Wednesday, April 30, 2014

Sonne macht albern

Dass die Letten ein wenig anders sind als der Rest der von mir bisher näher unter die Lupe genommenen Europäer, ist schon häufiger Thema hier gewesen - sei es der Überschuss an freien -OH Gruppen, der Bier, Brot und Bohnen zu einem Geschmackserlebnis der Sonderklasse macht oder die bergziegenhafte Sicherheit, mit der die Damen der Schöpfung hier im Schneesturm bergan auf unebenem Gelände mit rekordverdächtigen Pfennigabsätzen den Versuch der Schallmauerdurchbrechung nicht als Scherz ansehen - und dabei auch noch (meist) eine gute Figur abgeben. Auch an die die Faulheit unterhaltenden Öffnungszeiten der Supermarktketten hat man sich (zu) schnell gewöhnt. "Ach, heute ist Ostermontag? Könnten Sie mir trotzdem sagen, wo ich die Gewürzgurken finde? Im Fernsehen fängt gleich dieser Film an, Sie wissen schon, da wollte ich spätestens 23Uhr zu Hause sein."
Jetzt aber steigen wir auf zu einem ganz neuen Level des Ungewohnten.

Kaum erreicht das erste sommerliche Hoch Lettland und setzt sich für ein paar Tage fest, verliert man sich im Getummel der Menschen auf den Straßen. Zwischendrin sieht man hier und da Handwerker vorübereilen, die den ungeplant frühen Beginn ihrer Arbeitssaison nicht verschlafen haben wollen. Es gibt auch genug zu tun. Dass die Sicherheitsvorkehrungen, Absperrungen und Arbeitsweisen sogar mich irritieren, die ich stolz darauf bin, eine Bohrmaschine bedienen zu können, spricht für sich. Mir bleibt das Gelächter meiner Frau Mama im Hinterkopf, die mit ihrer Expertise die Letten belächelte und zur Erheiterung ihrer Kollegen alles photographisch festhielt. Was sie leider nicht mehr gesehen hat, ist die neuste Konstruktion an unserem Hinterhaus.

Die "Balkon"konstruktion im sechsten Stock.
Die Sicherheitsvorkehrungen im Erdgeschoss.
 In Majori läuft es auch nicht viel anders.
 Loch im Boden? Macht nichts!
Sand wird einfach ausgestreut. Verteilen tut er sich selbst.

Eine drückende Hitze Ende April, kein erfrischender Lufthauch der durch die Straßen fegt. Ich lege die Jacke ab und fächle mir mit den Handflächen Luft zu. Das dicke Buch in meiner Handtasche ist definitiv zu unhandlich für diese Aufgabe. Zwischen den Klängen der Straßenmusiker, die langsam ihr Territorium vom vergangenen Sommer zurückerobern, und dem rhythmischen Hämmern der Handwerker vom Dach schleicht sich ein drittes Geräusch in diese Symphonie der erwachenden Stadt: ein unterschwelliges Brummen, was ich eher in meinem Bauch spüre, als das ich es höre. Ein paar Straßenecken weiter ist das Brummen zu einem Grollen angeschwollen, jetzt deutlich hörbar mit seinem wogenden Lautstärkepegel. Ab und an durchbricht ein schriller Ton die monotone Kakophonie des Rauschens. Vor mir: Menschenmassen. Das einzige, was ich sehe, sind mir zugewandte Rücken, die den Blick auf die Straßenkreuzung verdecken. Breite Schultern und schmale, haarlose Hinterköpfe und gefärbte Mähnen, alt und jung, groß und klein. Das Gebrabbel mischt sich mit dem Rumpeln und Grollen, akzentuiert von Gelächter hier und da. Alle warten sie. Mal wieder verfluche ich meine Gene, die mir die Körpergröße meiner Eltern verneinten. Also kämpfe ich mich mit mal mehr, mal weniger Ellenbogeneinsatz an den verschwitzten Körpern vorbei - und bleibe verdattert stehen. Motorräder. Eine ganze Armada an motorisierten Zweirädern in allen Farben und Formen. So sitze ich für dreißig Minuten an der Lacplesa iela fest, während die Letten den Beginn der Motorradsaison zelebrieren.

