Thursday, October 31, 2013

Hei!

Fliegen fasziniert mich noch immer. Man steigt einfach ein, versucht eine gewisse Zeit lang das Motorengeräusch zu ignorieren, setzt schließlich mal mehr mal weniger sanft auf dem Boden auf und verlässt den Aluminiumvogel in einer Stadt, etliche hundert und mehr Kilometer entfernt vom Ausgangspunkt.
Flughäfen sind wie eine eigene Stadt, ein Mirkoorganismus, scheinbar autark vom Rest der Welt. Zwischen niedlich-gemütlichen Cafés findet man Boutiquen, Bücherläden und das neue Modell einer weltbekannten Marke. Das könnte jede x-beliebige Shoppingmall dieser Welt sein. (Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied dass die Preise einem hier selbst beim unschuldigsten Kaffee die Nackenhaare zu Berge stehen lassen.)

Ich sitze gerade in einem der Flughäfen von Oslo. Gardermoen. Einer der Flughäfen, die es geschafft haben, trotz ihrer relativen Größe wunderbar aufgeräumt und logisch gegliedert zu sein. Das einzige, was mich verwöhnte Zweieinhalbmonatslettin stört: kein kostenloser Zugang zum Internet. Wie rückschrittlich!
Wir sind 25 Minuten eher hier gelandet als zu erwarten war. Nach dem Prozedere von Check-in, Security Check und erstem Geldabheben habe ich es mir jetzt an einem Tisch gemütlich gemacht. Draußen bricht so langsam die Sonne durch die doch sehr dicke und graue Wolkendecke. Mein Weiterflug nach Kristiansand steht noch nicht mal auf der Abflugtafel. Hätte ich geahnt, dass es doch noch ein Grad über Null am heutigen Tag wird, hätte ich mich vielleicht doch für die fünfstündige Busfahrt entschieden. Jetzt bleibt mir vorerst nichts anderes übrig als meinen Kaffee zu schlürfen und die Aussicht zu genießen. Sollte mir langweilig werden, habe ich ja immerhin noch mein Gynäkologielehrbuch dabei.

Mein nächster Flug hat angeblich WiFi an Board. Wie es scheint sitze ich in der letzten Reihe ganz am Fenster. Finde ich gut. Mein letzter Sitzplatz in der halbvollen Maschine befand sich in der Mitte auf Reihe 14. Endlich habe ich es auch mit eigenen Augen gesehen, dass es keine Reihe 13 im Flugzeug gibt. Ob sie, die japanische Kultur berücksichtigend, auch keine vierte Reihe haben?

(Ich korrigiere: nach etlichen Versuchen habe ich nun auch hier kostenloses WLan gefunden. Man muss nur wissen, wie. Nächstes Mal: norwegisch lernen.)

Wednesday, October 30, 2013

Und sonst so?

Wenn der Kopf zwischen Heimweh und Fernweh schwankt, ist man sich nie wirklich sicher, wo die Reise nun eigentlich hingehen soll. Noch interessanter ist die Frage aber, an welchem Punkt man sich gerade befindet, wenn diese beiden oppositionellen Gedanken im Hirn simultan aufeinander treffen und trotz ihrer eigentlich paradoxen Natur friedlich nebeneinander existieren. (Um die Psychoanalytikschiene für - versprochen! - ein letztes Mal zu strapazieren: das ist wie das Ego - gewordene Es. Und ja, zur Abwechslung mal nicht McWiliams, haha!) So ganz traue ich mir selbst nicht über den Weg, kommt es mir doch so vor als würde mein Ich nicht eine out-of-body- sondern eine out-of-space-Erfahrung haben. Es braucht eben doch mehr als Kisssen, Kerzen und Kaffeegeruch um eine Wohnung zu einer Heimat zu machen.

Glücklicher Weise kann ich behaupten, diesem Ziel Tag für Tag näher zu kommen. Und sei es mit einer Akustikgitarrre, die ich endlich mein Eigen nennen kann. Ein schnuggeliges Holzkorpus-Steg-und-Saiten-Ensemble von Fender, ein Jahr jung und von den beiden Schwedinnen anscheineind nie gespielt, hat bei mir ein neues Zuhause gefunden. Neben diesem Neuankömmling liegen die Noten des lettischen Chores, dem ich beigetreten bin. Nicht lachen, aber wir erarbeiten momentan fünf Lieder aus der Dreigroschenoper (Warum bin ich gleich nochmal ins nicht-deutschsprachige Ausland gegangen?). Diverse englische, schon sehr zerlesene Schmöker, erstanden in Robert's bookstore, kuscheln sich in meinem Bücherregal aneinander. Postkarten aus Mallorca, Rom, Cambridge, Dresden und Chemnitz hängen direkt neben dem Kursplan des Fitnessstudios. Eintrittskarten zur Oper und Eishockey umrahmen das TheBigBandTherapy-Plakat über meinem Schreibtisch. Es ist heimelig. Nur der Geurch ist selbst nach fast zwei Monaten immer noch ein wenig fremd.

Mein Handy vibriert. Es erinnert mich freundlich an den Brunch mit Johanna und ihrer Freundin Ina im InnocentCafé. Von diesem lecker-gemütlichen Frühstückchen bin ich gerade nach Hause gekommen. Freunde. Das ist das nächste, was diese Gegend zur Heimat werden lässt. Ob es meine Obermieter sind, bei denen ich mir ganz spontan und ohne Probleme einen Handgepäckstrolley ausleihen oder ihnen eine Möhre für mein eigens gebackenes Brot abschwatzen kann. Oder aber die Erasmustruppe, die sich fast jeden Donnerstag bei den Fünf Wölfen auf ein Bierchen trifft. Ob es die charmante, junge Dame ist, die mich immer wieder zum Sport animiert - gemeinsam macht es eben mehr Spaß - oder mein Kommilitone, der mir seine neuesten "Steffis-Hirn-macht-verrückte-Wendungen"-Hinweise in meinem vollgekleisterten Herold zeigt. Eigentlich ist es einerlei. Sie alle machen das Gesamtbild aus und Rīga damit zu einem noch schöneren Ort.

