Es gibt Momente im Leben, in welchen man sich selbst als 22jährige denkt: "Verdammt, bin ich A L T!"
Sei es in der Disco, umringt von 16jährigen, in der Horde Erasmusstudenten, wo der Durchschnitt scheinbar 19 beträgt, oder - ganz klassisch - im Zumbakurs am Mittwochabend, in den scheinbar alle Schulmädchen rein wollen. Wenn mich mal wieder die Alterserscheinungen wie Rückenschmerz oder schwache Augen plagen, habe ich mittlerweile ein paar sehr gut funktionierende Defense Mechanism etabliert. Psychoanalytiker würden das wohl in die Rubrik "Sublimation u.ä." schieben. Denn Steffi fängt an Sachen zu machen, von denen sie sonst am liebsten die Hände lässt.
Backen, zum Beispiel. Rationalisiert habe ich das ganze mit der Erklärung, dass die Wohnung ja irgendwie warm werden muss. Gleichzeitig haben mich die Zimtschnecken, die meine Mitbewohnerin aus dem übrig gebliebenen Pizzateig gebacken hat, inspiriert. Diese zuckersüßen Hefegebäckteilchen wollte ich schon seit Jahren backen - am liebsten mit Maja! - aber sie aus Chemnitz zum Backen anreisen zu lassen ist doch etwas zu egozentrisch. Also, erster Schritt zum Spannungsabbau: Zimtschnecken backen!
Schritt Nummer 2: Karotten-Brot backen. Unglaublich lecker - das mache ich wieder!
Freitag Abend kam wieder ein wenig Heimweh an, nicht zuletzt dadurch, dass meine Eltern und ich geskypt haben. Verbindung: Chemnitz - Tianjin - Rīga. Drei Zeitzonen, vier Personen und ein Kater. Manchmal schweifen meine Gedanken ab. Zum Gedankenexperiment Weihnachtszeit. Aber bekanntlich soll man jeden Stolperstein nehmen, wenn er kommt. (Ich war noch nie gut, wenn es um Sprichworte geht.)
Der Heimwehhammer meine Freunde betreffend, kam ein paar Stunden später. Wir waren Sushi essen im neu eröffneten Tokyo City Restaurant in Vecrīga. Johanna, Martin und drei BWL-Erasmusstudenten von der LU (Bernd, Isabel und Eric). Es war ein wenig wie mein aller, aller erstes Sushi auf dem Weißen Hirsch. Zwei Leutchen, die man gut kennt und drei relativ Unbekannte, die man während des Essens noch besser kennen lernen wird. Genau wie im Sushi&Wein haben wir uns vollkommen überfressen. Das einzige, was gefehlt hat, war die Weinflatrate! (Ausgleichend dafür ein Besuch im ShotCafé. Hier das Jugendelixier: als Einzige nach dem Ausweis gefragt werden.)
Vielleicht auch besser so, denn am Samstagmorgen hieß es früh aufstehen und ab nach Cēsis!
Wie, was, wo - schon wieder? Ja, allerdings dieses Mal im schönsten Sonnenschein und in anderer Begleitung: Johanna, Martin, ihr gemeinsamer Buddy Dace, ihre Freundinnen Valerija, Anna und Krista, sowie ein Hocke-spielender Finne dessen Namen ich weder aussprechen noch mir merken konnte. Die Busfahrt hat zwei Stunden gedauert und war glücklicher Weise bis auf den Fakt, dass mehr Tickets als Sitzplätze vergeben wurden, relativ unspannend. Angekommen im herbstlich gelbroten Cēsis wanderten wir durch die Altstadt, besuchten die älteste der drei Kirchen (13.Jahrhundert, wenn ich mich richtig erinnere) und natürlich das wundervoll alte Schloss, was ich schon beim letzten Mal von Innen gesehen habe. Danach ab in den Park, den wir beim letzten Mal nur aus der Ferne gesehen haben und schließlich in die beste Pizzeria in Cesis. Yummi! Ausklingen lassen haben wir diese Abenteuerreise im Pavillon im Park mit Balzams, Keksen, Kuchen und jeder Menge Zimtschnecken. Gegen halb 9 am Abend waren wir wieder in Rīga, tranken noch ein letztes Bier und ab ging es in die Heia!
Sonntag, Sonnenschein! Womit habe ich dieses Glück nur verdient?
Zur Feier des Tages habe ich die Küche von oben bis unten geschrubbt. Im Übrigen ein weiterer Trick, um sich vom Trauma des Älterwerdens abzulenken.
Nebenher lief JUMP und erzählte mir von Vettels phänomenalem Sieg in Japan und vom Staugeschehen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Tief in die gräuliche Suppe des Fensterputzexzesses vertieft, hatte ich es nicht wahrgenommen, dass die liebe Moderatorin irgendwann verkündete, dass es doch schon 3 Uhr ist.
Erst bei den Nachrichten um halb vier deutscher Zeit hat mein Hirn realisiert, dass ich so langsam in die Puschen kommen sollte! Die Zeitverschiebung und das Radiohören werden mir irgendwann noch das Genick brechen. Apropos: diesen SuperGAU haben wir in den folgenden drei Stunden glücklicher Weise nicht erlebt. Nur eine überdehnte Schulter und das ein oder andere Blutspucken.
DI-NA-MO! DINAMO RĪGA! DI-NA-MO! DINAMO RĪGA! DI-NA-MO! DINAMO RĪGA! DI-NA-MO! DINAMO RĪGA!
Mein erstes Ice-Hockey-Spiel.
Dinamo Rīga gegen Magņitogorskas Metallurg. Ein wirklich gutes Spiel! Das erste Drittel verpasst (0:1), das zweite ein wenig zäh (0:2) doch im dritten ging es rasant zur Sache (2:2) und in der Nachspielzeit wurde der Siegestreffer zwei Minuten vor Ablauf der Zeit verwandelt. 3:2 für Riga! Wenn dieser Adrenalinrausch mal nicht süchtig macht! Gute Plätze in der ersten Reihe hinter den Spielern, direkt vor uns die Bande und auch wenn niemandem ein Zahn ausgeschlagen wurde, war es ein guter Einstand in DEN Nationalsport Lettlands.
Erst heute ist mir bewusst geworden, dass ich eine D(y/i)namo-Stadt gegen eine andere ausgetauscht habe. Neben dem amüsierenden Fakt, dass die lettische Landesvorwahl die selbe wie die Stadtvorwahl meiner Heimat ist, ein weiteres Zeichen, dass ich alles richtig gemacht habe!


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