Gestern hatte ich meine ersten beiden offiziellen Lectures. Lectures sind Vorlesungen. Dementsprechend habe ich, als ich 7:30 Uhr das Lehrgebäude der RSU betrat, mit lärmenden Studenten gerechnet, die das Wochenende auswerten, Anekdoten aus dem Urlaub erzählen oder einfach Kaffee schlürfend versuchen, zu sich selbst zu finden. Nichts von dem. Das hoch modern eingerichtete Gebäude war wie leer gefegt. Das einzig bekannte war der Geruch: Desinfektionsmittel!
Nach kurzem Hin und Her hatte ich auch den Raum gefunden, zusammen mit einer anderen ErasmusStudentin aus Münster. Zu zweit in der Einführungsveranstaltung für Ophthalmologie? In Dresden würde der Dozent im Studiendekanat anrufen und entrüstet fragen, ob man vergessen habe, ihn zu informieren, dass seine Veranstaltung verlegt worden ist. Die ältere Dame, die auf uns zugewackelt kam mit ihrem leichten Schonungshinken war das ganze Gegenteil von entrüstet.Sie wusste nicht einmal, in welchem Raum sie ihre Vorlesung halten, geschweige denn wie sie an den Schlüssel für die Tür kommen oder, endlich im Inneren des Raumes angekommen, die Technik in Gang kriegen sollte.
Mit 30 Minuten Verspätung und um die Erkenntnis reicher, dass die PowerPointPräsentationsDatei der Einführungsvorlesung beschädigt ist, begann die erste Lecture. Thema: Glaukom. Die Zahl der zuhörenden Studenten hatte sich sogar erhöht: auf sage und schreibe D R E I junge Damen. Die zu letzt eingetrudelte war eine VollzeitRSUStudentin, ebenfalls gebürtige Deutsche. Ihrer Aussage nach sollten wir uns nicht wundern, wenn wir einmal allein in einer Vorlesung sitzen. Das käme hier wohl häufiger vor. Später, nach dem eingehenden Studium des akademischen Kalenders wird auch mir sehr schnell klar, warum: Semesterferien sind hier ein Fremdwort. Vorlesungen sind, anders als in Dresden, keine Pflichtveranstaltung. Ergo nutzt man die 4 Wochen Vorlesungszeit als Urlaub.
Nach 3 Stunden Ophthalmologie und einem wahnsinnig leckeren Mochacchino aus meinem neuen Lieblingskaffeeautomaten verabschiedet sich die Vorlesende zurück an ihre Augenklinik. Kaum ist sie zur Tür hinaus, betritt eine Frau das Zimmer, die das absolute Gegenteil von ihr darstellt: großgewachsen, Modelfigur, dezent geschminkt mit offenen, lockigen braunen Haaren, die sie mit einer lässigen Bewegung über die Schulter zurückstreicht, stolziert die Frau Doktor Sowieso für Neurologie auf ihren 8cm-Absatzschuhen zum Pult, setzt sich, schlägt die Beine übereinander und wirft uns ein zahnpastawerbungsreifes Lächeln zu. Ich gebe zu, wir waren alle erleichtert. So nett, wie die Augenärztin auch gewesen ist, ihr Englisch war leider genau so wenig beeindruckend wie ihre äußere Gestalt. Menschen suchen gern nach Mustern und wir glaubten, eines gefunden zu haben. Wie sich herausstellte, haben wir nicht nur eines gefunden. Ja, die junge Dame konnte mit ihren rot angemalten Lippen sehr akkurat englische Wörter mit perfekter Betonung vorlesen. Ja. Da ist der Haken. Vorlesen. Ich glaube, sie hat in der ganzen Lecture nur einen einzigen Satz selbst gebildet, der nicht auf ihren Folien stand: "Hello, do you know if there are any more people coming?". Enttäuschung stand mir ins Gesicht geschrieben, meine beiden Mitstreiter (die deutsche Vollzeitstudentin hat sich mittlerweile von einer norwegischeen Kollegin ablösen lassen) hatten große Aufmerksamkeitsprobleme und die Vorlesende starrte weiter eine Haarsträhne um den Finger wickelnd auf den flimmernden Bildschirm ihres apple-Computers. Ich habe ehrlich gesagt nur noch darauf gewartet, dass sie anfängt, Kaugummi zu kauen um ihre Langeweile noch zu unterstreichen. Glücklicherweise gehen selbst 90 Minuten irgendwann vorbei. Sicher ist: Ophthalmologie hat über Neurologie gesiegt, der Unterlegene ist zum Favoriten geworden und das Leben ist voller Überraschungen.
Apropos Überraschungen: beim kopflosen Nachhausestapfen fingen meine Augen durch Zufall das Wort "Briefkasten" auf. Mitten in Riga. Einmal den Blick vom Pflaster gehoben, hat sich dieses kleine Wunder auch schnell geklärt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die deutsche Botschaft gefunden!
Aber was macht man nun an einem Montagabend in Riga, wenn man am nächsten Tag keine Vorlesungen hat? Ganz einfach, man geht zur LieblingschaotenWG auf die Brivibas iela und sucht sich eine kleine Spielekneipe, in der man dann bis morgens um eins Rommee und Bloggus spielt. Noch ein kleiner Abstecher in die momentane In-Kneipe, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Alleringds sie war so Hipster, wahrscheinlich hat sie gar keinen. Um 2 wollte man endlich ins Bett fallen. Die Rechnung wurde nicht mit dem Wirt, äääh, Johannes und seinen Freunden-auf-Besuch gemacht. Wir saßen bis morgens um 5, haben Photos von ihrer kleinen Reise nach Tallinn angeschaut und über Gott und die Welt philosophiert. Dementsprechend war dann auch der heutige Tag. Etwas zäh wie Kaugummi. Es hat sich auch dadurch noch mehr gezogen, dass ich von der WG, die ich am Montag besichtigt hatte, noch nichts gehört habe.
Hoffentlich morgen. Hoffentlich ja.
Leergebäude statt Lehrgebäude. Wie im Film, nur schöner ;)
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