Monday, June 9, 2014

Straßenmusik

I have big dreams. Meine Cyclothymia gerät in die fast-cycling-Phase. Mittlerweile habe ich ein morgendliches Motivationsproblem, was mich so lange ans Bett fesselt, bis mich mein unerbittlicher Wecker nach dem dritten Mal snoozen aus dem Bett jagt. Nur eine integrierte Eisdusche könnte diesen kleinen Mistkerl noch effektiver machen. Nach meinem Kaffee bin ich soweit, das Haus zu verlassen und mich mit Helga auf den Weg zu machen - zum StandartCafé, wo mit an hundertprozentige Sicherheit grenzend der niedliche Barista im Laufe des Tages auftaucht (egal welche Zweigstelle, er scheint ein Ortungsradar für Kathi und mich zu haben), zum Autoosta um den nächsten Bus nach Sigulda zu nehmen oder zur Centrala Stacija, um, vollkommen übermüdet, in den Zug nach Daugavpils zu steigen.

Sigulda im Sommer ist ein wunderschöner Anblick. Dieses kleine Städtchen hat sich herausgeputzt, sodass von dem traurig-grauen Straßengeflecht, welches ich im letzten Jahr im Nieselregen befahren habe, nichts mehr übrig geblieben ist. Wir waren so geblendet vom Anblick, dass wir die direkt vor uns liegende Touristeninformation unbeachtet hinter uns ließen und einfach so losstiefelten - auf der Suche nach eben diesem Gebäude. Jackpot! Nachdem jeder einen Blick auf die kleine Karte des Reiseführers geworfen hatte und wir n+1ne Meinungen hatten, wo die besagte Info zu finden sei, schafften wir es doch, nach dem Erlaufen eines perfekten Kreises, zum Ort unseres Begehrens.
Die Aufgabe, das Schloss und die Burgruine zu finden, war danach ein Kinderspiel.

Die Männer freuten sich wie kleine Kinder über die Schwerter, Speere, Kettenhemden und eiserne Helme und ließen es sich nicht nehmen, sich gegenseitig an den Pranger zu stellen. Nach einem kurzen Abstecher in den Mücken verseuchten Gauja-Nationalpark, wo wir auf dem Malershügel unser nächstes Ziel - Turaida - entdeckten, suchten wir die Drahtseilbahn, die uns über die Gauja bringen sollte. Martin machte kurzen Prozess mit unserem schwarz-gelb gestreiften Schwarzfahrer, sodass Kathi und ich beruhigt unsere Wangen gegen die Scheiben drücke konnten, um einerseits die Aussicht zu genießen und andererseits genug Raum zwischen uns und die 15 anderen, nach körperlichen Ausdünstungen müffelnden Menschen zu bringen, mit denen wir uns die fünf Quadratmeter der kleinen Kabine teilten. Auf der anderen Seite des Flusstales liegt Krimulda - ein verschlafenes, kleines Örtchen, was aus einem Astrid-Lindgren-Buch entsprungen zu sein scheint - eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Michel in der Suppenschüssel, mit überwucherten, alten Häusern, einer noch weit mehr verkümmerten alten Burganlage und einem Rehabilitationshaus, was auch zu Thomas Manns Zauberberg gut gepasst hätte - die Sonnenterrasse jedenfalls wurde früher ebenfalls von Tuberkulosekranken genutzt. Heute sieht man keine Patienten, nur ein gestreiftes Matrosenhemd eines Kindes, was im Fenster hängt. Nebenan sitzen die älteren Männer des Dorfes im einzigen Café unter den vom Gewicht des Laubes tief hängenden, raschelnden Ästen der alten Buche. Malerische Idylle.

