Das Mysterium um meine latente Müdigkeit in den letzten Tagen, und um den fehlende Antrieb, morgens aus dem Bett zu klettern, hat sich endlich gelüftet. Denn mit dem heutigen Tag bin ich geheilt. Ist das nicht wunderbar? Und das einzige, was mir gefehlt hat, war doch so simpel: Universität. Wissen. Class.
Heute hat mein Geburtshilfe- und Gynäkologie-Kurs begonnen, vor welchem ich schon seit Wochen vor Angst gezittert habe. Kontrovers, nicht wahr? Die wissenschaftliche Beobachtung von Daniel hatte jedoch ergeben, dass diese Practical Class hart, kleinkariert und unerbittlich wird. Mit der Voraussicht zu scheitern konnte ich noch nie gut umgehen. Kein Wunder also, dass ich quasi wie gelähmt war und erst drei Tage vor Beginn ernsthaft mit Literatursichtung anfing. Ja, ich bin ein Opfer der Prokrastination, wenn es ums Besiegen von Angst geht! Allerdings mit einer exponentiellen Wachstumsrate meiner Reaktionsgeschwindigkeit, je näher das gefürchtete Datum kommt. So habe ich gestern Abend noch die Anatomieatlanten meiner Mitbewohner auf der Suche nach mehr Informationen über Beckendiameter und fetopelviner Beziehung durchforstet und meiner Meinung nach trotzdem nur insuffiziente Antworten erhalten.
Dementsprechend nevös war ich heute morgen, als ich kurz nach um 7 mein vertrautes Heim verließ und zum ersten Mal das Gelände des Pauls Stradiņš Clinical University Hospital aufsuchte. Natürlich war ich viel zu früh da und natürlich hatte ich als einzige, wie in der Vorlesung ausdrücklich verlangt, weiße Hosen und Kittel sowie Krankenhaus taugliches Schuhwerk an. Und natürlich war ich die erste... und hatte keine Ahnung, wo ich eigentlich hin musste.
Das Stockwerk samt Station war schnell gefunden - das Problem war die fehlende englischsprachige Bezugsperson und natürlich die absolute Abwesenheit der Raumnummer auf meiner Kursübersicht. Fünf Minuten vor der Angst, ähhh, vor um acht, hat mich Frau Professor Sowieso glücklicher Weise aufgegabelt. Ob es mein zielloses Umherwandern oder der Angst erfüllte Blick waren, die mich als Student enttarnt haben, wird sie mir wohl nie verraten. Den obligatorischen Plastikbecher habe ich aus der Not heraus lieber bleiben lassen. Zittrige Hände und weiße Kleidung sind keine gute Kombination, wenn es um Kaffee geht.
So wie sie mich gefunden hatte, ließ sie mich auch wieder stehen (oder eher sitzen), denn vorerst musste die Morgenkonferenz abgehalten werden. (Oh liebliche Erinnerungen an die Heimat!) In der Zwischenzeit konnte ich weiter den rustikalen Charme der stellenweise farb- und putzlosen Wände, des dreckig graubraunen Linoleumbelags und der nicht-mal-ansatzweise-lächelnden-und-hektisch-vorbeistürmenden Schwestern in mich aufsaugen.
Mit 15 Minuten Verspätung und damit pünktlich zum Classbeginn war auch der Rest der Gruppe eingetrudelt. Mal wieder Halbe/Halbe Deutsche vs Skandinavier. Eine angenehme Mischung, ich könnte mich dran gewöhnen.
Je länger die Class dauerte und je mehr erlerntes Wissen sich doch als tatsächlich nützlich erwies, desto entspannter wurde ich. Zugegebener Maßen war der entscheidende Relaxator die Tatsache, dass der heutige Einführungstest auf morgen verschoben wurde, da sie, hallelujah!, uns nicht für unsere unwissenden Bücher bestrafen wollte. Also diskutierten wir drei Stunden lang über Anatomie von Becken und Fetus, bis es wohl auch der letzte verstanden hatte, und wurden dann in die eiskalte Mittagsluft entlassen.
Kaum war ich zu Hause, hatte mich auch schon der Lernwahn ergriffen. Jetzt sitze ich hier, fünf Stunden später, und bin stolz auf mich. Zwar hat mir die NICE Leitlinie zur Vorgeburtlichen Pflege und Vorsorge mit einem Umfang von 454 Seiten einen Anfangsdämpfer verpasst, doch die knackig-kurze Übersicht der WHO von einer (!!) Seite hat mich zurück auf meinen Expresszug Richtung Lernerfolg gebracht.
Wer hätte gedacht, dass lernen so glücklich machen kann?
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