Zeit, das Umfeld zu betrachten. Herrje, mir ist noch nie bewusst geworden, dass die Letteninnen so eine ungenierte Farbblindheit an den Tag legen. Rote Jacke, pinker Rock und grasgrüne Schuhe. Oder: oranges Kleid, ultramarinblaue Strumpfhosen und lila Stiefel. Nicht nur Colorblocking scheint hier populär zu sein, auch neuste Mode macht sich breit. Weißwuschelige Fellwesten mit Jogginghose und Westernstiefeln. Und mein persönliches Highlight bei über zwanzig Grad Celsius: Skianzug, Yetihandschuhe und Stiefel. Das einzige, was mich daran hindert, nicht aus Empathie zu schmelzen: die hohe Albedo. Die vom ultra-reinen Weiß dieses Kostüms reflektierten Photonen prallen ungebremst und erbarmungslos auf meine Retina. Autsch. So muss sich wohl auch der Boxer gefühlt haben, den ich auf meinem Weg hier her im Park gesehen habe. Ja. Im Park stand er, oberkörperfrei in Shorts, die einen Blick auf seine Unterhosen gewährten. Nicht, dass ich das sehen wollte, aber er marschierte selbstsicher und barfüßig vor mir her, bis er seinen Partner gefunden hatte, der ihm auf der angrenzenden Wiese die Boxhandschuhe und Gebissschutz reichte, welchen unser Freund in den knappen Höschen aber ablehnte.  Ich blieb nicht lang genug um zu sehen, ob er das noch bereute, aber Sekunden später kassierte er den ersten Schlag in den Bauchraum. Autsch, wie gesagt.

Um mich bei den Menschen zu entschuldigen, die, in der Hoffnung auf Erleuchtung und Unterhaltung bis hier hin durchgehalten haben, ein Froschbild!


Sunday, April 27, 2014

Spring in Rīga











coffein dependence syndrome

Der Kaffee hält mich fest in seinen dunkelbraunen Krallen. Mittlerweile bin ich bei der vierten Tasse angekommen, halte mich nicht mehr an die Dosierungsangaben und meine Hände zittern wie verrückt. Ich springe mental hin und her zwischen Hyperprolactinämie in  prämenopausalen Frauen und der Planung meines Sonntagnachmittags. Weder mit dem einen noch mit dem anderen scheine ich signifikant voran zu kommen, aber wenigstens bin ich in ständiger Bewegung. Menschen, die sich ein wenig (oder aber auch zu viel) mit Psychiatrie beschäftigt haben, würden mich wohl hypoman nennen - da gehe ich mit! Die Wagen meines Gedankenzuges scheinen sich regelmäßig von der Zugmaschine abzukoppeln, sich neu zusammen zu fügen oder auch einfach mal rückwärts zu fahren. Das eine Abteil hing sogar kurz im Bahnhof Heimweh fest, bis die Sonne wieder zum Küchenfenster herein schien. Der Kleine machte sich sehr schnell wieder auf die Suche nach dem Rest der Truppe.

Da meine Gedanken wandern, gleichzeitig zum Küchenfenster hinaus und in die Lehrbücher hinein, folgt wohl oder übel eine ungeordnete Wiedergabe der letzten Wochen.
Meine Liebsten haben Riga gesehen, mir wundervolles Wetter und familiäres Glück im Handgepäck mitgebracht. Letzteres mussten sie leider wieder mitnehmen, aber jetzt sind es schließlich auch nur noch zwei Monate, bis ich es in Chemnitz wiederfinden kann. Das gute Wetter ist uns geblieben und Lettland erlebt einen Expressfrühling. Nach Bereinigung aller vortäuschenden Kaffeeflecken habe ich das erste Zeichen einer gesunden Bräune gefunden - am oberen Ende meines Nasenrückens bleibt ein schmaler Streifen Weiß, auf dass er mich unmissverständlich als Nasenfahrradträger kennzeichnet.
Apropos Fahrrad - wir waren in Mangalsala mit dem Rad. Der Weg dorthin war sogar noch schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Könnte an der Begleitung gelegen haben, verfeinert nur durch die über-zwanzig-Grad-Clesius. Mutti und ich haben es uns nicht nehmen lassen, das Barfußexperiment zu wagen - was wir jedoch nach einer halben Minuten aufgrund akuter Eisbeingefahr abbrechen mussten. Babba hat mit seinem präzisen Biergartenortungssystem den perfekten Platz für einen Heimwegsnack gefunden und wow, hat er ein Tempo vorgelegt! Mithilfe meines rudimentären Lettischs haben wir es sogar geschafft, nach halbstündigem Ausharren, unsere Mägen mit Soljanka und anderen Leckereien zu füllen. Schlussendlich hat Nico auch das System der Rücktrittsbremse verstanden, zu allem Unglück bei Höchstgeschwindigkeit, doch außer den Kartoffelchips in seinem Körbchen hat nichts Schaden genommen.

