Monday, June 9, 2014

Kostbarkeiten

Ich habe vieles hier in Riga zu schätzen gelernt.
Den Wasserdruck in deutschen Haushalten, oder die Vorzüge einer selbst regelbaren Heizung. Die Effektivität von Leitlinien gegenüber langweiligen Vorlesungen. Freundschaften, die im Sekundenschlag pulsieren wie ein Herz auf LSD. Die Freiheiten der Jugend, das Ausschalten der Obligationen und die Ideen für ein "PostErasmus". Die unberührte, zarte Natur und die tausend Grüntöne eines Waldes im Frühling. Die ewige Sommersonne in Lettland.
Aber ganz besonders die "Letzten Male". Das letzte Lied im Greenwoods, der letzte Bus nach Hause, den man mit mehr Glück als Verstand gerade noch erhascht, das letzte Examen, was ich noch vor mir habe, der letzte Besuch aus Deutschland und die letzte Verabschiedung am Flughafen. Die letzten 16 Nächte in Riga.

Seit mehr als einem halben Monat schwankt meine Stimmung zyklisch mit dem Wochenrhythmus - das Hoch am Montag und das Tief am Donnerstag. Wie ein Uhrwerk tickt diese Zeitbombe in mir, die ich selbst vor knapp zehn Wochen gezündet habe, als ich in meinem Kalender die Tage und Wochen durchnummerierte.

Es sollte ein Mahnmal für die mir zwischen den Fingern zerrinnende Zeit sein und jetzt sitze ich hier und starre etwas perplex auf den Sandkasten, der zu meinen Füßen liegt.
Verzweifelt will ich den Straßenfegern meiner Straße hinterher rennen, um sie zu fragen, ob sie Kassiopeia gesehen haben, aber ähnlich wie Momo werde ich nur langsamer, je schneller ich laufe - und die Straßenfeger verschwinden um die nächste Biegung und sind verschwunden.
Wo sind die Männer in Grau? Ich sehe nur Leopardenprints und Nuttenhaken auf den lettischen Fußgängerwegen. Davon hat Michael Ende nichts geschrieben. Statt mir meine zarten Gehirnwindungen, die sich momentan nur um Obstetrocology und French Fries drehen, zu zerstören, werfe ich einen Blick auf die immer länger werdene Bucket-list.

Meine Kerzen habe ich seit Weihnachten nicht mehr angerührt und jetzt habe ich zu viel Wachs in meinem Zimmer. Die Museumsliste wird nicht kürzer und neue Ausstellungen eröffnen jeden Tag. Allein die Flut an Ideen, was man alles tuen könnte, reißt nicht ab. Das Gute an diesem Countdown?
Ich habe nur so lange ein Motivationsproblem, bis ich ein Zeitproblem habe.

Neun Monate (September 2013 - Juni 2014)

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