Was mir fehlt, ist meine Familie. Mein Brüderchen ist wahrscheinlich nun fast schon zwei Köpfe größer als ich. Meine Eltern waren Sushi essen - etwas, was ich nie habe kommen sehen. Und meine Großeltern verfolgen gespannt jede Folge des Waisenhauses für wilde Tiere. Vorgestern habe ich mir auch die Folge angeschaut, in welcher ich das erste Mal etwas im deutschen Free-TV ins Mikrophon stammele. Und wie Frau Mama so treffend meinte: "Du hast nicht mal gesächselt!". Eigentlich sollte ich wohl stolz auf mich sein, aber irgendwie bringt der Anblick der Farm, der Tiere, der so lieb gewonnenen Menschen vor allem eines hervor: Fernweh. (Nicht nur) Deshalb fliege ich morgen nach Kristiansand/Norwegen. Stine hat ein tolles Wochenende mit Wandern gehen, Halloweenparties und Filmnächten in Planung. Ich sehe uns schon die Mediathek von ARD durchstöbern und Simultanübersetzungen der besagten Sendung ansehen. 

Hauptsache die Taschentücher sind griffbereit.




Oben: mein neues Schmuckstück. Unten: die Geliehene von Dace.
Namibia

Sunday, October 27, 2013

Angel and Devil sitting on my Shoulder

Zur Feier unserer neuen Wohnzimmereinrichtung: WG Brivibas 110 zelebriert Halloween! 

Eigentlich bin ich für Verkleidung, Theaterschminke und Maskenhalligalli auf Brettern, die nicht die Welt bedeuten, nicht zu haben. Fasching war für mich ein Graus, seit ich als Kindergartenkind einmal als Clown verkleidet den Tag bestritten habe. Ich war wohl damals schon ein wenig melancholisch, weshalb mir die Ironie der Sache - ich im Clownskostüm - ziemlich einen auf den Deckel gab. Entschuldige Mutti, aber die Wahrheit ist: das Clownskostüm war für mich ein Alptraum. Da gehe ich doch lieber als Skifahrer mit gebrochenem Bein! (Wie zur Hölle sind wir (du?) damals auf diese Schnapsidee gekommen?) 
Da mir hier in Riga die Theaterruine und damit das regelmäßige MitFremdenFedernSchmücken fehlt, musste ich nun kompensieren. Die zündende Idee, die mich vollends überzeugt hat, die große Schminkpalette rauszuholen und zum ersten Mal außerhalb meiner Jelena-Verkörperung knallroten Lippenstift zu tragen, kam von Johanna: Engelchen und Teufelchen! Damit war das Schicksal diverser SecondHandLäden in Riga besiegelt, wenn wir zogen aus zum unerbittlichen Kostümshopping.

Bevor das Partygetümmel losging, wurde zuerst in vollen Zügen Kultur genossen. Ich habe mir dieses Wochenende die volle Operndröhnung gegeben. Freitag: Carmen. Samstag: Elisier D'Amore. Ich musste doch ein paar Tränchen wegdrücken beim mir so wohl gekannten Bühnenbild des letzt genannten. Es war exakt das selbe wie in Erfurt, wahrscheinlich sogar das, was für wenige Proben in Chemnitz auf der Bühne stand. Der Anblick der fliegenden Spaghetti beim Kampf zwischen Belcore und Nemorino hat mich zurückversetzt, in die Zeit, in der ich meine freien Wochen in der Technik und Requisite der Oper Chemnitz
verbracht habe. Ob das meine mühsam handgefertigten Spaghetti waren, die dort an Nemorinos Kopf klatschten? Ein schöner Gedanke: da ist ein Stück von mir auf der Bühne.

Nach den Gänsehautminuten in den heiligen Hallen der Oper ging es schnurtracks zurück nach Hause, umziehen, schminken und ab ins Getümmel. Wie Miriam es richtig gesagt hat: Es gibt bei jeder Party den Punkt, wo es PUFF macht und urplötzlich kommt man nicht mehr vom Flur in die Küche, weil sich überall Menschen tummeln.

Es war eine sehr schöne Einzugs-/PreHalloweenParty, mit außergewöhnlichen Kostümen (Lettische Gefangene, Mumie, Zombies und mein Mitbewohner Leo in Miriams Klamotten), tollen Leuten und einer angenehmen Stimmung. Natürlich ging es viel zu lang und als ich morgens um 6 vom Club nach Hause gestapft bin, hat es mich doch ein wenig vor dem Aufräumen gegraut. Und was macht man, wenn man im Dämmerlicht nach Hause kommt? Ganz klar, man fängt schon mal an! Jetzt ist, dank Miriams tatkräftigem Wischmobschwingen, wieder alles strahlend und glänzend sauber. Mein Magen hat sich mittlerweile auch wieder entknotet, vielleicht bekommt er heute sogar noch ein Süppchen als Aufbaukost.


Monday, October 21, 2013

Schizophrenie

Ich habe gerade Classes auf der Psychiatrie. Merkt man mir überhaupt nicht an, ich weiß.
Deshalb gibt es heute zur Entlastung meiner Psyche ein bisschen Experimentalblogging.