Ich bin stolz auf Riga. Meine temporäre Wahlheimat , oder auch Lebensabschnittsgefährtin, hat sich von ihrer besten Seite gezeigt, als ich sie endlich meiner Familie vorstellen konnte. Und wer hätte gedacht, dass ich auf-der-Couch-lümmeln und RTL-Sendungen schauen so vermissen könnte. Jetzt sind sie wieder zurück. Zuhause, in Smaugs Einöde, Putzteufelchens Garten und Pubertushöhle. Mit ihnen gingen die ersten 16 Kilo meines Habs und Guts. Verbleiben noch 48 Kilogramm Fluggepäck, acht Wochen und unzählige, nicht in internationale Einheiten pressbare Erinnerungen. Obwohl ich es genieße, meinen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen, wird es doch so langsam Zeit, sich mit der Zeit nach Riga zu beschäftigen. (Ich muss das immer mal wieder schriftlich festhalten, nicht, dass ich meinen Flieger verpasse wie die Sprechstunde unserer Erasmusmutti.)

Die ablaufende Zeit vor Augen, habe ich, Fan solcher logischen Darstellungen, der ich nun mal bin, eine Liste erstellt, mit Sachen, die es noch zu sehen, hören, fühlen, schmecken und erriechen gilt. Den Anfang machten zwei Ausstellungen im Riga Art Space, einem unter dem Ratslaukums gelegenen Raum, der sich zu meist moderner Kunst widmet. Die kleinere der beiden Sammlungen war okkupiert vonWerken Ievgeny Petrov,s einem ukrainischen jungen Künstler, der die Auswegslosigkeit menschlichen Verstandes in den unterschiedlichsten Facetten in Form von Hunden darstellt. Vielleicht ist es auch nur mein Augenfetisch, der sich da, in die großen Augen einer Bulldogge vertieft, Bahnen gebrochen hat, aber ich war begeistert von den Aquarellen. Dass Hundeportraits so viele Emotionen und Konfliktpotential in Auseinandersetzung mit der animalischen Seite unseres Selbst loslösen können von Selbststrangulation in moralischen Werten unserer Gesellschaft, ist zu tiefst berührend und erweckt den Selbstfindungsprozess auf ein Neues. Oder wie Ben Harper singen würde: "Don't let it take the fight outta you."
Die größere der beiden Ausstellungen nannte sich Re:Visited und war eine Zusammenstellung unterschiedlichster Werke aus vergangenen Biennalen, Triennalen und was es nicht sonst noch so in der großen, weiten Künstlerwelt gibt, was weder den Weg in mein Vokabular noch meine Must-have-Liste gefunden hat. Letzteres ist gerade vom Umbruch begriffen. Wie in jeder Ausstellung gibt es subjektiv schöne und weniger schöne, interessante und staubtrockene, ergreifende und ekelerregende Exponate. Das für mich herausragende Stück von Re:Visited habe ich gleich zu Beginn eher durch Zufall gefunden.

