Thursday, June 26, 2014

Das große Finale

Gestern war mein letzter Tag in Riga.

Nachdem wir unserer Erasmusmutti noch eine Muffin-Freude gemacht haben, stand ich ein wenig rat- und tatlos auf dem Universitätscampus. Irgendwie ist es mir in der gesamten letzten Woche nicht in den Sinn gekommen, dass ich doch noch etwas mit meinem letzten Tag anstellen könnte. Nach kurzzeitigem Zögern und verzweifelten Martin-und-Kathi-Befragen, machten Helga und ich uns auf zu einem meiner Lieblingsorte, den ich ihr noch nicht gezeigt hatte: den Spielplatz mit Blick auf Altstadt und Daugava. Nach vor mich hin sinnierendem Schaukeln und dem Eingeständnis, dass ich so nicht weitere zehn Stunden verbringen kann, machten wir uns auf in Tiefen von Vecriga. Schließlich stand noch ein Museum aus: "100 Things you did not know about Riga". Dieser Lückenfüller in der sonst so perfekt ausgestatteten Kulturhauptstadt wartete vor allem mit Photoideen auf: im Mittelalterkostüm, am Galgen, auf dem Hochrad.... leider fehlten mir sowohl Muse als auch Subjekt, weshalb ich mich mit den interessanten, kleinen Fakten amüsierte. Wer hätte gedacht, dass ein Henker so romantisch sein könnte, dass er am Tag der Hinrichtung eine rote Rose auf seinen Fenstersims legt, oder dass es im 16ten Jahrhundert nur Deutschen erlaubt war,in Riga Bier zu brauen, oder dass Riga für fast 100 Jahre die größte Stadt Schwedens war? Faszination pur! 

Nachdem der Kopf seine Wahl der Aktivität hatte, war nun mein Herz an der Reihe. Ja, ich habe es getan. Es ist ja nicht so, dass ich problemlos und ohne Gewichtsbedenken meine Koffer gepackt hätte - nein, weit davon entfernt! Dass ich mir dennoch 3 Kilo extra aufhalse, kann nur durch pure Liebe zu diesem wundervollen Photobuch erklärt werden. Stolz wie nach meiner ersten erfolgreichen Blutentnahme saß ich zehn Minuten nach meinem Impulskauf bis über beide Ohren strahlend im KuukaKafe bei Karottenkuchen und Kaffee in der Sonne und blätterte verträumt in meiner Errungenschaft. Der Barista war so nett und übersprang alle traurigen Mumford and Sons Lieder. Totally worth it!

Um den Tag rund zu machen, oder vielleicht auch nur, um mein Gewissen zu beruhigen, doch noch etwas Sinnvolles getan zu haben, radelte ich zwei Stunden später mit bis obenhin vollgeramschter Kraxe zur Spendenstelle für Bedürftige und verabschiedete mich ohne viel Federlesen von ungenutzten Winterjacken, Hosen, TShirts und Schuhen.
Wieder zu Hause kochte ich laut vor mich hin fluchend und schwörend, so etwas nie wieder zu machen, ein Kilo Sushireis, der statt der angegebenen 20 Minuten gut das doppelte der Zeit auf meinem Herd stand ohne gar zu werden. Martin, Kathi und Dace sei Dank ging das Schneiden, Rummatschen und Rollen flink von der Hand und pünktlich um sieben war alles bereit für das letzte Abendmahl. Oder auch die Henkersmahlzeit. Wo ist die rote Rose?

Es war ein unbeschreiblich schöner letzter Abend mit den ganzen so herzlich lieb gewonnenen Verrückten: Kathi&Martin&Carolina, Dace, Evgeny, Vili, Kasia, Johannes und sogar Aga hat noch vorbei geschaut. Die ersten Tränen, die ich bei Valerijas Abschiedsnachricht verdrücken musste, habe ich ganz schnell abgeschrieben und auf den nächsten Morgen vertagt. Ein letztes Bier im Greenwoods und ab gings nach Hause. Reste packen.