Über den Serpentinenweg gelangen wir ins Tal zu den drei Sandsteinhöhlen, deren roter Sand zwischen den Fingern zerkrümelt wie eine Matschburg am Ostseestrand. Im Dickicht des moorigen Geländes hat ein Schwan sein Nest gebaut und brühtet ungestört in der Mittagssonne (oh, welch schlechtes Wortspielt).
Zurück auf der Straße quälen wir uns in der Hitze den Berg zu Turaida hinauf. Zwischen den roten Ziegeln der Burg jedoch erwartet uns eine herrliche Kühle. Seit Herbst hat sich nichts verändert - die Burganlage ist die Gleiche, auch die historische Ausstellung ist noch da - und der Ausblick vom höchsten Turm ist immer noch atemberaubend. Der Bus bringt uns zurück nach Sigulda, wo wir nach einer Herzschlag steigernden Fahrt auf der Sommerrodelbahn in den Bus nach Riga steigen und erschöpft zu Hause ankommen.

Doch keine Zeit zum Trübsalblasen - zwei Tage später stehen wir zum Samstagmorgen zu ähnlich früher Stunde am Bahnhof, und bekommen von Lana die Bahntickets für unsere Tour nach Daugavpils. Die Stadt feiert jedes Jahr ihren Geburtstag im großen Stil. Es gab einen eigenen Wagon für die Fahrt von Riga zum Stadtfest. Die zweitgrößte Stadt Lettlands mit 110.000 Einwohnern, von denen weit mehr als die Hälfte russischsprachig sind und gerade einmal siebzehn Prozent angeben, lettisch zu sein, empfängt uns herzlich: schon im Zug hatten wir die beste Unterhaltung mit einer Folkloreband aus Daugavpils. Kaum haben wir, nach vier Stunden Fahrt, den Zug verlassen, geht es in den Bus zur organisierten Stadtrundfahrt. Lana erzählt uns aufgeregt, was wir alles anschauen müssen. Unsere Erasmusmutti ist hier aufgewachsen und kommt nur einmal im Vierteljahr nach Hause. Daugavpils ist kleiner und ruhiger als Riga. Vielleicht auch ein wenig unspektakulärer - unsere "Führerin" jedenfalls war absolut aus dem Häuschen bei dem Verkehr auf den Straßen: drei Autos hintereinander - ein nie dagewesenes Verkehrsaufkommen, was sie fast so sehr in Ekstase versetzt wie der Anblick von roten Backsteinhäusern, die man auch an fast jeder Ecke der Stadt wiederfindet. Neben einer süßen Universität, einer niedlichen Fußgängerzone, bei welcher allerdings konsequent nur die Erdgeschosse renoviert wurden sind, hat die Stadt an der Daugava vor allem Kunst zu bieten: in der ehemaligen Zarenfestung, deren Steimauern über die Jahre mit Gras bewachsen sind, steht das erst im letzten Jahr eröffnete Mark-Rothko-Zentrum. Wenn ich abstraktem Expressionismus mehr abgewinnen könnte, würde ich mehr dazu sagen, aber seine späten Kunstwerke, die neben Marc Chagall&anderen Kubisten, lokalen Malern und Keramiken eines lettischen Künstlers ausgestellt waren, haben für mich mehr Ähnlichkeit mit dem Farbkatalog eines Sofafachhandels. Einmal Rostrot und Blau zum Mitnehmen, bitte! Zurück bleibt ein süßer Geschmack nach Heidelbeereis und der Klang russischer Volkslieder mit Technobegleitung, deren Takt man auch nach der vierstündigen Heimat nicht aus seinem Ohr bekommt.

Heute war mal wieder Plovzeit. Evgeny und Anna haben aufgetischt und wir haben verspeißt, bis wir gemeinschaftlich die Treppe hinunter und in die Altstadt rollten. Ich brauche dieses Rezept. Mit diesem weiß-gelben Gold kann man Menschen auf die Couch fesseln. Es ist so lecker und so füllend, dass auch das Rumgespinne über "All you need is (P)love" nicht so weit weg erscheint. Wo ist mein Boot?
Morgen werden wir versuchen, unsere vom Plov geformten Körper in den Kletterpark zu hieven. Am Mittwoch kommt schon Hanni. Donnerstag ist Roadtriptime. Und schon ist Freitag. Wochenende. Und Montag: Prüfung.

Carpe diem, liebe Freunde!

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