Antonio Vega Macotelas "Time Exchange" Projekt wurde von der 13. Istanbul Biennale ausgewählt. Der mexikanische Künstler arbeitete in diesem Kontext mit Insassen des Santa Martha Acatitla Gefängnisses in Mexiko City zusammen. Er warf einen neuen Blickwinkel auf Währungssysteme: die Möglichkeit von Zeitaustausch. Konkret funktionierte es wie folgt: in einer gewissen Zeitperiode werden verschiedene Tasks erfüllt, die vorher von der jeweils anderen Partei festgelegt wurden sind. Zum Beispiel bat einer der Insassen den Künstler, eine Geburtstagsfeier für seine Mutter zu organisieren. Während dieser Zeit sollte der Insasse alle Narben auf seinem Körper finden und daneben mit Edding die Entstehungsgeschichte auf seine Haut schreiben, so trug es ihm der Künstler auf. Sie tauschten also ihre Zeit.
Macotela zeigt nun aber nicht die Videos, auf denen er besagte Geburtstagsfeier plant oder dem Sohn eines Insassen bei seinen ersten Schritten zuschaut, sondern stellt das Ergebnis der Insassen dar: das, was sie mit "seiner" Zeit angestellt haben. Die Exponate waren eine ganz andere Dimension von "ergreifend". Es ist nicht pure Nächstenliebe und kopflose Selbstaufopferung, sondern festgelegte Verträge. Ein Austausch von Zeit. Da den beteiligten Individuen selbst viel an der Erfüllung "ihrer" Zeit liegt, gehen sie auch sorgfältig mit der Zeit des anderen um. Ein nicht unbedingt neuartiges, aber definitiv vernachlässigtes Währungsprinzip, was auch Raum für Privatsphäre lässt: der Künstler hat sich aktiv gegen die Ausstellung der persönlichen Zeit der Insassen entschieden mit der Begründung, dass diese Zeit ganz allein ihnen gehört. Gänsehautpotential.

Mit meiner Familie sind nun auch die letzten Besucher Vergangenheit und die Leute, die jetzt noch nach Riga kommen, sind Heimkehrende. (Hannimäuschen, ich freu mich auf dich!) Der Himmel ist immer noch makelloses Azurblau, ich habe mehr als sechs Seiten für Gynäkologie geschrieben und noch nicht mal den größeren Teil des Themas erfasst - Zeit für einen Time Exchange. Vorschlag: ich gehe mich bräunen, um meine weißen Beine ansehnlicher für die Welt zu machen, und Welt geht mir dafür ein paar Stunden aus dem Weg. Win-win!







Tuesday, April 15, 2014

Like a pineapple

Wenn man die Zahl so betrachtet, sieht es doch nach gar nicht so viel aus: nur achttausendvierhundertundfünf Tage, die ich jetzt schon die wundervolle Luft dieser Welt schnuppere. Da komme ich mir gleich so jung vor, dass ich es dem Türsteher nicht übel nehme, wenn er mich nach dem Ausweis fragt... natürlich nur, bis ich das nächste Mal in den Spiegel blicke. Das letzte Jahr hat mir viele wundervolle Lachfältchen gebracht.

Ich hatte schon vieles: Schnee, Sonnenschein, Regen, Familie oder Freunde oder beides gemeinsam, ein Ständchen morgens um 7 zwischen Wohnheimtür und Angel, Ostern, Jugendweihe oder zwischen den Abiprüfungen, an Wochenenden, Unitagen, in den Ferien. In Chemnitz, Dresden oder bisherige der All-Time-Favorite: in Hamburg.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für solche Zelebrierungen. Zu den meisten meiner Feiern musste man mich regelrecht zwingen - vielleicht waren sie deshalb immer so schön. Doch dieses Jahr war wirklich ein ganz besonderes. Nicht nur, weil es die erste (und wahrscheinlich einzige) Feier in Riga war. Es war auch die (bisher) internationalste! Außer dem Offensichtlichen waren vertreten: Lettland, Spanien, Italien, Frankreich, Usbekistan, Polen und Norwegen. In diesem neuen Lebensjahr hatten außerdem die Geburtstagsvideos ihre Premiere. Gleich zwei einzigartige Filmchen haben den Weg zu mir gefunden und mich herzlich zum Lachen gebracht. Außerdem haben mich fünf Briefe, die Bestquote in dreiundzwanzig Jahren, erreicht - davon einer mit dem süßesten Photobuch, was die Welt je gesehen hat, und ein anderer, vollkommen unerwarteter, mit einem Bild, was mir fast die Tränen in die Augen trieb - so voll war es an Erinnerungen.
Apropos Erinnerung. Ich war überrascht, wie aufmerksam meine Lieben meinem Gebrabbel lauschen, dass sie es sogar in Form einer Geburtstagsrede aufbereitet und vorgetragen haben...
Bevor ich mich der Rührseligkeit hingebe, sage ich einfach DANKE, DANKE, DANKE!