Mir ist schon immer klar gewesen, dass ich ein nervöses Wrack bin und dass das Herzflattern vor Telefonaten mit Unbekannten, die Tachykardie zur praktischen Prüfung nur die Spitze des Eisberges sind.
Aber diese letzte Nacht war eine einzige, sechs Stunden währende Panikattacke.
Um 2 war ich endlich soweit, meinen Kopf mit meinem Kissen vertraut zu machen. Eine Stunde und unzähliges Herumwerfen später eine erste Ahnung, dass dies keine einfache Nacht wird. Halb drei. Steffi kriegt Busfahrpanik. Was wäre wenn-Szenarios reichen sich in meinem Kopf die Hand mit alptraumhaften Geschichten von ausgefallenen Bussen, Auffahrunfällen und der kleinen aber feinen Möglichkeit einer Zombieapokalypse (Danke, Jungs!). Da der Laptop in den Tiefen meines Gepäcks verschwunden ist, google ich auf meinem Handy wie eine Hysterische Furie nach Alternativrouten und schreibe ungeachtet der Uhrzeit Martin eine SMS, doch am nächsten Tag früher da zu sein. Da mein Handylicht mich nun eh nicht mehr schlafen lassen würde, stand ich auf und beschäftigte mich nochmals mit meiner Kraxe: auspacken, umpacken, einpacken. Ein paar Klamotten landeten auf dem 'Wir bleiben hier' Stapel, ich hievte die, wie ich nun weiß, 18 Kilo wieder zurück in den Flur und versuchte es noch einmal mit der Einreise ins Traumland. Mein Visum muss abgelaufen sein. Blick auf die Uhr: halb 4. Och nö! Soll ich einfach in den ersten Bus Richtung Lidosta steigen um die Stimmen in meinem Kopf endlich zum Schweigen zu bringen? Was ist, wenn das Flugzeug abstürzt? Hab ich mein Ticket eingepackt? Vier Uhr. Ich stehe in der Küche und krame in meiner Handtasche nach den Tickets, verbanne überflüssigen Ballast ins Gepäck und schmeiße alte Studentenausweise weg (Wintersemester 2012/13 - echt jetzt???). Halb fünf bis halb sechs: einstündige Vorstellung von "Hilfe, mein Gepäck ist verschwunden" irgendwo zwischen Bewusstsein und REM-Schlaf. Um sechs eine Tasse grünen Tee und dann ab unter die Dusche. Müll raus, Schlüssel auf den Küchentisch und ein letzter Blick in mein Zimmer. Leere. Fünf Minuten vor um sieben schnaufe ich wie eine Dampfmaschine, als ich mein Gepäck die Treppe hinunter schleppe. Keine fünf Minuten später meine mentale Rettung: Kathi und Martin! Gottseidank ist mein nicht vorhandenes Nervenkostüm den beiden so gut bekannt, dass sie mir ihre vollste Unterstützung meiner irrationalen Ängste zukommen lassen und wir steigen eine halbe Stunde vor geplanter Abfahrt in den Trolley. Erstaunlicher Weise verlief alles reibungslos. Vom Platzmangel in der 22 abgesehen, erreichen wir kurz vor um acht Flughafen. Mein Magen schlägt mittlerweile wie verrückt Purzelbäume. Der Flughafen ist überfüllt. Kathi und ich stellen uns pflichtbewusst an der ersten Schlange an, die wir finden, und dreißig Minuten plus n->unendlich viele Leopardmusterbegutachtungen später war ich meine 40kg Gepäck los - Punktlandung. Die beiden eskortierten mich noch zur nächsten Schlange - vor dem Securityschalter - und dann war Schluss. Einfach so, nach 10 Monaten Erasmus war es vorbei. Ich überquerte die unsichtbare Schalterschlangenlinie und wusste, ich kann nur noch nach vorn. Glücklicherweise habe ich auf Mama gehört und Taschentücher eingepackt. Aber wie von so vielen gesagt: it's not 'Good bye' - it's just 'See-you-later'! Dennoch: wer glaubt, dass es das einfacher macht, denkt wahrscheinlich auch, dass die Seatbelts (Wieso fällt mir das deutsche Wort nicht ein?) im Flugzeug für die eigene Sicherheit da sind.

