Wednesday, October 30, 2013

Und sonst so?

Wenn der Kopf zwischen Heimweh und Fernweh schwankt, ist man sich nie wirklich sicher, wo die Reise nun eigentlich hingehen soll. Noch interessanter ist die Frage aber, an welchem Punkt man sich gerade befindet, wenn diese beiden oppositionellen Gedanken im Hirn simultan aufeinander treffen und trotz ihrer eigentlich paradoxen Natur friedlich nebeneinander existieren. (Um die Psychoanalytikschiene für - versprochen! - ein letztes Mal zu strapazieren: das ist wie das Ego - gewordene Es. Und ja, zur Abwechslung mal nicht McWiliams, haha!) So ganz traue ich mir selbst nicht über den Weg, kommt es mir doch so vor als würde mein Ich nicht eine out-of-body- sondern eine out-of-space-Erfahrung haben. Es braucht eben doch mehr als Kisssen, Kerzen und Kaffeegeruch um eine Wohnung zu einer Heimat zu machen.

Glücklicher Weise kann ich behaupten, diesem Ziel Tag für Tag näher zu kommen. Und sei es mit einer Akustikgitarrre, die ich endlich mein Eigen nennen kann. Ein schnuggeliges Holzkorpus-Steg-und-Saiten-Ensemble von Fender, ein Jahr jung und von den beiden Schwedinnen anscheineind nie gespielt, hat bei mir ein neues Zuhause gefunden. Neben diesem Neuankömmling liegen die Noten des lettischen Chores, dem ich beigetreten bin. Nicht lachen, aber wir erarbeiten momentan fünf Lieder aus der Dreigroschenoper (Warum bin ich gleich nochmal ins nicht-deutschsprachige Ausland gegangen?). Diverse englische, schon sehr zerlesene Schmöker, erstanden in Robert's bookstore, kuscheln sich in meinem Bücherregal aneinander. Postkarten aus Mallorca, Rom, Cambridge, Dresden und Chemnitz hängen direkt neben dem Kursplan des Fitnessstudios. Eintrittskarten zur Oper und Eishockey umrahmen das TheBigBandTherapy-Plakat über meinem Schreibtisch. Es ist heimelig. Nur der Geurch ist selbst nach fast zwei Monaten immer noch ein wenig fremd.

Mein Handy vibriert. Es erinnert mich freundlich an den Brunch mit Johanna und ihrer Freundin Ina im InnocentCafé. Von diesem lecker-gemütlichen Frühstückchen bin ich gerade nach Hause gekommen. Freunde. Das ist das nächste, was diese Gegend zur Heimat werden lässt. Ob es meine Obermieter sind, bei denen ich mir ganz spontan und ohne Probleme einen Handgepäckstrolley ausleihen oder ihnen eine Möhre für mein eigens gebackenes Brot abschwatzen kann. Oder aber die Erasmustruppe, die sich fast jeden Donnerstag bei den Fünf Wölfen auf ein Bierchen trifft. Ob es die charmante, junge Dame ist, die mich immer wieder zum Sport animiert - gemeinsam macht es eben mehr Spaß - oder mein Kommilitone, der mir seine neuesten "Steffis-Hirn-macht-verrückte-Wendungen"-Hinweise in meinem vollgekleisterten Herold zeigt. Eigentlich ist es einerlei. Sie alle machen das Gesamtbild aus und Rīga damit zu einem noch schöneren Ort.

Was mir fehlt, ist meine Familie. Mein Brüderchen ist wahrscheinlich nun fast schon zwei Köpfe größer als ich. Meine Eltern waren Sushi essen - etwas, was ich nie habe kommen sehen. Und meine Großeltern verfolgen gespannt jede Folge des Waisenhauses für wilde Tiere. Vorgestern habe ich mir auch die Folge angeschaut, in welcher ich das erste Mal etwas im deutschen Free-TV ins Mikrophon stammele. Und wie Frau Mama so treffend meinte: "Du hast nicht mal gesächselt!". Eigentlich sollte ich wohl stolz auf mich sein, aber irgendwie bringt der Anblick der Farm, der Tiere, der so lieb gewonnenen Menschen vor allem eines hervor: Fernweh. (Nicht nur) Deshalb fliege ich morgen nach Kristiansand/Norwegen. Stine hat ein tolles Wochenende mit Wandern gehen, Halloweenparties und Filmnächten in Planung. Ich sehe uns schon die Mediathek von ARD durchstöbern und Simultanübersetzungen der besagten Sendung ansehen. 

Hauptsache die Taschentücher sind griffbereit.




Oben: mein neues Schmuckstück. Unten: die Geliehene von Dace.
Namibia

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