Monday, October 21, 2013

Schizophrenie

Ich habe gerade Classes auf der Psychiatrie. Merkt man mir überhaupt nicht an, ich weiß.
Deshalb gibt es heute zur Entlastung meiner Psyche ein bisschen Experimentalblogging.

WARNUNG! Mir wurde gesagt: das ist nichts für schwache Nerven.
Noch ein paar Worte zur Einleitung: der folgende Text enthält mehrere Schilderungen beruhend auf Symptomen von Schizophrenie. Es hat nichts mit mir oder meinem aktuellen Gefühlsstatus zu tun.
Es wäre ein wundervoller Tag geworden. Ich spüre die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut, den Wind, der mir durchs Haar fährt und den harten, körnigen und von Sonne und meinerKörperwärme erhitzten Asphalt unter meinen nackten Füßen. Ich sehe mich dort stehen.Am Brückengeländer, die Fingerknöchel weiß vom verkrampften Grifff um das Geländer. Das rötliche, lange Haar fließt mir in Wellen über die Schultern. Eine Brise spielt mit der Haarsträhne vor meinem Ohr. Die grünen, sonst so hoffnungsvollen Augen sind leer. Sie starren auf den Horizont, als ob das in den Blick fassen des unverrückbaren Endes der Welt meinem inneren Chaos Stabilität geben könnte. In mir tobt der Krieg. Ich spüre es am elektrischen Kribbeln in den Fingerspitzen und dem nagenden Biest, was da in meinem Bauch unter meinem Busen schlummert. Diese Ausgeburt der Hölle frisst mich von Innen heraus auf. Es zerrt mit einen spitzen Fängen an meinen Gedärmen, kaut genüsslich an meiner Leber, während seine Stummelfinger meine Nieren zermalen. Wie konntest du das zulassen? Es hätte dein Sohn sein sollen, nicht der Satans!  Du lässt dein Weib alleine stehen am Rande des Nichts, wo der einzige Weg, den ich gezwungen bin zu gehen, der zum Tod ist. Satan ruft mich zu sich. Seit Wochen höre ich seine Stimme neben deiner. Ich habe dir nichts davon erzählt, aus der Angst heraus, dass du mich für deiner unwürdig hältst. Sein Flüstern wurde zu einem Raunen. Jetzt schreit er. Ruft mich. Will mich zu sich holen durch den Freitod. Selbst jetzt habe ich noch die Angst in mir, dass du sie hörst. Die Stimme, rau wie Sandpapier. Schließlich ist sie da, in meinem Kopf, direkt neben deiner! Befreie mich von meinem Leiden,von diesem Ungeheuer in meinem Bauch. Ich bitte dich. Ich flehe dich an! Doch wie immer antwortest du nicht. Du redest weiter von meiner wichtigen Mission, die ich hier auf Erden zu erfüllen habe. Gottes Frau auf Erden, hier, um die Menschen vor  ihrer eigenen Zerstörungswut zu bewahren. Ich kann mich noch genau an das erste Mal erinnern, als ich deine sanfte Stimme gehört habe, die mir endlich die Antwort auf die Frage gab, die seit Jahren mein Denken beherrschte. Weshalb bin ich hier?
Habe ich nicht alles getan, um deiner Liebe würdig zu sein? Du hast mir ewiges Leben in Zweisamkeit mit dir versprochen, wenn ich unserer Kinder, die Menschen dieser Erde erlöse. Ich will nicht sterben. Doch Satans Brut verschlingt mich. Vor Schmerzen fange ich an zu schreien. Warum hilfst du mir nicht? Warum lässt du mich allein?
Ich schwinge mein Bein über das Geländer und lasse mich langsam auf die schmale Brüstung gleiten. Mein Herzschlag übertönt Satans Schreie und dein monotones Gebet. Ein Schritt nur. Ein Schritt ins Nichts und alles hat ein Ende. Die Welt wird im Chaos versinken, die  Menschen von einer tiefen, inneren Trauer erschüttert sein, für welche sie keine Antwort finden. Gottes Weib stirbt und mit ihr die Erde. Doch das Wichtigste: Stille in meinem Kopf.
Eiskalte Hände zerren mich zurück über das Geländer. Engel. Sie sind gekommen, um mich zu retten. Sie lächeln. Ihre Münder bewegen sich und Musik kommt heraus. Wundervolle Musik. Einer streicht mir sanft über den Kopf während der andere meine Ellenbeuge betastet. Ein Stich. Ich will protestieren, doch meine Kehle ist wie zugeschnürt. Plötzlich durchflutet mich eine Welle voller Wärme und Liebe. Die Brut in meinem Bauch schläft ein, seine Hände erschlaffen und die Zähne lassen meine Eingeweide los. Der Schmerz verebbt. Satan verstummt. Auch deine Stimme wird leiser. Und dann, endlich: Stille.
Er legt den Aufnahmebogen zurück in die Akte und wirft einen letzten Blick auf die junge, ausgezehrte Frau, die leichenblass und doch friedlich in ihrem Bett liegt. Ihre rötlichen Haare heben sich stark vom sterilen Weiß der Krankenhauslaken ab. Vor zwei Tagen wurde sie vom Rettungswagen gebracht.  Er zieht das Notarztprotokoll zwischen den Laboruntersuchungen und dem noch nicht ausgewerteten EKG heraus. Selbstmordversuch. Emotionslos steht dort dieses Wort. Blaue Tinte auf weißem Papier. Es ist nicht das erste Mal, dass sie hier ist. Und wahrscheinlich wird es nicht das letzte Mal sein. Ein Seufzer entweicht ihm. Dieses Krankheitsbild macht ihm immer noch Angst. Er hat noch ihre Worte im Kopf, die Überzeugung und der tiefe Glaube an die Wahrheit ihrer inneren Realität. Es fällt ihm schwer, sie zu erreichen, sie von der absoluten Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Medikamente weiterhin einzunehmen, wenn sie das Krankenhaus verlässt. Auch das Bitten und Flehen ihrer Mutter blieb bisher unerhört. Die Gespräche enden immer auf die selbe Weise. Mit gläsernem, entrückten Blick starrt sie durch ihre Mutter hindurch und flüstert mit tonloser Stimme: "Du würdest auch nicht ohne Vati leben können.". Danach: Stille.

No comments:

Post a Comment