Wednesday, October 9, 2013

Der Retter in Gelb

Weisheit der Woche: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der DHL-Mann her.

Seit dem 29.09. befand sich das fast-30-Kilogramm-Paket meiner Eltern in Riga. Nur nicht bei mir.
Am Montag kam es endlich an. Gerade in der letzten Sekunde, sodass ich es auf der Suche nach meinem Arztkittel ausweiden und mich danach auf den langen Weg zum Krankenhaus Ost (auch genannt Gaiļezers) machen konnte. Wo ich weder Kittel noch kurz zuvor in einer Hast erstandene, weiße Plastikschuhe für die Einführungsvorlesung in "Extreme and Wilderness Medicine" brauchte. Nächstes Mal!

Gaiļezers . Als Martin meinte, es sei groß, dachte ich an Dresden, nur mit ein paar Stockwerken mehr. Ja, ich bin naiv. Das Ding ist RIESIG. Der Ostblockcharme der weiß-blauen, bis zu zehn Stockwerke hohen Gebäude wird besonders im regnerischen Nieselwetter mit Gegenwind hervorgehoben. Im Inneren ein Labyrinth an Stationen, Untersuchungszimmern, Ambulanzen und Funktionsabteilungen, scheinbar wirr über die gesamte Fläche verteilt. Da ist das Büro der Gynäkologen gleich neben den Endokrinologen, die sich die Kaffeeküche wiederum mit den Oberärzten der Anaesthesie teilen. Sowjetischer Pragmatismus, möchte man meinen.
Nach zwanzigminütigem Umherirren hatten Martin und ich endlich einen Hinweis bekommen, dass besagte Lecture doch tatsächlich schon seit 5 Minuten begonnen haben soll. Das einige Problem: auf dem BlackBoard-Aushang stand weder Raum noch Station. Nur der Verantwortliche mit seiner Handynummer. Nach weiteren fünf Minuten abwägen, ob wir ihn wirklich anrufen sollen (Oh, die Angst vor der Autorität!), hatte ich schlussendlich einen lieben, alten Mann am Telefon, der uns wenige Momente später die Tür zur Intensivstation und seinem Büro öffnete. Vorlesung, dieses mal mit - haltet euch fest - 80% Belegung der Stühle (okay, okay: acht Studenten und zehn Stühle. Aber immer hin!), in seinem Büro. Auf den ersten Blick wirkt der Professor wie ein gutmütiger Opa. Sobald er aber anfängt, über das Überleben in der Wildnis zu reden, sein Lieblingsbuch herumreicht, in welchem man nicht nur die korrekte Art ein Iglu zu bauen (essentiell für lettischen Winter) nachschlagen kann sondern auch noch eine Erklärung für die korrekte Zubereitung eines selbst erlegten Wildes über offenem Feuer nur mit einem Stock und Strick erhält, spätestens dann erkennt man in den Augen den Glimmer von Abenteuer und Entschlossenheit. Das wird eine wunderbare Class ab Montag!

Zurück aus der Krankenhauskleinstadt mit eigenem Postbezirk habe ich mich zu Hause wieder wie eine Geierwalli (liebevoller Ausdruck meiner Frau Mama) auf das Paket gestürzt. Um den ausgelatschten, aber absolut passenden Spruch überzustrapazieren: das war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen!! Kuschelwuscheldecke, Kuschelwuschelsocken, Pullover, Stiefel, Mantel, Geschirr, Marmelade, Kaffee (jedes Westpäkl braucht den!!), Süpentutten... äääh... Tütensuppen und Süßkram. Ganz, ganz unten: ein Brieflein von Bruderherz und Familie. Was gibt es Schöneres?

Die Krönung des Abends war die erste Chorprobe. Zwar kam ich mir ein wenig hilflos vor, als die junge Dame (Anfang 20), die neben mir saß, kein Wort Englisch konnte und ich in alltagsuntauglichem Lettisch versucht habe, mich vorzustellen, aber was Musik bekanntlich alles schaffen kann... ich gehe definitiv wieder hin! Und sei es nur wegen den tollen Liedern, die wir erarbeitet haben! Da lernt sich die Sprache gleich doppelt so schnell.

Morgen habe ich Abschlussexamen in Psychosomatik. Ein witziger Gedanke. Die Seminarstunden kamen mir eher wie Gruppentherapie und Psychoedukation vor, wie prüft man sowas? In zehn Multiple Choice Questions?

Eine Frage weiß ich jetzt schon: "Wie fühlst du dich heute?"
Gut, danke der Nachfrage.

(Ganz zum Schluss: liebste Grüße nach China!)

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