen Stammtischabend mit lieben Freunden und zu viel Wein noch in den Knochen, rafft man sich jedoch auf zur nächsten Feier: dieses Mal mit lieben Bekannten, die besser kennengelernt werden wollen - und bei denen ich meinen typisch-ersten Eindruck der arroganten Studentin zurecht rücken muss. Check aaaaaand check. Ein wundervoll entspannter Abend in sehr angenehmer Gesellschaft. Ich wünschte, die Dresdner Erasmusstudenten hätten mit uns Langzeitstudenten ähnlich gute Erfahrungen gemacht.
Der Samstag startet sehr verschlafen mit einem leckeren Pfannkuchenfrühstück bei Hanni, komplementiert durch das entspannte (!!) Workout im Sporta klubs. (Ich versuche immer noch, mich von meinen zwei Aerobikkursen mit der teuflisch-russischen Leiterin zu erholen. Eines muss man ihr lassen: danach kann man mit Hilfe des Anatomieatlas der Mitbewohner wunderbar anatomisch korrekt beklagen, was einem da so fürchterlich schmerzt.) Dank deutscher Effizienz habe ich es nach einer wunderbar kalten Dusche sogar noch in den Alfa geschafft, und darf jetzt eine quietschgelbe Nachttischlampe mein Eigen nennen. Am Abend haben wir noch eine Runde über das Staro Riga (Festival of Light) gedreht - und schlussendlich: ab in die Heia. Der nächste, ergo: heutige, Morgen war wie ein Schlag ins Gesicht, die dezenten Kopfschmerzen genau zwischen den Augenbrauen geben mir den charmanten Hinweis, dass meine Nasennebenhölen die Zeit an der frischen Luft wohl nicht so sehr wie ich genossen haben
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Egal. Es ist Sonntag. Starten wir mit einer heißen Schokolade!
Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die einem ein Lächeln auf die Lippen treiben. Ein Schmunzeln über eine Erinnerung, die sich einem ins Bewusstsein drängt, über längst vergessene Tage mit geliebten Menschen. Manchmal ist es auch nur ein Satz, gesagt von einer neuen Bekannten, welchem sie nie die Tragweite zugemessen hat, die man selbst nach dem Hören empfindet. Das Gefühl von schmerzenden Fingerspitzen, die Stahlsaiten berühren. Ein Lied, was einem durch den Kopf schießt.
Es sind die winzigen Momente, die einem zeigen, was wichtig ist. Nicht das große Trara, nicht das Feuerwerk oder die gigantisch angepriesenen Chorauftritte zum Independence Day von Lettland machen die Menschen hier stolz auf ihr Vaterland. Es sind viel mehr die im Wind wehenden, kleinen Fahnen auf jedem Auto- oder Trolleybus. Die Armbänder in rot-weiß-rot. Die Buttons und Schleifen zum An-den-Mantelkragen-pinnen. Das etwas häufiger aufkreuzende Lächeln, was sonst im öffentlichen Nahverkehr mit grimmigen Seitenblicken erwidert wird. Das Gefühl von Gemeinsamkeit, wenn hunderte Menschen sind auf einem Platz versammeln, um eine Show des Lichtfestivals zu sehen. Der Geruch von Glühwein in den Gassen zur Schokoladenfabrik und zu Hause eine heiße Tasse Tee in den vor Kälte blauen Fingern.
Oder die liebe Frau Mama, die eine Email beendet, mit dem kleinen Nebensatz: "...und vergiss uns nicht!"
Ich hab euch lieb. ♥ Vergesst das nicht!
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