Tuesday, October 15, 2013

Paradoxon: Intensive Care

Es ist kalt.
Nicht im Sinne von Minusgraden auf dem Thermometer. Von Gänsehaut und Muskelzittern. Oder blauen Lippen und blassen Fingern.
Auch löst es kein ausgehungertes Verlangen nach dicken Socken und Wollpullovern aus.

Es ist kalt. Emotional gesehen.

Das dunkelbraun-in-steril-weiß der Zimmer. Das giftige Grün der Vorlagen. Das eisige Hellblau der Patientenmappen.
Monotonie. Sei es die Farbwahl oder das schrille Piepen der Instrumente.
In ihrer Nacktheit, nein, extremer noch: Blöße, nur dürftig bedeckt von einem dünnen, weißen Lacken sind sie alle gleich. Uniform. Kein Lächeln. Keine Fältchen um die Augen. Nicht mal ein Mundwinkelzucken.
Die müden Hände werden durch Manschetten (manchmal auch nur in Streifen gerissene Stoffe) an der Seite des Körpers gehalten. Der Gedanke geht durchs Hirn: Das ist grundlos. Da ist kein Wille mehr. Kein Kampf um Freiheit.
Nur Ergebenheit dem Schicksal gegenüber, im blinden Vertrauen zu den Menschen in weiß, sie um sie herumschwirren. Schwirren wie Fliegen. Grußlos. Wortlos. Grenzen durchbrechend in ihrer Privatsphärenwahrung.
"Dieser Patient ist interessant." Der Standardsatz. Erschütternd, nicht wahr?
Der Patient. Interessant.
Würde man so nicht ein theoretisches Konstrukt oder die Wirkweise einer Maschine beschreiben? Oder ein Kunstwerk, welches man mit Abstand und Unwissen betrachtet.

Entwertung, das ist es, was ganz, ganz tief im See dieser simplen Beschreibung rumort. Nicht bewusst, nein. Aber tief, tief, tief ist sie da, die Entwertung als Mensch. Die Demütigung. Unleugbar. Man will die Augen abwenden und kann nicht.
Man beginnt, seine Gefühle von den rationalen Gedanken zu trennen und der Erläuterung des Professors zu folgen.

Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Chronischer Alkoholabusus,  Myokardiopathie. Kammerflimmern. Defi. Intensivstation. Und wieder zurück auf die Straße. Alltag.

Ab und an ein Mundwinkelzucken. Ein Lächeln? Wer weiß.

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