Ich hatte Besuch - dieses Mal aus Norwegen, was den Abschied am Flughafen ein wenig leichter gemacht hat. Meine liebste Stine hat mir die Ehre erwiesen und wir hatten - mal wieder - eine wundervolle Zeit. Der typische Mädelsurlaub mit unzähligen Shoppingtouren, Gequatsche und heißer Schokolade, Gesichtsmasken, Maniküren und was sonst noch so dazu gehört. Entschuldigung also an alle, die mich in dieser Zeit nicht oder nur schlecht erreichen konnten - wir sind in unserer eigenen, kleinen Welt gewesen.

Mittlerweile ist Frühling in Riga. Die Stiefmütterchen blühen im Park und die Wiesen werden endlich wieder grün. Der April hat uns voll im Griff mit wechselhaften Temperaturen und erstaunlich viel Sonnenschein. Es wird Zeit für eine Phototour in dieser traumhaften Stadt, die durch Photonen gleich in ihrer Attraktivität ins Unendliche zu steigen scheint. Vielleicht morgen, wenn der Sonnenschein von Raquels heutigem Geburtstag bis dahin durchhält. Dann kann ich, nach dem wir in Lush unseren Geruchssinn temporär verloren haben, den Duft von frischem Gras in der vollen Natürlichkeit und nicht nur aus der Shampooflasche riechen.

Am Donnerstag kommt der letzte Besuch. Das wird seltsam in zweierlei Hinsicht. Einerseits habe ich, seit Januar, meine verbleibende Zeit in Besuche eingeteilt, was bedeutet: nach diesem bleiben mir nicht mehr viele Wochen. Weniger als zehn, um genau zu sein. Andererseits treffe ich Menschen, die ich am siebten August verabschiedet und seit dem nicht mehr gesehen habe. Meine Familie. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr ich mich auf dieses Wiedersehen freue. Wir könnten Wetten abschließen, wann ich dem Heulen eines Schlosshundes näher komme: beim Abholen oder beim Verabschieden vom Flughafen? Es war immer hart für mich, wenn ich mir wichtige Menschen zum Flughafen bringe und vor der Sicherheitskontrolle kehrt mache und in den Bus Richtung Riga steige. Meine Familie ohne mich nach Hause fliegen zu sehen... herrje.

Von Rührsal über Trübsal hin zu den wichtigen Dingen im Leben: der Entwurf meiner Überlebensstrategie, falls World War Z oder Shaun of the Dead Wirklichkeit werden. Was ich bisher, zwei überaus engagierten Herren zum Dank, gelernt habe: Deutschland ist ein schlechter Ausgangsort was das Überleben angeht und ich sollte dringend meine Facharztpräferenz überdenken. Über was man sich eben so unterhält, nicht wahr?

Und zum Abschluss:
Ein Alligator ist ein Krokodil mit Auffahrunfall. 
Nein, Erklärung gibt es keine.




Tuesday, April 8, 2014

Im Nebel

Es ist grau in Riga. Die Kirchtürme scheinen im dicken, schmutzig weißen Nebel zu ersticken. Ob das der Ausgleich für die vergangene, Sonnen reiche Woche ist oder ob Riga, Frau, die sie nun mal ist, ihren Verflossenen nachtrauert, die am letzten Freitag den Weg Richtung Heimat eingeschlagen haben: wer soll es wissen? Frauen bleiben ein unlösbares Mysterium.