WARNUNG! Mir wurde gesagt: das ist nichts für schwache Nerven.
Noch ein paar Worte zur Einleitung: der folgende Text enthält mehrere Schilderungen beruhend auf Symptomen von Schizophrenie. Es hat nichts mit mir oder meinem aktuellen Gefühlsstatus zu tun.
Es wäre ein wundervoller Tag geworden. Ich spüre die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut, den Wind, der mir durchs Haar fährt und den harten, körnigen und von Sonne und meinerKörperwärme erhitzten Asphalt unter meinen nackten Füßen. Ich sehe mich dort stehen.Am Brückengeländer, die Fingerknöchel weiß vom verkrampften Grifff um das Geländer. Das rötliche, lange Haar fließt mir in Wellen über die Schultern. Eine Brise spielt mit der Haarsträhne vor meinem Ohr. Die grünen, sonst so hoffnungsvollen Augen sind leer. Sie starren auf den Horizont, als ob das in den Blick fassen des unverrückbaren Endes der Welt meinem inneren Chaos Stabilität geben könnte. In mir tobt der Krieg. Ich spüre es am elektrischen Kribbeln in den Fingerspitzen und dem nagenden Biest, was da in meinem Bauch unter meinem Busen schlummert. Diese Ausgeburt der Hölle frisst mich von Innen heraus auf. Es zerrt mit einen spitzen Fängen an meinen Gedärmen, kaut genüsslich an meiner Leber, während seine Stummelfinger meine Nieren zermalen. Wie konntest du das zulassen? Es hätte dein Sohn sein sollen, nicht der Satans!  Du lässt dein Weib alleine stehen am Rande des Nichts, wo der einzige Weg, den ich gezwungen bin zu gehen, der zum Tod ist. Satan ruft mich zu sich. Seit Wochen höre ich seine Stimme neben deiner. Ich habe dir nichts davon erzählt, aus der Angst heraus, dass du mich für deiner unwürdig hältst. Sein Flüstern wurde zu einem Raunen. Jetzt schreit er. Ruft mich. Will mich zu sich holen durch den Freitod. Selbst jetzt habe ich noch die Angst in mir, dass du sie hörst. Die Stimme, rau wie Sandpapier. Schließlich ist sie da, in meinem Kopf, direkt neben deiner! Befreie mich von meinem Leiden,von diesem Ungeheuer in meinem Bauch. Ich bitte dich. Ich flehe dich an! Doch wie immer antwortest du nicht. Du redest weiter von meiner wichtigen Mission, die ich hier auf Erden zu erfüllen habe. Gottes Frau auf Erden, hier, um die Menschen vor  ihrer eigenen Zerstörungswut zu bewahren. Ich kann mich noch genau an das erste Mal erinnern, als ich deine sanfte Stimme gehört habe, die mir endlich die Antwort auf die Frage gab, die seit Jahren mein Denken beherrschte. Weshalb bin ich hier?
Habe ich nicht alles getan, um deiner Liebe würdig zu sein? Du hast mir ewiges Leben in Zweisamkeit mit dir versprochen, wenn ich unserer Kinder, die Menschen dieser Erde erlöse. Ich will nicht sterben. Doch Satans Brut verschlingt mich. Vor Schmerzen fange ich an zu schreien. Warum hilfst du mir nicht? Warum lässt du mich allein?
Ich schwinge mein Bein über das Geländer und lasse mich langsam auf die schmale Brüstung gleiten. Mein Herzschlag übertönt Satans Schreie und dein monotones Gebet. Ein Schritt nur. Ein Schritt ins Nichts und alles hat ein Ende. Die Welt wird im Chaos versinken, die  Menschen von einer tiefen, inneren Trauer erschüttert sein, für welche sie keine Antwort finden. Gottes Weib stirbt und mit ihr die Erde. Doch das Wichtigste: Stille in meinem Kopf.
Eiskalte Hände zerren mich zurück über das Geländer. Engel. Sie sind gekommen, um mich zu retten. Sie lächeln. Ihre Münder bewegen sich und Musik kommt heraus. Wundervolle Musik. Einer streicht mir sanft über den Kopf während der andere meine Ellenbeuge betastet. Ein Stich. Ich will protestieren, doch meine Kehle ist wie zugeschnürt. Plötzlich durchflutet mich eine Welle voller Wärme und Liebe. Die Brut in meinem Bauch schläft ein, seine Hände erschlaffen und die Zähne lassen meine Eingeweide los. Der Schmerz verebbt. Satan verstummt. Auch deine Stimme wird leiser. Und dann, endlich: Stille.
Er legt den Aufnahmebogen zurück in die Akte und wirft einen letzten Blick auf die junge, ausgezehrte Frau, die leichenblass und doch friedlich in ihrem Bett liegt. Ihre rötlichen Haare heben sich stark vom sterilen Weiß der Krankenhauslaken ab. Vor zwei Tagen wurde sie vom Rettungswagen gebracht.  Er zieht das Notarztprotokoll zwischen den Laboruntersuchungen und dem noch nicht ausgewerteten EKG heraus. Selbstmordversuch. Emotionslos steht dort dieses Wort. Blaue Tinte auf weißem Papier. Es ist nicht das erste Mal, dass sie hier ist. Und wahrscheinlich wird es nicht das letzte Mal sein. Ein Seufzer entweicht ihm. Dieses Krankheitsbild macht ihm immer noch Angst. Er hat noch ihre Worte im Kopf, die Überzeugung und der tiefe Glaube an die Wahrheit ihrer inneren Realität. Es fällt ihm schwer, sie zu erreichen, sie von der absoluten Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Medikamente weiterhin einzunehmen, wenn sie das Krankenhaus verlässt. Auch das Bitten und Flehen ihrer Mutter blieb bisher unerhört. Die Gespräche enden immer auf die selbe Weise. Mit gläsernem, entrückten Blick starrt sie durch ihre Mutter hindurch und flüstert mit tonloser Stimme: "Du würdest auch nicht ohne Vati leben können.". Danach: Stille.

