Saturday, October 19, 2013

Mission: Sofakauf

SS.LV ist das lettische Äquivalent zu Ebay-Kleinanzeigen. Es ist nicht unbedingt "Tausche Plattenspieler gegen zwei Stiegen Bananensaft", aber ähnlich konzipiert. Hat man nach unendlich langem Stöbern endlich einen Händler gefunden, der die englische Sprache beherrscht und sogar noch das Gesuchte im Rahmen der eigenen Preisvorstellung anbietet, ist das allein wie der in Erfüllung gegangene Sternschnuppenwunsch. 

Auftrag: WG Brīvības iela 110-3 sucht ein Sofa.
Miriam wurde fündig und so machen wir beide uns am Samstag Mittag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf in den Randbezirk von Rīga. Eine Stunde waren wir unterwegs, die Grenzen des Bekannten lagen schon ewig hinter uns, als wir mitten auf einer Autobahn aussteigen. Irgendwo außerhalb von Rīga, mit dem blassen Schimmer, in welcher Richtung die Lagerhalle des Anbieters zu finden sei. Mit dem studentischen Viertel Verspätung betreten wir das Gelände.
Beethovens Neunte als Hintergrundmusik. Drei Menschen. Der erste mit einer Fräse in der Hand, die Löcher im Asphalt ausschneidend. Der zweite auf seinen Ballen wippend, den ersten beobachtend. Die dritte, mit Telefon, schrille Unterhaltung.


Das erste Mal kommt der Gedanke auf: "O-oh." Ein wenig Angst im Bauch, die vor allem dadurch geschürt wird, das Mensch Nummero Zwo auf uns zugeeilt kommt. In schmutziger, zerlumpter Armeekleidung und kaputten, schwarzen Stiefeln kommen die vom Nikotin gelb verfärbten Zähne und der radikale Bürstenhaarschnitt perfekt zur Geltung. Er erinnert mich an eine Figur aus Borcherts Drama "Draußen vor der Tür". Vladimir spricht nur Russisch. Ob das daran liegt, dass er nur noch ein Ohr hat, wissen wir nicht. Nach einer Minute Zeichensprache haben wir uns verständlich gemacht: Wir sind hier, um uns die Möbel anzuschauen. Vladimir grinst, nickt und rennt. Nach fünfzehnminütigem Hin- und Hergerenne, diversen missverstandenen Wortwechseln, landen wir im Büro des Chefs. Der BMW-fahrende, gut gekleidete Endvierziger spricht zwar Englisch, hat aber keine Ahnung, mit wem wir reden wollen. Glücklicher Weise gibt es eines überall in Lettland problemlos: Internet. Fünf Minuten später ist "Kaspars" verständigt worden und der Besitzer macht sich auf den Weg. Kurz vor um eins, mit typisch lettischer Pünktlichkeit, trudelt besagter älterer Herr auch endlich ein. Auf geht's ins Möbelparadies.


Als er die uralte Holztüre öffnet, schießt mir ein zweites Mal "O-oh." durch den Kopf. Das ist keine Lagerhalle. Okay, es ist eine lettische Lagerhalle. Die eine Wand wird durch Bauschaum gedämmt, die gegenüberliegende ist nur von morschen Holzlatten verkleidet. Der Boden: abwechselnd Stein und Holz. Ein Hauch von Schwarzschimmel in der Luft. Staubpartikel tanzen im Schein der einsam von der Decke hängenden, das ganze in theatralisches Licht tauchenden Glühbirne. Auf 60 Quadratmetern tummeln sich semineue und alte, antike und moderne Sofas, Sessel und Klappcouches, alles querbeet. Die verranzten Schnäppchen stehen direkt neben den teuren, gut gepflegten Italienersofas. Charmant dazwischen trapiert: Fahrräder, die zu gut und zu neu aussehen, um (lange) gebraucht zu sein, was mal wieder die These unterstützen könnte, dass alle Fahrräder, die man hier erstehen kann, geklaut sind. Fast ein wenig wie Flohmarkt. Nach Hin- und Herstreifen zwischen Ledercouches und gestreiften Stoffbezügen, unterbrochen nur von Vladimirs unverständlichem Gebrabbel, haben wir doch tatsächlich zwei Schnäppele gefunden, die es in einer abenteuerlichen Transporterfahrt quer durch Rīga sogar noch am selben Nachmittag zu uns ins Wohnzimmer geschafft haben. Dort wurden sie gebonert und gescheuert, bis das Grau wieder Cremefarben und das Wasser im Wischeimer schwarz war.


WILLKOMMEN DAHEIM!

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