Der kleine Tagestrip zum Samstag in das südliche Nachbarland mit scheinbar mehr Agrarkultur und, den Zahlen nach, einer Millionen Einwohnern mehr als das Land meines aktuellen Wohnsitzes, hat sich gelohnt. Nicht nur habe ich mehr Störche gesehen als je in einer Werbepause der kommerziellen Fernsehsender zwischen 'TeenMom' und 'What to expect when you're expecting', nein, ich glaube ich habe auch mehr Variationen an Kirchen, Kreuzen und (Vero)Cafés gesehen als in meinem ganzen bisherigen, kurzen Leben zusammengefasst.

Erster Haltepunkt: Berg der Kreuze. Oder auch Kryžių kalnas. Da die Letten schon eine seltsame Verbundenheit zu ihrem Gaiziņkalns, dem, wie sie steif und fest behaupten, höchsten Berg (! bei 312m üNN) Lettlands haben, verwunderte es mich nicht, dass es nicht ein Berg der Kreuze sondern eher ein Hügelchen war - ein Berg von Kreuzen war es allemal! Dieser katholische Wallfahrtsort ist, gleich den unzähligen Kirchen, die ich allein in Kaunas gesehen habe, ein Beweis der Tiefe des Glaubens in Litauen. Nach der gewaltvollen Christianisierung des heidnisch geprägten Landes im 14. Jahrhundert, schafften es die Menschen dennoch, einen Teil ihres alten Glaubens in sich zu bewahren, und so haben viele Kreuze, auch in Kaunas, heidnische Elemente wie den Sonnenkranz in sich und somit ihren ganz eigenen Charme. (Martin färbt ab. Wikipedia switch off.)

Als wir, ein paar Stündchen später, in Kaunas den Bus verließen, war das Wetter grandios. Sagenhafte 14°C und Sonnenschein, der einem den Schweiß auf die Stirn und die Arme aus den dicken Jackenärmeln trieb. Die zweitgrößte Stadt Litauens ist kleiner als Chemnitz (157km² - 220km²), beherbergt aber 50.000 Einwohner mehr als meine Heimatstadt. Auch in einer anderen Hinsicht ist Kaunas Chemnitz voraus: die Altstadt ist, ähnlich Tallinn, eine wundervolle Hommage an mittelalterliche Zeiten - zwischen den Kirchen drängen sich kleine Gebäude, nicht höher als zwei Stockwerke, was diesem Ort eine gewisse Atmosphäre von Freiheit verleiht. Je weiter man in die Neustadt vordringt, desto mehr verliert sich dieser Anklang an alte Zeiten: die Gebäude werden höher, moderner, und man findet sogar die ein- oder andere Shoppingmeile. Für einen Samstagnachmittag war es ruhig. Sehr ruhig. Fast schon Chemnitz-ruhig. Die unzähligen Studenten, die hier an einer der sechs Hochschulen studieren, schlafen wohl noch ihren Rausch der Freitagnacht aus. Wir genossen daher unseren echten Kaffee im vero Café und reckten unsre Nasen für den ersten Sonnenbrand der Saison in den blauen Himmel.

Riga habe ich an diesem Tag nur im Dunkeln gesehen: kurz nach um sieben in der Früh und abends, halb zehn, bei unserer Rückkehr. Die Stadt hat mir in der morgendlichen Stille, kurz vor dem Erwachen des Trubels, eine wundervolle, neue Seite ihrer selbst offenbart. Verletzlich, romantisch, pastellfarben - alles scheint dahingehaucht zu sein, so flüchtig, als ob es bei der geringsten Berührung in tausend und einen Wassertropfen zerspringen würde. Das zarte Dunkelblau des Himmels und die sanften Töne sind heute von einem Grauschleier überzogen. Es tröpfelt vor sich hin. Auf der Regenskala Lettlands entspricht dies einem nervtötenden Regen der Stufe I - doch all das kann mir gerade nichts anhaben.