Saturday, October 19, 2013

Mission: Sofakauf

SS.LV ist das lettische Äquivalent zu Ebay-Kleinanzeigen. Es ist nicht unbedingt "Tausche Plattenspieler gegen zwei Stiegen Bananensaft", aber ähnlich konzipiert. Hat man nach unendlich langem Stöbern endlich einen Händler gefunden, der die englische Sprache beherrscht und sogar noch das Gesuchte im Rahmen der eigenen Preisvorstellung anbietet, ist das allein wie der in Erfüllung gegangene Sternschnuppenwunsch. 

Auftrag: WG Brīvības iela 110-3 sucht ein Sofa.
Miriam wurde fündig und so machen wir beide uns am Samstag Mittag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf in den Randbezirk von Rīga. Eine Stunde waren wir unterwegs, die Grenzen des Bekannten lagen schon ewig hinter uns, als wir mitten auf einer Autobahn aussteigen. Irgendwo außerhalb von Rīga, mit dem blassen Schimmer, in welcher Richtung die Lagerhalle des Anbieters zu finden sei. Mit dem studentischen Viertel Verspätung betreten wir das Gelände.
Beethovens Neunte als Hintergrundmusik. Drei Menschen. Der erste mit einer Fräse in der Hand, die Löcher im Asphalt ausschneidend. Der zweite auf seinen Ballen wippend, den ersten beobachtend. Die dritte, mit Telefon, schrille Unterhaltung.


Das erste Mal kommt der Gedanke auf: "O-oh." Ein wenig Angst im Bauch, die vor allem dadurch geschürt wird, das Mensch Nummero Zwo auf uns zugeeilt kommt. In schmutziger, zerlumpter Armeekleidung und kaputten, schwarzen Stiefeln kommen die vom Nikotin gelb verfärbten Zähne und der radikale Bürstenhaarschnitt perfekt zur Geltung. Er erinnert mich an eine Figur aus Borcherts Drama "Draußen vor der Tür". Vladimir spricht nur Russisch. Ob das daran liegt, dass er nur noch ein Ohr hat, wissen wir nicht. Nach einer Minute Zeichensprache haben wir uns verständlich gemacht: Wir sind hier, um uns die Möbel anzuschauen. Vladimir grinst, nickt und rennt. Nach fünfzehnminütigem Hin- und Hergerenne, diversen missverstandenen Wortwechseln, landen wir im Büro des Chefs. Der BMW-fahrende, gut gekleidete Endvierziger spricht zwar Englisch, hat aber keine Ahnung, mit wem wir reden wollen. Glücklicher Weise gibt es eines überall in Lettland problemlos: Internet. Fünf Minuten später ist "Kaspars" verständigt worden und der Besitzer macht sich auf den Weg. Kurz vor um eins, mit typisch lettischer Pünktlichkeit, trudelt besagter älterer Herr auch endlich ein. Auf geht's ins Möbelparadies.


Als er die uralte Holztüre öffnet, schießt mir ein zweites Mal "O-oh." durch den Kopf. Das ist keine Lagerhalle. Okay, es ist eine lettische Lagerhalle. Die eine Wand wird durch Bauschaum gedämmt, die gegenüberliegende ist nur von morschen Holzlatten verkleidet. Der Boden: abwechselnd Stein und Holz. Ein Hauch von Schwarzschimmel in der Luft. Staubpartikel tanzen im Schein der einsam von der Decke hängenden, das ganze in theatralisches Licht tauchenden Glühbirne. Auf 60 Quadratmetern tummeln sich semineue und alte, antike und moderne Sofas, Sessel und Klappcouches, alles querbeet. Die verranzten Schnäppchen stehen direkt neben den teuren, gut gepflegten Italienersofas. Charmant dazwischen trapiert: Fahrräder, die zu gut und zu neu aussehen, um (lange) gebraucht zu sein, was mal wieder die These unterstützen könnte, dass alle Fahrräder, die man hier erstehen kann, geklaut sind. Fast ein wenig wie Flohmarkt. Nach Hin- und Herstreifen zwischen Ledercouches und gestreiften Stoffbezügen, unterbrochen nur von Vladimirs unverständlichem Gebrabbel, haben wir doch tatsächlich zwei Schnäppele gefunden, die es in einer abenteuerlichen Transporterfahrt quer durch Rīga sogar noch am selben Nachmittag zu uns ins Wohnzimmer geschafft haben. Dort wurden sie gebonert und gescheuert, bis das Grau wieder Cremefarben und das Wasser im Wischeimer schwarz war.


WILLKOMMEN DAHEIM!

Friday, October 18, 2013

Regen, Muffins und ein Femurnagel

Regen in Rīga. Er ist nicht nur unberechenbar, sondern auch vielfältig. Allein auf meinem Weg in die Stadt musste ich mich mehrmals umentscheiden, was die Frage "Regenschirm ja oder nein?" angeht. Es gibt den harmlosen Tröpfelregen, den man als Prelude zur Stufe IIA - Tröpfelregen mit Windböen - sehen kann. Wenn man beim abrupten Umschwung von Stufe I zu II nicht schon dem verlorenen gegangen Regenschirm hilflos nachblinzelt, wenn er Richtung Straßengraben segelt, sollte man besagten Griff noch stärker umklammern, denn Stufe III lässt meist nicht lange auf sich warten: der heftige, platschende Landregen. Da Letten generell nichts von Mützen oder Kapuzen zu halten scheinen, kann man nur hoffen, dass man im Regenschirmgewirr der Straßen nicht untergeht. Unterbrochen wird Stufe III gern von Stufe IIB. Orkanwindartige Interludes haben mir heute mehrfach die Geduld und ebenso häufig fast den Schirm gekostet. Ich dachte, das Slapstick artige Komplettumkrempeln gehört eher in die Rubrik "Außergewöhnliches". Ich wurde repetitiv eines Besseren belehrt. Wenn man sich, als Nichtlette, entnervt dazu entschlossen hat, den Schirm Schirm sein zu lassen, kommt der Umschwung. Zurück zu Stufe III.
Herbst, du machst es mir manchmal nicht leicht, dich zu lieben!

