Und schon ist Oktober. Jetzt sind es fast zwei Monate, die ich in Riga bin und der Gedanke, diese schöne Stadt im Juni schon verlassen zu müssen, macht mich traurig. Die perfekte Ablenkung: der offizielle Beginn meiner ersten Class. Psychosomatik. In Deutschland würde man dieses tägliche Beisammensitzen von zehn Studenten wohl als Seminar bezeichnen. Obwohl ich bisher nur zweimal die Freude hatte, zwischen den wahnsinnig an Erasmus interessierten Kommilitonen zu sitzen, hat mir das Fach mit seiner Andersartigkeit doch schon Tür und Tor zum Verständnis geöffnet. Hätte ich gewusst, dass Freud und Co. doch noch so interessant werden können, hätte ich vielleicht in der Medizinischen Psychologie ein wenig aufmerksamer die Ohren gespitzt. Manchmal kommt die Psychologophilie später als gedacht.
Zugegebener Maßen waren die ersten Stunden auch eher der Einstimmung gedacht. Nicht auf das Fach an sich, nein. Die fachliche Seite war von Beginn an zu 100% da. An den Dozenten und seinen Mangel an personal-space-Wahrnehmung musste ich mich jedoch erst einmal gewöhnen.
In Deutschland halten die Dozenten Abstand vom Studenten und vice versa. Nicht umsonst sagte ein schlauer Professor einmal: "Im Krieg und in der Vorlesung sind die sichersten Plätze hinten." Dem Motto getreu quetscht sich die Studentenschaft auch in den kleinsten Hörsälen in die hintersten Reihen und wenn man es nicht schafft, mindestens eine Reihe Sicherheitsabstand zum mit Wissen ansteckenden Dozenten zu halten gibt es nur eine Konsequenz: nächstes mal zehn Minuten vor allen anderen in den Hörsaal rennen. Auch die vom Aussterben bedrohte Art des Kontakt suchenden Dozenten hält instinktiv Abstand. Die Vorlesung mag mit einem verschmitzten Lächeln und dem Erklimmern der ersten Sitzreihen beginnen, doch spätestens auf Augenhöhe mit der Horde der Homo sapiens studiensis hält auch der furchtloseste Dozent inne, besinnt sich seines deutschen Sinnes für soziale Distanz und achtet penibel darauf, dass mindestens zwei Stuhlreihen ihn von besagter Art Mensch trennen. Nicht so der russisch-lettische Jungspund aus der Psychosomatik. Anstatt sich hinter seinem Laptop zu verschanzen wie es jeder Vorlesende vor ihm getan hat, nimmt er zu Beginn der Stunde demonstrativ den Stuhl in die Hand, stellt ihn direkt vor uns und macht es sich bequem. Wenn er uns nicht mit seinen Augen durchbohrt, da ihm scheinbar auch die mitteleuropäische Art des Blickkontaktunterbrechens zur Anspannungsentlastung des Gegenübers nicht geläufig ist, nippt er an seinem Kaffee mit Irish-Cream-Aroma. Mittlerweile haben wir uns an die Starrduelle gewöhnt und können uns endlich gedanklich dem Thematischen widmen. Drei fundamentale Statements von Tarass in der ersten Stunde: Man kann das Leben eines Menschen in einer 15minütigen Sitzung vollkommen ändern. Gefühle sind Infektionen. 99 Prozent der Menschen wissen, was die Antwort zu ihrem Problem ist, haben aber nicht den Mut, diese laut auszusprechen geschweige denn umzusetzen.
Samstag war es soweit: Steffi schmeißt ne Pizzaparty! Hallelujah! Ähnlich wie bei meiner überdimensionierten Abschiedsfete, die mir mit all ihrem Chaos immer noch ein Grinsen ins Gesicht treibt, habe ich es bei der Gästeliste für Samstag ein wenig übertrieben. Das Ende vom Lied: 15qm Küche, 20 Mann unterschiedlichster Nationalität, 6kg Pizzateig, 10 Pizzen, ein Ofen, zwei Bleche und viel, viel Spaß. UND: ZUM ERSTEN MAL EINE WARME WOHNUNG! Fünf Mann ersetzen eben auch eine Heizung.
Nach dem wundervoll sonnigen Samstag, den ich mit Teig kneten, protionieren und sonstigen Vorbereitungen an mir habe vorbeiziehen lassen, hatte ich die Hoffnung auf einen ebenso tollen Sonntag. War wohl nix. Wenn man morgens schon aufweckt und das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt hört, weiß selbst der größte Optimist, dass dieser graue Himmel heute nicht mehr strahlend blau wird. Wir waren dennoch im Ķemeru nacionālais parks , der eine Stunde von Rīga entfernt sich in scheinbar unendliche Weiten erstreckt. Auf einem der vielen Holzbohlenwege marschierten wir durch den Sumpf. Bei Sonnenschein oder auch verschneit und zugefroren im Winter muss dieser Ort ein wunderschönes, idyllisches Bild abgeben. Wir haben die volle Ladung herbstlichen Nieselwetters abbekommen. Dem zum Trotz war es ein schöner Ausflug. Ich liebe es, durch die herrlichen Weiten der lettischen Natur zu stapfen. Die Assoziation zu Frodo, Sam und Gollum, die sich ihren Weg nach Mordor durch ein Moor toter Menschen bahnen, ging trotzdem nicht an mir vorüber. Ein wenig Paranoia steckt wohl schon in mir.
Morgen ist Montag. Die fundamentale Tragweite dieses Satzes ist wohl nur den Bewohnern von Brīvības iela 110 ein Begriff. Denn ab Montag um 9Uhr bis Mittwoch um 10Uhr wird unsere Warmwasserversorgung gekappt. Zur Feier des Tages sitze ich, über eine Kerze gebeugt, damit meine mimische Muskulatur nicht einfriert, in meinen Mantel eingehüllt, die Decke um meine Beine geschlungen und das zur Wärmflasche umfunktionierte leere Gurkenglas zu meinen Füßen vor meinem Tablet und friere mir die Fingerspitzen ab.
Also, auf geht es in eine neue Woche. Der Einklang dazu kommt von Nancy McWilliams und nennt sich "Defense Mechanisms of the Psyche". Abgründe der menschlichen Seele, ich komme!
No comments:
Post a Comment