Die Hauptstadt von Litauen hatten wir bisher nur auf Bildern gesehen oder bei Wikipedia gefunden, aber außer einem Tagesausflug nach Kaunas und dem Hügel der tausend Kreuze hatten wir keinen Fuß auf den südlichen Nachbarn Lettlands gesetzt. Ergo war es an der Zeit, dass wir an einem Samstagmorgen um halb sieben in den Ecolines Bus stiegen und uns das ganze mal genauer anschauten. Gesegnet von Petrus landeten wir bei strahlendem Sonnenschein am Busbahnhof und begannen unseren Kurztrip mit einem Kaffee bei, wie kann es anders sein, Coffee Inn.
Das niedlich-weiße DoReMi Hostel, wo wir die Nacht verbrachten, gelegen gegenüber dem Museum of Genocide war ein geräumiges Ikea-Paradies zum kleinen Preis. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es auf Schusters Rappen in die Altstadt - mitten durch den Markt, der den Gedimino prospekts einnahm. Das erste, was auffällt, ist die Sprache - definitiv eine andere als das meinem Ohr bekannte Lettisch und hinterlässt in mir ein Gefühl von Fremde. Obwohl, durch gleiche Wurzeln, natürlich viel Ähnlichkeit besteht, hat das Polnische und Russische weit mehr bleibende Eindrücke hinterlassen und macht das Litauische damit zu einem Kampf der Zungen und Zahnreihen.
Die zweitgrößte Stadt des Baltikums (nach Riga) wirkt auf den ersten Blick zahmer als unsere Wahlheimat, doch die Altstadt ist gestreckter, die Häuser gepflegter und die Bürokomplexe auf der anderen Seite der Neris sind aus einem ganz modernen Zeitalter. Im Übrigen kommt der Name der Stadt vom kleineren der beiden Flüsse: Vilnia. Obwohl der Geist also ein anderer ist, ist vieles gleich: allem voran ein Coffee Inn an fast jeder Straßenecke (kein Wunder, wenn es hier gegründet wurde), gefolgt von Hesburger, CanCan und Cili Pica, einem Samsung-Tower und kleinen, verspielten Gassen. Anders als in Riga findet man hier reichlich alternative Kultur, weniger Highheels pro Quadratmeter und definitiv mehr Kirchen.
Und Hochzeiten. Herrje, was da los war!
Wir stolperten bei unserem Erkunden der Altstadt von einem Hochzeitsbild ins nächste. Der heilige Bund der Ehe scheint hier hoch im Kurs zu sein. Auch an Heiligen ist die Stadt nicht arm - daher wahrscheinlich auch die zwei, drei Kirchen, die gleich einem Pärchen dieser Raritäten gewidmet wurden sind.
Lonely planet sei Dank sahen wir am ersten Tag alles, was man in der Altstadt finden kann - begonnen bei dem Kathedralen-Platz, über Gediminas Tower, den Hügel mit den drei Kreuzen, das Rathaus, die dem Namen nach einem Herr-der-Ringe-Buch entsprungenen Gates of Dawn (Tore der Dämmerung) bis hin zur Universität, dem KGB-Haus und Užupis, dem Künstlerviertel von Vilnius mit eigenem Bürgermeister, eigener Hymne und Flagge und natürlich eigener Verfassung.
Am Abend, nach einem dramatischen Burgeressen und dem Deutschland - Ghana -Spiel, waren wir froh, ins Bett zu fallen. Der nächste Tag war grau, regnerisch und trübe. Unsere Stimmung schwankte zyklisch, jeder war mal an der Reihe über dies und jenes zu jammern, den Bus herbeizuwünschen oder aber auch der Gruppe neuen Antrieb zu verpassen. Vielleicht waren wir auch einfach zu schockiert von der Contemporary Art Collection Vilnius', die wir als künstlerische Ergänzung zur Installationskunst verließen ohne bezahlt zu haben. Zielloses Umherwandern wurde unterbrochen von Kaffeesitzungen und Kirchenbesuchen und gipfelte in der Aufgabe jedes Aktionspotentiales in einem kleinen Lesecafé, wo wir unsere Nasen in National Geographic steckten und coffeinbasierte Getränke schlürften. Im Bus zurück nach Riga sagte die Sonne wieder Hallo und alles war wieder beim Alten, als der bekannte Boden des Autoosta unter unseren Fußsohlen ruhte.
Coffee(Inn)Break
Drama, baby, drama!
Fluxus Kunst
Ja...
Vilnius
Gestern war Līgo - heute ist Jāņi . Zusammengenommen ist das kein Geschwisterpärchen sondern Mittsommerfest in Lettland und der eigentliche Grund, weshalb ich meinen Flug auf Ende Juni verlegt habe. Mittsommer ist für mich der Inbegriff lettischer Kultur geworden: mit der Natur verbunden, singend, tanzend und vor Freude strahlend. Und leider, ganz traditionell, auch mit Regen.
Ich liebe heidnische Bräuche. Seit ich "Die Nebel von Avalon" gelesen habe, wollte ich schon immer mal wissen, wie sowas in Wirklichkeit abläuft. Dace weihte uns in alle Mysterien dieser wundersamen weißen Nächte ein. An Līgo werden Blumen und Blätter gesammelt, die zu Kränzen geflochten werden - normaler Weise ohne Garn, aber wir ungeübten Mitteleuropäer brauchen den schwarzen Faden. Die unverheirateten Frauen tragen Blumenkränze (mit mehr als 8 verschiedenen Blumen/Blättern für Gesundheit und Fertilität), die verheirateten Häubchen und die Männer Kränze aus Eichenlaub (für Stärke). Wir mutierten also zu wandelnden Bäumen und Blumenwiesen, die über das Gras tanzend Bier und Kümmelkäse gereicht bekommen. Wir sind kleine Jāņa bērni, die Volkstänze tanzen und Dainas singen. Als um zehn die Sonne unterging - es war wohl bemerkt immer noch Dämmerungshell - wurden die Feuer angezündet. Die alten Kränze des letzten Jahres werden ins Feuer geworfen und alle wiegen sich synchron zum Takt des Liedes. (Die grellleuchtenden Smartphonedisplays muss man dabei einfach ausblenden.)
Rund um die kürzeste Nacht des Jahres gibt es auch noch viele andere Bräuche - so muss zum Beispiel eine Frau aufpassen, dass ihre Blumenkrone nicht gestohlen wird, oder verloren geht, sonst würde sie im nächsten März ein Kind gebären. Während die Sonne untergegangen ist, darf nicht geschlafen werden, da man sonst den ganzen Sommer verschläft. Und am nächsten Morgen ziehen die Frauen los und werfen ihre Kränze in einen Eichenbaum - die Anzahl der Versuche entspricht der Anzahl an Jahren bis man heiratet.
Ja, typisch Heidentum - alles dreht sich um Fertilität und Arterhaltung. (Ich muss das jetzt ein wenig runterspielen - dass mein Kranz beim ersten Mal in den Ästen des Baumes hängen blieb, macht mir ein wenig Angst.)
Es war ein wundervoller Abend mit all den lachenden Gesichtern, traditionellen Kostümen, Gesängen und Tänzen. Immer wieder eine Freude, Zeit mit den Besten zu teilen.
Und nun: noch 36 Stunden bis Deutschland.





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