Das Schöne an Tagen wie diesen ist, dass man fast schon dazu gezwungen ist, es sich gemütlich zu machen. Genau das haben Johanna und ich heute zelebriert. Erst das tief entspannte Schmöckern im wundervollen Robert's books-Store und anschließend Muffin naschen im niedlichsten und winzigsten Café, was ich hier in Rīga bisher gesehen habe. Hoch lebe das Erasmus-Leben!

Um das Klischee nicht vollständig zu bedienen: gestern Abend gab es Sectio Chirurgica live aus Tübingen mit einer Femurmarknagelung. Die vorbildlichen Medizinstudenten Martin, Johanna und Stephanie haben sich natürlich zum gemeinsamen Weiterbildungsabend getroffen und das ganze tot ernst genommen! So ernst, dass wir danach noch stundenlang in Johannas Küche saßen und medizinische Sachverhalte ausdiskutiert haben. Passend dazu wurden Speck, Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten anatomisch korrekt seziert und zusammen mit Bandnudeln zu einer Speichel tropfenden Köstlichkeit arrangiert, die man dann, um die konstante Glucosezufuhr des Gehirns zu gewährleisten, natürlich in Gesellschaft und unter ständigem Gedankenaustausch zu sich genommen hat.

Eine gute Nachricht gibt es noch zu verkünden: unsere Heizung hat mittlerweile Hauttemperatur erreicht! Wenn man die Wohnung betritt, könnte man fast dem Trugschluss erliegen, dass es doch tatsächlich wärmer wird. Ich liebe dich, Psyche!

Das Wetter ist immer noch miserabel. Und jetzt habe ich nichts mehr, um mich selbst vom Psychiatrie-Class-vorbereiten ablenken zu können.
Kopf über hinein ins Strukturformellernen für das erste Testat am Montag (Ja, in Psychiatrie...).
Auf geht's!

Tuesday, October 15, 2013

Paradoxon: Intensive Care

Es ist kalt.
Nicht im Sinne von Minusgraden auf dem Thermometer. Von Gänsehaut und Muskelzittern. Oder blauen Lippen und blassen Fingern.
Auch löst es kein ausgehungertes Verlangen nach dicken Socken und Wollpullovern aus.

Es ist kalt. Emotional gesehen.

Das dunkelbraun-in-steril-weiß der Zimmer. Das giftige Grün der Vorlagen. Das eisige Hellblau der Patientenmappen.
Monotonie. Sei es die Farbwahl oder das schrille Piepen der Instrumente.
In ihrer Nacktheit, nein, extremer noch: Blöße, nur dürftig bedeckt von einem dünnen, weißen Lacken sind sie alle gleich. Uniform. Kein Lächeln. Keine Fältchen um die Augen. Nicht mal ein Mundwinkelzucken.
Die müden Hände werden durch Manschetten (manchmal auch nur in Streifen gerissene Stoffe) an der Seite des Körpers gehalten. Der Gedanke geht durchs Hirn: Das ist grundlos. Da ist kein Wille mehr. Kein Kampf um Freiheit.
Nur Ergebenheit dem Schicksal gegenüber, im blinden Vertrauen zu den Menschen in weiß, sie um sie herumschwirren. Schwirren wie Fliegen. Grußlos. Wortlos. Grenzen durchbrechend in ihrer Privatsphärenwahrung.
"Dieser Patient ist interessant." Der Standardsatz. Erschütternd, nicht wahr?
Der Patient. Interessant.
Würde man so nicht ein theoretisches Konstrukt oder die Wirkweise einer Maschine beschreiben? Oder ein Kunstwerk, welches man mit Abstand und Unwissen betrachtet.

Entwertung, das ist es, was ganz, ganz tief im See dieser simplen Beschreibung rumort. Nicht bewusst, nein. Aber tief, tief, tief ist sie da, die Entwertung als Mensch. Die Demütigung. Unleugbar. Man will die Augen abwenden und kann nicht.
Man beginnt, seine Gefühle von den rationalen Gedanken zu trennen und der Erläuterung des Professors zu folgen.

Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Chronischer Alkoholabusus,  Myokardiopathie. Kammerflimmern. Defi. Intensivstation. Und wieder zurück auf die Straße. Alltag.

Ab und an ein Mundwinkelzucken. Ein Lächeln? Wer weiß.

Friday, October 11, 2013

Dynamo und Dinamo

Es gibt Momente im Leben, in welchen man sich selbst als 22jährige denkt: "Verdammt, bin ich A L T!"