Jetzt sitze ich in dem kleinen, erstaunlich leisen Bombardier nach TXL und habe mich meinem Schicksal ergeben. Beim Start ähnelten die durch die Beschleunigung über die Scheibe fließenden Wassertropfen Tränen auf der Skyline Rigas. Jetzt umgibt mich nur weiß. Nicht mehr lange und ich habe deutschen Boden unter den Füßen. Zum ersten Mal seit zehn verflixten Monaten. Als ich schwankend, verschwitzt und unter dem Gewicht des Jugendlichen, den ich da in zwei Koffern und einem Rucksack mit mir herum trage, ächzend im TXL zum Hauptbahnhof stehe, wird mir eins klar: ich habe die deutsche Sprache nicht vermisst. Dahin ist die seelige Ungewissheit, die beruhigende Ignoranz, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Auf einen Schlag wird man aus diesem Paradies des Nichtverstehens herausgerissen und in einen Bus gesteckt, indem Bayern, Schwaben und Berliner vor sich hin wurschteln. Bis ich begriffen habe, dass jene Zisch- und Knacklaute ausstoßenden Mitfahrer, die diese Industriefabrik ähnliche Gerauschkulisse ihrer Sprache nur ab und an durch Vokale unterbrechen, doch tatsächlich "Schwietzerdütsch" reden, vergingen kostbare Minuten. Die Krönung des ganzen: die Slangsprache der Jugend am Berliner Hauptbahnhof. Lange habe ich das Wort "Eier" nicht mehr in einem Satz mit "Hose" gehört. Und das ist nur das, was ich tatsächlich verstanden habe. Die Abgründe der Jugendsprache sind unerforschtes, germanistisches Gebiet. Von Berlin an sich habe ich nicht viel gesehen, da ich eher damit beschäftigt war mein Gewicht ergonomisch in die Kurven zu legen. (Garantiert habe ich hier das falsche Wort genutzt, man verzeihe es mir, ich bin Ausländer.) Mittlerweile habe ich mich im ersten Untergeschoss des Hauptbahnhofes verkrochen und sitze meine Zeit ab. Berlin und die ganzen Kiddies mit geöffneten Bierflaschen jagen mir Angst ein. Wenigstens habe ich Obst und ein Körnerbrötchen im Magen - richtig, meine Konversationsfähigkeit ist kulturschockbedingt eingeschränkt. Ich sehne mich nach dem Inneren des ICE's, meinem Sitzplatz am Fenster und dem an mir vorbei rauschenden Grasmeer Brandenburgs.
Und da sitze ich, eingeklemmt zwischen zwei älteren, deutschen Ehepaaren, die ihre geschmierten Schnittchen auf dem Weg nach Leipzig teilen und mit mir in den Regionalexpress nach Chemnitz umsteigen.
Im Heimatbahnhof angekommen, verweigern mir die vor den Türen Wartenden die Hilfe beim Koffer-aus-dem-Zug-bugiseren. Willkommen in Chemnitz!

Kaum fassen meine Schuhsohlen den Asphalt, sehe ich einen Blondschopf durch die Menge auf mich zu eilen. Ich kann mir nicht helfen, bei dem Anblick muss ich vor Freude weinen.

Mittlerweile bin ich seit fast einem viertel Tag zu Hause. Pizza bei Oma&Opa und Fußball waren der erste Schritt der Assimilation. Das schlafwandlerische Gefühl der bekannten Fremde löst sich langsam aber sicher auf. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen fange ich einfach da an, wo ich heute aufgehört habe. Schritt für Schritt zurück in die Normalität.

(Es ist interessant, dass für sehr viele Menschen das Maß meiner inneren Verwirrung nicht fassbar ist. Lettland erscheint wie ein Traum. Die vielen Nachmittage im Coffee Inn oder Abende in Deli Snack/Ezitis sind nun gezählt und einfach so vorbei. Klar, die Erinnerung bleibt, aber es ist dennoch hart, die Menschen nicht mehr auf Knopfdruck bereit und vor sich zu haben. Auf meinem Fenstersims stehen aufgereiht ein kleines gelbes Kästchen, ein orangefarbener Coffee Inn Mug mit Innenleben, zwei Briefe, eine blaugestreifte Karte, ein selbstgebasteltes Minion und mein Photoband. Wenn ich morgen aufwache, wird das das erste sein, was ich sehe. Erinnerungen sterben nie.)

So nah! 
Der Kalender *hust*
Majas Begrüßungsritual...


Und nun ist es vorbei. Gute Nacht, ihr Lieben!

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