Mademoiselle hat nämlich endlich den Kurs der Anästhesie hinter sich gebracht. Erfolgreiches Reanimieren und Atemwegssichern mit Guedeltubus, ein entspanntes Diskutieren über Monitoring nach erfolgreicher Wiederbelebung und tadaa: ich darf neun Punkte und eine Unterschrift zur Anwesenheit mein Eigen nennen.
Der Prüfer war ganz aus dem Häuschen von meiner "Souveränität" und "Orientierung" und fragte sogleich, ob ich schon einmal im Krankenhaus gearbeitet habe. Als ich ihm sowohl die Nachfrage nach einem Pflegeberuf sowie nach Arbeit als Rettungsassistentin verneinen musste, war er etwas geplättet und verstand nicht so ganz, wie man mit nicht mal einem halben Jahr Krankenhauserfahrung so viel "Potential" an den Tag legen konnte - ein HOCH also auf das Dresdner Medizinstudium! Dass ich, dank meiner deutschen Ausbildung, weit häufiger mit CPR und Beatmung bombardiert wurden bin, hat mir diesen Kurs sehr erleichtert. Für einige meiner Mitstudenten war dies das erste Mal mit einer Beatmungsmaske und erst das zweite Mal bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebungssimulation. Sie taten mir ein wenig leid in ihrer Unerfahrenheit, da dieses Basiswissen viel früher und viel häufiger abgefragt werden sollte. Da die durchschnittliche Teilnehmerzahl aber immer zwei oder mehr Personen unter dem eigentlichen Kursumfang lang, hat sich das Mitleid zur Patientenseite hin verschoben. Ein Studium ist das, was man daraus macht. Ich lasse das jetzt einfach mal so im Raum stehen.

Morgen Mittag kommt Stine an - die goldgelockte Fröhlichkeit in norwegischer Person. Zwar sieht es nicht so aus, als ob der Himmel bald wieder aufklart, aber wenigstens bleiben die Temperaturen über der Nullgradmarke und wer weiß, vielleicht gibt es ja ein paar Sonnenstunden am Samstag.
Mich würde es freuen.

"First rule of anaesthesiology: if there's a chair in the operation theatre - sit on it."
... aus einem Lehrbuch der Anästhesiologie


 

 Streetart in Kaunas
 Renaissance ?


Der Weg zum Aussichtspunkt
 Der Blick von oben auf die Altstadt
Uuuuuund: Riga, heute.


Friday, April 4, 2014

Freund weniger Worte

_________________ 

Die ersten Blüten, der letzte Schnee. 
Eisblauer Himmel und um fünf Uhr der Tee. 
Möwen am Strand und auch in der Stadt 
vom Renftel allein werden sie nicht satt. 

 Museen ohne Wände und Jugendstil, 
An Stunden zu wenig, von Pommes zu viel. 
Fürs Schaukeln und Klettern sind wir nie zu alt 
Nicht mal vor Sauerkirsch machten wir Halt. 

 Schwebende Menschen und Bäume bei "Kim?" 
Moderne Kunst ist doch nicht so schlimm. 
Ein Hauch von früher mit Jazz im Konzert, 
die Gäste warn goldig und den Matratzenschlaf wert. 

 Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz 
Heimweh und Fernweh trennen nur eine Terz 
Das Ende als Anfang, und mitten drin ich. 
Die Welt meine Wiege, hier finde ich mich. 
 _________________ 

(Erstaunlich was ein wenig Formatieren ausmachen kann. Da wirken diese Anfänger-Haus-Maus-Klaus-Reimereien doch sogleich wie brauchbares Material!)

Es war eine wundervolle Woche. Mit jedem Mal, dass ich zum Flughafen fahre, um Freunde zu verabschieden, fällt es mir schwerer, wieder in den Bus Richtung Zentrum zu steigen. Doch da ich für Trübsal-blasen weder Zeit noch Geld habe, stürze ich mich wieder ins Getümmel, zurück zum Intubieren und Reanimieren, Photographieren und Sinnlos-sinnieren. Von den Reimen gibt es also keine mehr, dafür ein paar Photos.

Patrick und Egle in den Nicht-mal-24h-Riga. Tausend Dank fürs Kommen!
Möwenalarm

Lisa

Photobattle mit Daniel
Kletteraffen
Das erste Eis! (Jedenfalls für mich...)
Raubtierfütterung