Sei es in der Disco, umringt von 16jährigen, in der Horde Erasmusstudenten, wo der Durchschnitt scheinbar 19 beträgt, oder - ganz klassisch - im Zumbakurs am Mittwochabend, in den scheinbar alle Schulmädchen rein wollen. Wenn mich mal wieder die Alterserscheinungen wie Rückenschmerz oder schwache Augen plagen, habe ich mittlerweile ein paar sehr gut funktionierende Defense Mechanism etabliert. Psychoanalytiker würden das wohl in die Rubrik "Sublimation u.ä." schieben. Denn Steffi fängt an Sachen zu machen, von denen sie sonst am liebsten die Hände lässt.
Backen, zum Beispiel. Rationalisiert habe ich das ganze mit der Erklärung, dass die Wohnung ja irgendwie warm werden muss. Gleichzeitig haben mich die Zimtschnecken, die meine Mitbewohnerin aus dem übrig gebliebenen Pizzateig gebacken hat, inspiriert. Diese zuckersüßen Hefegebäckteilchen wollte ich schon seit Jahren backen - am liebsten mit Maja! - aber sie aus Chemnitz zum Backen anreisen zu lassen ist doch etwas zu egozentrisch. Also, erster Schritt zum Spannungsabbau: Zimtschnecken backen!
Schritt Nummer 2: Karotten-Brot backen. Unglaublich lecker - das mache ich wieder!

Freitag Abend kam wieder ein wenig Heimweh an, nicht zuletzt dadurch, dass meine Eltern und ich geskypt haben. Verbindung: Chemnitz - Tianjin - Rīga. Drei Zeitzonen, vier Personen und ein Kater. Manchmal schweifen meine Gedanken ab. Zum Gedankenexperiment Weihnachtszeit. Aber bekanntlich soll man jeden Stolperstein nehmen, wenn er kommt. (Ich war noch nie gut, wenn es um Sprichworte geht.)
Der Heimwehhammer meine Freunde betreffend, kam ein paar Stunden später. Wir waren Sushi essen im neu eröffneten Tokyo City Restaurant in Vecrīga. Johanna, Martin und drei BWL-Erasmusstudenten von der LU (Bernd, Isabel und Eric). Es war ein wenig wie mein aller, aller erstes Sushi auf dem Weißen Hirsch. Zwei Leutchen, die man gut kennt und drei relativ Unbekannte, die man während des Essens noch besser kennen lernen wird. Genau wie im Sushi&Wein haben wir uns vollkommen überfressen. Das einzige, was gefehlt hat, war die Weinflatrate! (Ausgleichend dafür ein Besuch im ShotCafé. Hier das Jugendelixier: als Einzige nach dem Ausweis gefragt werden.)
Vielleicht auch besser so, denn am Samstagmorgen hieß es früh aufstehen und ab nach Cēsis!

Wie, was, wo - schon wieder? Ja, allerdings dieses Mal im schönsten Sonnenschein und in anderer Begleitung: Johanna, Martin, ihr gemeinsamer Buddy Dace, ihre Freundinnen Valerija, Anna und Krista, sowie ein Hocke-spielender Finne dessen Namen ich weder aussprechen noch mir merken konnte. Die Busfahrt hat zwei Stunden gedauert und war glücklicher Weise bis auf den Fakt, dass mehr Tickets als Sitzplätze vergeben wurden, relativ unspannend. Angekommen im herbstlich gelbroten Cēsis wanderten wir durch die Altstadt, besuchten die älteste der drei Kirchen (13.Jahrhundert, wenn ich mich richtig erinnere) und natürlich das wundervoll alte Schloss, was ich schon beim letzten Mal von Innen gesehen habe. Danach ab in den Park, den wir beim letzten Mal nur aus der Ferne gesehen haben und schließlich in die beste Pizzeria in Cesis. Yummi! Ausklingen lassen haben wir diese Abenteuerreise im Pavillon im Park mit Balzams, Keksen, Kuchen und jeder Menge Zimtschnecken. Gegen halb 9 am Abend waren wir wieder in Rīga, tranken noch ein letztes Bier und ab ging es in die Heia!

Sonntag, Sonnenschein! Womit habe ich dieses Glück nur verdient?
Zur Feier des Tages habe ich die Küche von oben bis unten geschrubbt. Im Übrigen ein weiterer Trick, um sich vom Trauma des Älterwerdens abzulenken.
Nebenher lief JUMP und erzählte mir von Vettels phänomenalem Sieg in Japan und vom Staugeschehen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Tief in die gräuliche Suppe des Fensterputzexzesses vertieft, hatte ich es nicht wahrgenommen, dass die liebe Moderatorin irgendwann verkündete, dass es doch schon 3 Uhr ist.
Erst bei den Nachrichten um halb vier deutscher Zeit hat mein Hirn realisiert, dass ich so langsam in die Puschen kommen sollte! Die Zeitverschiebung und das Radiohören werden mir irgendwann noch das Genick brechen. Apropos: diesen SuperGAU haben wir in den folgenden drei Stunden glücklicher Weise nicht erlebt. Nur eine überdehnte Schulter und das ein oder andere Blutspucken.

DI-NA-MO! DINAMO RĪGA!  DI-NA-MO! DINAMO RĪGA!  DI-NA-MO! DINAMO RĪGA!  DI-NA-MO! DINAMO RĪGA!

Mein erstes Ice-Hockey-Spiel.
Dinamo Rīga gegen Magņitogorskas Metallurg. Ein wirklich gutes Spiel! Das erste Drittel verpasst (0:1), das zweite ein wenig zäh (0:2) doch im dritten ging es rasant zur Sache (2:2) und in der Nachspielzeit wurde der Siegestreffer zwei Minuten vor Ablauf der Zeit verwandelt. 3:2 für Riga! Wenn dieser Adrenalinrausch mal nicht süchtig macht! Gute Plätze in der ersten Reihe hinter den Spielern, direkt vor uns die Bande und auch wenn niemandem ein Zahn ausgeschlagen wurde, war es ein guter Einstand in DEN Nationalsport Lettlands.

Erst heute ist mir bewusst geworden, dass ich eine D(y/i)namo-Stadt gegen eine andere ausgetauscht habe. Neben dem amüsierenden Fakt, dass die lettische Landesvorwahl die selbe wie die Stadtvorwahl meiner Heimat ist, ein weiteres Zeichen, dass ich alles richtig gemacht habe!

Zimtschneckchen!
Yummi!
28.09.13 (oben) & 12.10.13 (unten)
Dace, Krista, Valerija, Martin, Johanna, Yrjö, Anna und ich
Di-na-mo!!

Wednesday, October 9, 2013

Der Retter in Gelb

Weisheit der Woche: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der DHL-Mann her.

Seit dem 29.09. befand sich das fast-30-Kilogramm-Paket meiner Eltern in Riga. Nur nicht bei mir.
Am Montag kam es endlich an. Gerade in der letzten Sekunde, sodass ich es auf der Suche nach meinem Arztkittel ausweiden und mich danach auf den langen Weg zum Krankenhaus Ost (auch genannt Gaiļezers) machen konnte. Wo ich weder Kittel noch kurz zuvor in einer Hast erstandene, weiße Plastikschuhe für die Einführungsvorlesung in "Extreme and Wilderness Medicine" brauchte. Nächstes Mal!

Gaiļezers . Als Martin meinte, es sei groß, dachte ich an Dresden, nur mit ein paar Stockwerken mehr. Ja, ich bin naiv. Das Ding ist RIESIG. Der Ostblockcharme der weiß-blauen, bis zu zehn Stockwerke hohen Gebäude wird besonders im regnerischen Nieselwetter mit Gegenwind hervorgehoben. Im Inneren ein Labyrinth an Stationen, Untersuchungszimmern, Ambulanzen und Funktionsabteilungen, scheinbar wirr über die gesamte Fläche verteilt. Da ist das Büro der Gynäkologen gleich neben den Endokrinologen, die sich die Kaffeeküche wiederum mit den Oberärzten der Anaesthesie teilen. Sowjetischer Pragmatismus, möchte man meinen.
Nach zwanzigminütigem Umherirren hatten Martin und ich endlich einen Hinweis bekommen, dass besagte Lecture doch tatsächlich schon seit 5 Minuten begonnen haben soll. Das einige Problem: auf dem BlackBoard-Aushang stand weder Raum noch Station. Nur der Verantwortliche mit seiner Handynummer. Nach weiteren fünf Minuten abwägen, ob wir ihn wirklich anrufen sollen (Oh, die Angst vor der Autorität!), hatte ich schlussendlich einen lieben, alten Mann am Telefon, der uns wenige Momente später die Tür zur Intensivstation und seinem Büro öffnete. Vorlesung, dieses mal mit - haltet euch fest - 80% Belegung der Stühle (okay, okay: acht Studenten und zehn Stühle. Aber immer hin!), in seinem Büro. Auf den ersten Blick wirkt der Professor wie ein gutmütiger Opa. Sobald er aber anfängt, über das Überleben in der Wildnis zu reden, sein Lieblingsbuch herumreicht, in welchem man nicht nur die korrekte Art ein Iglu zu bauen (essentiell für lettischen Winter) nachschlagen kann sondern auch noch eine Erklärung für die korrekte Zubereitung eines selbst erlegten Wildes über offenem Feuer nur mit einem Stock und Strick erhält, spätestens dann erkennt man in den Augen den Glimmer von Abenteuer und Entschlossenheit. Das wird eine wunderbare Class ab Montag!

Zurück aus der Krankenhauskleinstadt mit eigenem Postbezirk habe ich mich zu Hause wieder wie eine Geierwalli (liebevoller Ausdruck meiner Frau Mama) auf das Paket gestürzt. Um den ausgelatschten, aber absolut passenden Spruch überzustrapazieren: das war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen!! Kuschelwuscheldecke, Kuschelwuschelsocken, Pullover, Stiefel, Mantel, Geschirr, Marmelade, Kaffee (jedes Westpäkl braucht den!!), Süpentutten... äääh... Tütensuppen und Süßkram. Ganz, ganz unten: ein Brieflein von Bruderherz und Familie. Was gibt es Schöneres?

Die Krönung des Abends war die erste Chorprobe. Zwar kam ich mir ein wenig hilflos vor, als die junge Dame (Anfang 20), die neben mir saß, kein Wort Englisch konnte und ich in alltagsuntauglichem Lettisch versucht habe, mich vorzustellen, aber was Musik bekanntlich alles schaffen kann... ich gehe definitiv wieder hin! Und sei es nur wegen den tollen Liedern, die wir erarbeitet haben! Da lernt sich die Sprache gleich doppelt so schnell.

Morgen habe ich Abschlussexamen in Psychosomatik. Ein witziger Gedanke. Die Seminarstunden kamen mir eher wie Gruppentherapie und Psychoedukation vor, wie prüft man sowas? In zehn Multiple Choice Questions?

Eine Frage weiß ich jetzt schon: "Wie fühlst du dich heute?"
Gut, danke der Nachfrage.

(Ganz zum Schluss: liebste Grüße nach China!)

Sunday, October 6, 2013

Hallo, Herbst!

Und schon ist Oktober. Jetzt sind es fast zwei Monate, die ich in Riga bin und der Gedanke, diese schöne Stadt im Juni schon verlassen zu müssen, macht mich traurig. Die perfekte Ablenkung: der offizielle Beginn meiner ersten Class. Psychosomatik. In Deutschland würde man dieses tägliche Beisammensitzen von zehn Studenten wohl als Seminar bezeichnen. Obwohl ich bisher nur zweimal die Freude hatte, zwischen den wahnsinnig an Erasmus interessierten Kommilitonen zu sitzen, hat mir das Fach mit seiner Andersartigkeit doch schon Tür und Tor zum Verständnis geöffnet. Hätte ich gewusst, dass Freud und Co. doch noch so interessant werden können, hätte ich vielleicht in der Medizinischen Psychologie ein wenig aufmerksamer die Ohren gespitzt. Manchmal kommt die Psychologophilie später als gedacht.

Zugegebener Maßen waren die ersten Stunden auch eher der Einstimmung gedacht. Nicht auf das Fach an sich, nein. Die fachliche Seite war von Beginn an zu 100% da. An den Dozenten und seinen Mangel an personal-space-Wahrnehmung musste ich mich jedoch erst einmal gewöhnen.
In Deutschland halten die Dozenten Abstand vom Studenten und vice versa. Nicht umsonst sagte ein schlauer Professor einmal: "Im Krieg und in der Vorlesung sind die sichersten Plätze hinten." Dem Motto getreu quetscht sich die Studentenschaft auch in den kleinsten Hörsälen in die hintersten Reihen und wenn man es nicht schafft, mindestens eine Reihe Sicherheitsabstand zum mit Wissen ansteckenden Dozenten zu halten gibt es nur eine Konsequenz: nächstes mal zehn Minuten vor allen anderen in den Hörsaal rennen. Auch die vom Aussterben bedrohte Art des Kontakt suchenden Dozenten hält instinktiv Abstand. Die Vorlesung mag mit einem verschmitzten Lächeln und dem Erklimmern der ersten Sitzreihen beginnen, doch spätestens auf  Augenhöhe mit der Horde der Homo sapiens studiensis hält auch der furchtloseste Dozent inne, besinnt sich seines deutschen Sinnes für soziale Distanz und achtet penibel darauf, dass mindestens zwei Stuhlreihen ihn von besagter Art Mensch trennen. Nicht so der russisch-lettische Jungspund aus der Psychosomatik. Anstatt sich hinter seinem Laptop zu verschanzen wie es jeder Vorlesende vor ihm getan hat, nimmt er zu Beginn der Stunde demonstrativ den Stuhl in die Hand, stellt ihn direkt vor uns und macht es sich bequem. Wenn er uns nicht mit seinen Augen durchbohrt, da ihm scheinbar auch die mitteleuropäische Art des Blickkontaktunterbrechens zur Anspannungsentlastung des Gegenübers nicht geläufig ist, nippt er an seinem Kaffee mit Irish-Cream-Aroma. Mittlerweile haben wir uns an die Starrduelle gewöhnt und können uns endlich gedanklich dem Thematischen widmen. Drei fundamentale Statements von Tarass in der ersten Stunde: Man kann das Leben eines Menschen in einer 15minütigen Sitzung vollkommen ändern. Gefühle sind Infektionen. 99 Prozent der Menschen wissen, was die Antwort zu ihrem Problem ist, haben aber nicht den Mut, diese laut auszusprechen geschweige denn umzusetzen.

Samstag war es soweit: Steffi schmeißt ne Pizzaparty! Hallelujah! Ähnlich wie bei meiner überdimensionierten Abschiedsfete, die mir mit all ihrem Chaos immer noch ein Grinsen ins Gesicht treibt, habe ich es bei der Gästeliste für Samstag ein wenig übertrieben. Das Ende vom Lied: 15qm Küche, 20 Mann unterschiedlichster Nationalität, 6kg Pizzateig, 10 Pizzen, ein Ofen, zwei Bleche und viel, viel Spaß. UND: ZUM ERSTEN MAL EINE WARME WOHNUNG! Fünf Mann ersetzen eben auch eine Heizung.

Nach dem wundervoll sonnigen Samstag, den ich mit Teig kneten, protionieren und sonstigen Vorbereitungen an mir habe vorbeiziehen lassen, hatte ich die Hoffnung auf einen ebenso tollen Sonntag. War wohl nix. Wenn man morgens schon aufweckt und das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt hört, weiß selbst der größte Optimist, dass dieser graue Himmel heute nicht mehr strahlend blau wird. Wir waren dennoch im Ķemeru nacionālais parks , der eine Stunde von Rīga entfernt sich in scheinbar unendliche Weiten erstreckt. Auf einem der vielen Holzbohlenwege marschierten wir durch den Sumpf. Bei Sonnenschein oder auch verschneit und zugefroren im Winter muss dieser Ort ein wunderschönes, idyllisches Bild abgeben. Wir haben die volle Ladung herbstlichen Nieselwetters abbekommen. Dem zum Trotz war es ein schöner Ausflug. Ich liebe es, durch die herrlichen Weiten der lettischen Natur zu stapfen. Die Assoziation zu Frodo, Sam und Gollum, die sich ihren Weg nach Mordor durch ein Moor toter Menschen bahnen, ging trotzdem nicht an mir vorüber. Ein wenig Paranoia steckt wohl schon in mir.

Morgen ist Montag. Die fundamentale Tragweite dieses Satzes ist wohl nur den Bewohnern von Brīvības iela 110 ein Begriff. Denn ab Montag um 9Uhr bis Mittwoch um 10Uhr wird unsere Warmwasserversorgung gekappt. Zur Feier des Tages sitze ich, über eine Kerze gebeugt, damit meine mimische Muskulatur nicht einfriert, in meinen Mantel eingehüllt, die Decke um meine Beine geschlungen und das zur Wärmflasche umfunktionierte leere Gurkenglas zu meinen Füßen vor meinem Tablet und friere mir die Fingerspitzen ab.
Also, auf geht es in eine neue Woche. Der Einklang dazu kommt von Nancy McWilliams und nennt sich "Defense Mechanisms of the Psyche". Abgründe der menschlichen Seele, ich komme!